Endokrine Disruptoren DGE: „EU-Kriterien unzureichend”

Endo­kri­ne Dis­rupto­ren (EDCs), auch Umwelt­hor­mo­ne genannt, sind wegen ihrer mög­li­chen Gesund­heits­schä­di­gung hoch­um­strit­ten. Im Juli wur­den die EU-Kri­te­ri­en für Pflan­zen­schutz­mit­tel ange­nom­men, mit denen EDCs iden­ti­fi­ziert und Zulas­sun­gen ggf. abge­lehnt wer­den kön­nen. Die­se Kri­te­ri­en sind nach Mei­nung der Deut­schen Gesell­schaft für Endo­kri­no­lo­gie (DGE) unzu­rei­chend.

Endo­kri­ne Dis­rupto­ren (EDCs) fin­den sich in Kunst­stoff­ver­pa­ckun­gen, Fer­tig­nah­rung, Kos­me­ti­ka und Pflan­zen­schutz­mit­teln. Es sind weit­ver­brei­te­te syn­the­ti­sche oder natür­lich vor­kom­men­de Stof­fe, die in den Hor­mon­haus­halt des Kör­pers ein­grei­fen kön­nen. Exper­ten wis­sen schon lan­ge, dass EDCs die Gesund­heit beein­träch­ti­gen kön­nen. „Man­che der che­mi­schen Sub­stan­zen wir­ken wie Hor­mo­ne und bin­den im Kör­per an einen Hor­mon­re­zep­tor. Ande­re wie­der­um blo­ckie­ren Hor­mon­re­zep­to­ren und ver­hin­dern so, dass kör­per­ei­ge­ne Hor­mo­ne ando­cken und wirk­sam wer­den kön­nen“, erklärt Pro­fes­sor Dr. rer. nat. Josef Köhr­le vom Insti­tut für Expe­ri­men­tel­le Endo­kri­no­lo­gie, Cha­rité – Uni­ver­si­täts­me­di­zin Ber­lin, und Prä­si­dent der DGE. Wie­der ande­re Sub­stan­zen stö­ren die Pro­duk­ti­on oder die Umwand­lung kör­per­ei­ge­ner Hor­mo­ne und brin­gen so das fein aus­ta­rier­te Hor­mon­sys­tem aus der Balan­ce. „Seit Jahr­zehn­ten beob­ach­ten wir eine zuneh­men­de Beein­träch­ti­gung der männ­li­chen und weib­li­chen Frucht­bar­keit“, sagt Köhr­le. Fünf bis zehn Pro­zent der Frau­en im gebär­fä­hi­gen Alter lit­ten bei­spiels­wei­se an dem Syn­drom der poly­zys­ti­schen Ova­ri­en (PCOS), das für Zyklus­stö­run­gen, Zys­ten in den Eier­stö­cken und unge­woll­te Kin­der­lo­sig­keit ver­ant­wort­lich ist. „Es gibt mehr hor­mon­ab­hän­gi­ge Tumo­ren, also mehr Pro­sta­ta-, Hoden- und Brust­krebs, Jugend­li­che kom­men frü­her in die Puber­tät, Über­ge­wicht und Dia­be­tes neh­men eben­so zu wie Ent­wick­lungs­stö­run­gen bei Kin­dern“, so Köhr­le wei­ter. Wenn­gleich es immer Ursa­chen­bün­del sind, die Krank­hei­ten ver­ur­sa­chen, bestehe kein Zwei­fel dar­an, dass bestimm­te EDCs wie Bis­phe­no­le oder Phtha­la­te dar­an betei­ligt sind, die bei­de in der Her­stel­lung von Kunst­stof­fen, vie­len Haus­halts­ge­gen­stän­den und Kör­per­pfle­ge­mit­teln ver­wen­det wer­den, so der Exper­te.

Ver­tre­ter der EU-Mit­glied­staa­ten haben Anfang Juli 2017 einem Vor­schlag der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zu „wis­sen­schaft­li­chen Kri­te­ri­en für die Bestim­mung endo­kri­ner Dis­rupto­ren im Bereich Pflan­zen­schutz­mit­tel“ zuge­stimmt. „Was zunächst ein­mal gut klingt, ist bei genau­er Betrach­tung eine halb­her­zi­ge Ange­le­gen­heit. Die Kri­te­ri­en der EU-Kom­mis­si­on las­sen Schlupf­lö­cher offen“, so Köhr­le. Es gibt Aus­nah­men für eini­ge in der Land­wirt­schaft ein­ge­setz­te Pes­ti­zi­de, die über einen bestimm­ten Wirk­me­cha­nis­mus ver­fü­gen, um in das endo­kri­ne Sys­tem des Schäd­lings ein­zu­grei­fen und damit sei­ne Ver­meh­rung unter­bin­den. Fipro­nil ist dafür ein gutes Bei­spiel. Es wirkt als EDC für Gehirn und Ner­ven­sys­tem sowie auf die Nach­kom­men. „Bei Men­schen und Säu­ge­tie­ren ist es zwar nicht der glei­che Rezep­tor für Sexu­als­te­ro­id-Hor­mo­ne wie bei den Insek­ten, aber ers­te­re ver­fü­gen über eine Grup­pe von ver­wand­ten Rezep­to­ren. Das könn­te also zu den bereits genann­ten Erkran­kun­gen füh­ren“, erklärt Köhr­le. Das EU-Kri­te­ri­en-Bün­del wird dazu füh­ren, dass Che­mi­ka­li­en, die als EDCs ent­wi­ckelt wer­den, nicht als EDCs klas­si­fi­ziert wer­den kön­nen. Damit stün­de ihrer Zulas­sung nichts im Weg.

Fach­leu­te wün­schen sich schon lan­ge, dass die Poli­tik stär­ker ins Han­deln kommt, ähn­lich wie bei Krebs aus­lö­sen­den Stof­fen: So sind bei­spiels­wei­se Dioxi­ne, deren krebs­aus­lö­sen­den Eigen­schaf­ten durch Stu­di­en belegt wer­den konn­ten, in der Umwelt stark redu­ziert wor­den, da es tech­ni­sche und recht­li­che Maß­nah­men auf poli­ti­scher Ebe­ne gab. Auch Ver­bo­te konn­ten durch­ge­setzt wer­den, wie für chlo­rier­ten Koh­len­was­ser­stoff PCP (Pen­ta­chlor­phe­nol) oder die poly­chlo­rier­ten Biphe­nyle (PCB). Die­se wur­den als Weich­ma­cher in Kunst­stof­fen und als Zusatz­stoff für Far­ben und Dich­tungs­mas­sen ver­wen­det. „Wie bei kar­zi­no­ge­nen Stof­fen soll­te sich in der Poli­tik das Vor­sor­ge­prin­zip durch­set­zen: Bereits der Ver­dacht einer Gesund­heits­ge­fähr­dung soll­te aus­rei­chen, um eine Sub­stanz vom Markt zu neh­men“, for­dert Köhr­le.
Die DGE unter­stürzt die Posi­ti­on der gro­ßen inter­na­tio­na­len endo­kri­no­lo­gi­schen Fach­ge­sell­schaf­ten, die deut­lich vor einer Annah­me die­ser EU-Kri­te­ri­en gewarnt hat­ten – ohne Erfolg. An die deut­schen Behör­den gerich­tet for­dert der DGE-Prä­si­dent: „Auf­klä­rungs­maß­nah­men für beson­de­re Bevöl­ke­rungs­grup­pen wie etwa schwan­ge­re Frau­en und ein natio­na­ler Akti­ons­plan zum Schutz vor sol­chen Umwelt­hor­mo­nen sind unver­zicht­bar.“

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