Ärzteverbände zum Honorarbeschluss 2018: „Situation wird sich verschärfen”

Nach­dem das Ergeb­nis der Hono­rar­ver­hand­lun­gen für die Ver­trags­ärz­te bekannt ist, mel­den sich Ärz­te­ver­bän­de mit mas­si­ver Kri­tik zu Wort. Da kei­ne Eini­gung zwi­schen KBV und GKV-Spit­zen­ver­band mög­lich war, hat­te der Erwei­ter­te Bewer­tungs­aus­schuss* ent­schie­den.

Der Ori­en­tie­rungs­wert wird 2018 um 1,18 Pro­zent von bis­her 10,53 Cent auf dann rund 10,65 Cent ange­ho­ben. Damit steigt die Gesamt­ver­gü­tung nach Anga­ben der KBV, die gegen die­sen Beschluss gestimmt hat­te, um cir­ca 525 Mil­lio­nen Euro. Von der KBV gefor­dert war eine Anhe­bung des Ori­en­tie­rungs­wer­tes um 2,4 Pro­zent. Der Spit­zen­ver­band der Kran­ken­kas­sen hat­te eine Null­run­de gewollt. Der KBV-Vor­stands­vor­sit­zen­de Dr. Andre­as Gas­sen und sein Stell­ver­tre­ter Dr. Ste­phan Hof­meis­ter haben sich in einer Stel­lung­nah­me zum Hono­rar­be­schluss dafür aus­ge­spro­chen, dass es künf­tig wie­der mög­lich sein soll­te, mit ein­zel­nen Kas­sen­ver­bän­den statt mit dem GKV-Spit­zen­ver­band Hono­rar­ver­hand­lun­gen zu füh­ren.

Hart­mann­bund: Sys­tem­de­bat­te muss geführt wer­den
Nach Über­zeu­gung des Vor­sit­zen­den des Hart­mann­bun­des (HB), Dr. Klaus Rein­hardt, erzwingt „die fort­ge­setz­te restrik­ti­ve Blo­cka­de­hal­tung des Spit­zen­ver­ban­des Bund der Kran­ken­kas­sen” bei den Hono­rar­ver­hand­lun­gen eine „grund­sätz­li­che Sys­tem­de­bat­te”. Das Selbst­ver­ständ­nis des Spit­zen­ver­ban­des, das im Wesent­li­chen dar­in bestehe, sich durch Bereit­stel­lung der mor­bi­di­täts­be­ding­ten Gesamt­ver­gü­tung von jeg­li­cher Ver­sor­gungs­ver­ant­wor­tung zu befrei­en, gehö­re grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt.

Eine bis­lang noch immer funk­tio­nie­ren­de Ver­sor­gungs­struk­tur mit wirt­schaft­lich selbst­stän­di­gen Ärz­tin­nen und Ärz­ten in ihren eige­nen Pra­xen wird auf Dau­er jede Anzie­hungs­kraft für jün­ge­re Ärz­tin­nen und Ärz­te ver­lie­ren, wenn ihr die finan­zi­el­le Grund­la­ge dadurch ent­zo­gen wird, dass einem unbe­grenz­ten Leis­tungs­ver­spre­chen der Kran­ken­kas­sen an ihre Ver­si­cher­ten ein rigi­de ein­ge­schränk­tes Hono­rar­vo­lu­men ohne jeden Bezug zum Leis­tungs­um­fang gegen­über­steht“, sag­te Rein­hardt. Solan­ge die Kran­ken­kas­sen am wirt­schaft­li­chen Risi­ko durch Demo­gra­phie, Mor­bi­di­täts­ent­wick­lung, medi­zi­ni­schen Fort­schritt und auch „von ihnen im Wett­be­werb selbst indu­zier­ten Leis­tungs­an­spruch der Ver­si­cher­ten” nicht unmit­tel­bar wirk­lich ange­mes­sen betei­ligt sei­en, wer­de es ihrer­seits zu kei­ner wirk­li­chen Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me im Rah­men einer sinn­voll orga­ni­sier­ten Pati­en­ten­ver­sor­gung kom­men. Es tra­ge am Ende „Züge von Per­fi­die”, so der HB-Chef, wenn die Kas­sen im Wett­be­werb um Kun­den immer mehr Leis­tungs­ver­spre­chen aus dem Hut zau­ber­ten, deren Kos­ten dann bei den Leis­tungs­er­brin­gern kom­pen­siert wür­den. Damit wer­de das Mor­bi­di­täts­ri­si­ko unver­än­dert bei den Ärz­ten abge­la­den.

Quar­tals­be­zug der Ver­gü­tung in Fra­ge stel­len
Rein­hardt: „Wir müs­sen des­halb – nicht nur mit Blick auf die Not­fall­ver­sor­gung – unse­ren Druck auf die Poli­tik erhö­hen, intel­li­gen­te Maß­nah­men zur Steue­rung der Inan­spruch­nah­me von Leis­tun­gen im Gesund­heits­we­sen gesetz­ge­be­risch zu imple­men­tie­ren.“ Dar­über hin­aus müs­se durch die ärzt­li­che Selbst­ver­wal­tung das Ziel fes­ter Prei­se für klar defi­nier­te ärzt­li­che Leis­tun­gen kon­se­quent ver­folgt wer­den. Im Übri­gen sei auch der Quar­tals­be­zug der ärzt­li­chen Ver­gü­tung, der immer wie­der auch zu einer medi­zi­nisch unbe­grün­de­ten Auf­blä­hung der Arzt-Pati­en­ten-Kon­tak­te füh­re, neben zahl­rei­chen ande­ren Effek­ten der Hono­rar­sys­te­ma­tik in einem kon­struk­ti­ven Dia­log grund­sätz­lich in Fra­ge zu stel­len. „Dies kann aber nur gelin­gen, wenn der legi­ti­me ärzt­li­che Hono­rar­an­spruch durch die Kran­ken­kas­sen in einer sol­chen Dis­kus­si­on nicht sofort wie­der in klein­krä­me­ri­scher Manier in Fra­ge gestellt wird“, stell­te Rein­hardt klar.
Auch wenn man sich für die Durch­set­zung die­ser For­de­run­gen auf „einen müh­sa­men und min­des­tens mit­tel­fris­ti­gen Weg” bege­ben müs­se, sei dies am Ende loh­nen­der, als sich Jahr für Jahr in Ver­hand­lun­gen zu bege­ben, an deren Ende „vor­her­seh­bar in ers­ter Linie das Gefühl der Ohn­macht und das Ritu­al öffent­li­cher Empö­rung” ste­he, mein­te Rein­hard.

Freie Ärz­te­schaft: „Ver­hee­ren­des Signal”
Die Freie Ärz­te­schaft (FÄ) kri­ti­siert den neu­en Hono­rar­be­schluss für die Kas­sen­ärz­te als „ver­hee­ren­des Signal für die ambu­lan­te Medi­zin in Deutsch­land”.
„Die fest­ge­leg­te Hono­rar­stei­ge­rung von 1,18 Pro­zent für das Jahr 2018 bil­det weder die Kos­ten­stei­ge­run­gen in den Arzt­pra­xen ab, noch wird sie dem ste­tig zuneh­men­den Behand­lungs­be­geh­ren der Bevöl­ke­rung gerecht. Real bedeu­tet das: Es wer­den noch weni­ger Mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen”, sag­te FÄ-Vor­sit­zen­der Wie­land Diet­rich.

Im Erwei­ter­ten Bewer­tungs­aus­schuss habe der Vor­sit­zen­de allein gegen die Ärz­te ent­schie­den. Das Ergeb­nis spie­ge­le nicht ein­mal die ele­men­ta­ren Kos­ten­stei­ge­run­gen der Kas­sen­ärz­te wider. „Nun muss jeder Arzt für sich ent­schei­den, was er damit anfängt”, beton­te Diet­rich. „Letzt­lich kön­nen vie­le Ärz­te gar nicht anders ver­fah­ren, als Umfang und Auf­wand der medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen ihrer wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on anzu­pas­sen. Das heißt oft, die­se wei­ter zu redu­zie­ren.” Die FÄ nennt hier­zu fol­gen­de Zah­len: Medi­zi­ni­sche Fach­an­ge­stell­te bekom­men dem neu­en Tarif­ab­schluss zufol­ge 4,8 Pro­zent mehr Gehalt. Für das Jahr 2018 pro­gnos­ti­ziert das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt eine Infla­ti­ons­ra­te in Deutsch­land von 1,7 Pro­zent. Durch die Bud­ge­tie­rung in der ambu­lan­ten Medi­zin wer­den bereits jetzt durch­schnitt­lich 20 Pro­zent der erbrach­ten ärzt­li­chen Leis­tun­gen nicht bezahlt. Zudem gibt es immer mehr älte­re Men­schen, die natur­ge­mäß mehr medi­zi­ni­sche Betreu­ung brau­chen.

Mög­lich­kei­ten der Kas­sen­ärz­te wei­ter ein­ge­engt
„Wie las­sen sich Kos­ten­stei­ge­run­gen, zuneh­men­der Behand­lungs­be­darf und Inves­ti­tio­nen in moder­ne medi­zi­ni­sche Gerä­te mit 1,18 Pro­zent Hono­rar­zu­wachs, also einem rea­len Minus, bewäl­ti­gen?”, fragt der FÄ-Chef. „Jeder Arzt muss jetzt ent­schei­den, wel­che medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen er im Bereich der Kas­sen­me­di­zin mit wel­chem Auf­wand noch ver­tre­ten und wel­che Leis­tun­gen er nur noch im Rah­men der Pri­vat­me­di­zin anbie­ten kann.” Schließ­lich sei­en Ärz­te ver­pflich­tet, jeden Pati­en­ten fach­ge­recht zu behan­deln – das sei nicht ver­han­del­bar.

Zeit für Pati­en­ten wird immer knap­per
Diet­rich befürch­tet, dass sich ange­sichts die­ser Hono­rar­ent­wick­lung die Bedin­gun­gen in der ambu­lan­ten Medi­zin wei­ter ver­schär­fen, so wie es die Pati­en­ten bereits seit Jah­ren wahr­neh­men:
Die Mög­lich­kei­ten der Ärz­te, kas­sen­ärzt­li­che Leis­tun­gen anzu­bie­ten, wer­den wei­ter ein­ge­engt. Auch der Man­gel an Pra­xis­nach­fol­gern wer­de sich ver­schär­fen. „Außer­dem haben wir immer weni­ger Zeit für unse­re Pati­en­ten”, beklagt der FÄ-Chef. Zeit sei aber wich­tig, um die rich­ti­gen Fra­gen stel­len und Unter­su­chun­gen umfas­send durch­füh­ren zu kön­nen. Des­halb habe die FÄ kürz­lich gefor­dert: mehr von den Kran­ken­kas­sen bezahl­te Zeit für Gesprä­che und Unter­su­chun­gen, mehr bezahl­te Zeit für die Grund­la­gen­me­di­zin in Deutsch­land. Das funk­tio­nie­re aber nicht, solan­ge sich die gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen als Spar­kas­sen gerier­ten und nur noch 15 Pro­zent aller Aus­ga­ben für die ambu­lan­te Medi­zin zur Ver­fü­gung stün­den.

* Anm. d. Red.: Der Erwei­ter­te Bewer­tungs­aus­schuss ist ein Schieds­gre­mi­um und wird ein­be­ru­fen, wenn im Bewer­tungs­aus­schuss (gemein­sa­me Selbst­ver­wal­tung der Ärz­te und Kran­ken­kas­sen), der über den Ein­heit­li­chen Bewer­tungs­maß­stab und Rege­lun­gen zur ver­trags­ärzt­li­chen Ver­gü­tung ent­schei­det, kei­ne Beschluss­fas­sung mög­lich ist. Der Bewer­tungs­aus­schuss wird dann um einen unpar­tei­ischen Vor­sit­zen­den und zwei wei­te­re unpar­tei­ische Mit­glie­der erwei­tert.
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