Blickkontakt: Was dem Auge (nicht) verborgen bleibt

Psy­cho­lo­gen der Uni­ver­si­tät Würz­burg wol­len den direk­ten Blick­kon­takt zwi­schen Men­schen genau­er erfor­schen. Pro­fes­so­rin Anne Böck­ler-Raet­tig orga­ni­siert hier­für den Auf­bau einer Emmy-Noe­ther-For­scher­grup­pe.

Ein aus­dau­ern­der Blick direkt in die Augen, ein lan­ges Anstar­ren, das Aus­wei­chen eines unan­ge­neh­men Bli­ckes: Die Augen sind wesent­li­cher Bestand­teil der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Unter dem Titel „More than meets the eye“ wid­men sich Psy­cho­lo­gen der Juli­us-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Würz­burg (JMU) in einer neu­en Emmy-Noe­ther-For­scher­grup­pe den Aspek­ten der mensch­li­chen Inter­ak­ti­on, die mit dem direk­ten Blick­kon­takt zusam­men­hän­gen.

Grup­pen­lei­te­rin Anne Böck­ler-Raet­tig arbei­tet bereits län­ger an der Fra­ge, wel­che affek­ti­ven und kogni­ti­ven Aspek­te der mensch­li­chen Koor­di­na­ti­ons- und Koope­ra­ti­ons­fä­hig­keit zugrun­de lie­gen.
Koor­di­na­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Koope­ra­ti­on funk­tio­nie­ren bei Men­schen in der Regel sehr gut. Die Psy­cho­lo­gie hat sich in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend damit beschäf­tigt her­aus­zu­fin­den, was denn die Mecha­nis­men sind, die dem zugrun­de lie­gen. „Das sind – und das ist das Schö­ne – oft die ganz ein­fa­chen Din­ge”, sagt Böck­ler-Raet­tig. Ein­fa­che Din­ge, wie aus­ge­tausch­te Bli­cke – bewusst oder unbe­wusst.

Erfor­schung des direk­ten Blick­kon­tak­tes
Gut erforscht ist mitt­ler­wei­le die Blick­fol­ge; die auto­ma­ti­sche Ten­denz, mit der Auf­merk­sam­keit den Bli­cken ande­rer Men­schen zu fol­gen. „Wir machen das die gan­ze Zeit und mer­ken es oft gar nicht. Und das hat einen Rie­sen­ein­fluss”, erklärt die Psy­cho­lo­gin, die seit Okto­ber 2015 eine Juni­or­pro­fes­sur am Insti­tut für Psy­cho­lo­gie der Uni Würz­burg inne­hat. Dadurch könn­ten Men­schen unter ande­rem die Per­spek­ti­ve des Gegen­übers – also was der Ande­re sieht, was ihn inter­es­siert oder was er haben oder tun möch­te – bes­ser ver­ste­hen.

Direk­ter Blick­kon­takt stand bis­her weni­ger im Fokus der For­schung. Hier setzt nun die neue Emmy-Noe­ther-For­scher­grup­pe an. Das Antrags­the­ma basiert grob auf einem ein­fa­chen Expe­ri­ment aus Böck­ler-Raet­tigs Dok­to­ran­den­zeit. Mit Kol­le­gen aus den USA und Kana­da fand sie her­aus, dass Blick­kon­takt, vor allem plötz­li­cher, unse­re Auf­merk­sam­keit bannt. „Das ist erst­mal ein recht ein­fa­cher Befund. Span­nend jedoch ist die Fra­ge, war­um das so ist und wie das funk­tio­niert”, sagt die Pro­fes­so­rin.

Funk­ti­on und Bedeu­tung im Fokus
Das For­schungs­vor­ha­ben glie­dert sich in drei Tei­le. Im ers­ten wol­len die For­scher klä­ren, wie der direk­te Blick­kon­takt funk­tio­niert. „Wel­che Rol­le spielt dabei die zeit­li­che Kom­po­nen­te”, fragt Anne Böck­ler-Raet­tig etwa. Und ins­ge­samt stellt sich die Fra­ge, wie sich die­ser Reiz in ande­re Rei­ze inte­griert, etwa den Emo­ti­ons­aus­druck auf einem Gesicht des Gegen­übers: „Mich inter­es­siert, wie dar­aus ein Gesamt­bild ent­steht und das „Sich-Anschau­en” mit ande­ren Rei­zen zusam­men­spielt.”

In die­sem Bereich der Grund­la­gen­for­schung arbei­ten die Wis­sen­schaft­ler unter ande­rem mit der Eye-tracking-Metho­de. Dabei wer­den Pro­ban­den sehr ein­fa­che Rei­ze prä­sen­tiert, zum Bei­spiel Gesich­ter, die einen anbli­cken oder eben nicht anbli­cken. Die Bewe­gun­gen der Augen und der Weg des Bli­ckes wer­den auf­ge­zeich­net und kön­nen ana­ly­siert wer­den. Hier arbei­tet die neue For­scher­grup­pe eng mit den Pro­fes­so­ren Lynn Hue­st­eg­ge (Psy­cho­lo­gi­sche Metho­den­leh­re) und Win­fried Kun­de, dem Lei­ter des Lehr­stuhls für Psy­cho­lo­gie III der JMU, zusam­men.

Im Fokus des zwei­ten Teils steht die Bedeu­tung des Blick­kon­takts in der sozia­len Inter­ak­ti­on und im sozia­len Ver­ste­hen. Und zwar für den­je­ni­gen, der bei­spiels­wei­se bei einem Gespräch zuhört, genau­so wie für den­je­ni­gen, der gera­de etwas sagt. Bereits in den 1960er-Jah­ren gab es ers­te Ver­su­che, die das Blick­ver­hal­ten in einem Gespräch unter­sucht haben. Das Ergeb­nis: Bli­cke haben eine dop­pel­te Funk­ti­on: Etwa: Hört mein Gegen­über zu? „Gleich­zei­tig kom­mu­ni­zie­re ich auch, etwa kurz bevor ich das Wort abge­be, schaue ich mei­nem Gesprächs­part­ner in der Regel in die Augen”, erklärt Böck­ler-Raet­tig. Aber ver­ste­hen wir ein­an­der? Und wenn nein – war­um nicht?

Bli­cke haben gro­ße Wir­kung für die sozia­le Inter­ak­ti­on
Ob wir unse­re Mit­men­schen ver­ste­hen, hat eine emo­tio­na­le und eine kogni­ti­ve Kom­po­nen­te. Bei der emo­tio­na­len Kom­po­nen­te, Empa­thie, geht es etwa dar­um, ob jemand ver­ste­hen kann, wie der Gegen­über sich gera­de fühlt. Genau­er: sich in ihn oder sie „hin­ein­füh­len” kann – und das pas­siert weit­ge­hend auto­ma­tisch.
Der kogni­ti­ve Zugang beschreibt die Mög­lich­keit zur Per­spek­tiv­über­nah­me. Was denkt jemand, was glaubt jemand, was plant jemand? Hier ist laut Böck­ler-Raet­tig eine span­nen­de Fra­ge: „Sind Men­schen, die ande­ren Men­schen beim Zuhö­ren viel in die Augen gucken, empa­thi­scher und fällt ihnen die Per­spek­tiv­über­nah­me leich­ter?”

Inter­ak­ti­ons­de­fi­zi­te und die mög­li­che Über­win­dung davon ste­hen im Fokus des drit­ten Teils. „Es gibt die Ansicht, dass vie­le Psy­cho­pa­tho­lo­gi­en auch Inter­ak­ti­ons­stö­run­gen sind – sonst wür­de es uns ja in der Regel auch nicht auf­fal­len”, sagt die Pro­fes­so­rin. Bei­spie­le sind sozia­le Ängst­lich­keit, Anpas­sungs­stö­run­gen und Autis­mus.

Sozia­le Ängst­lich­keit und Anpas­sungs­stö­run­gen
Sozia­le Ängst­lich­keit und Anpas­sungs­stö­rung sind die bei­den Defi­zi­te, die die Wis­sen­schaft­le­rin unter­su­chen möch­te. „Die hier betrof­fe­nen Men­schen wis­sen gewis­ser­ma­ßen nicht, wie es sozi­al ‚rich­tig‘ funk­tio­niert”, sagt Böck­ler-Raet­tig. Bei ihnen ist bei­spiels­wei­se die Empa­thie redu­ziert, wofür sie nichts kön­nen. „Bei sozia­ler Ängst­lich­keit weiß man, dass die Betrof­fe­nen ein etwas ande­res Blick­ver­hal­ten haben”, sagt die Psy­cho­lo­gin. „Mög­li­cher­wei­se sind es die­se ganz ein­fa­chen Mecha­nis­men, die ursäch­lich sind für unse­re sozia­len Fähig­kei­ten”, sagt die Pro­fes­so­rin.

Gemein­sam mit Mar­cel Roma­nos, dem Lei­ter der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie am Kli­ni­kum der Uni­ver­si­tät, ver­sucht die Psy­cho­lo­gin, die­se Krank­heits­bil­der bes­ser zu ver­ste­hen. Eine Moti­va­ti­on dahin­ter: Erkennt­nis­se in neue The­ra­pi­en ein­flie­ßen las­sen zu kön­nen. Dann könn­te das Erler­nen ein­fa­cher Ver­hal­tens­wei­sen, etwa in Bezug auf den Blick­kon­takt, kom­ple­xe­re sozia­le Zusam­men­hän­ge posi­tiv beein­flus­sen.

Das Emmy-Noe­ther-Pro­gramm der DFG
Die DFG möch­te mit die­sen For­scher­grup­pen jun­gen For­schen­den einen Weg zu frü­her wis­sen­schaft­li­cher Selbst­stän­dig­keit eröff­nen. Im Rah­men der Grup­pe von Anne Böck­ler-Raet­tig bedeu­tet dies laut Mit­tei­lung der Uni­ver­si­tät Würz­burg eine För­de­rung von bis zu 800.000 Euro in fünf Jah­ren. Damit wer­den unter ande­rem ein Post­doc, drei Dok­to­ran­den und zwei Hilfs­kräf­te finan­ziert.

 

Quel­le: Uni­ver­si­tät Würz­burg

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