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​Patientenschutz-Stiftung

Forderung nach staatlicher Verteilung von Organen

19.06.2017
Foto: © CrazyCloud - fotolia.com

Vor dem Hintergrund des Vorwurfes von Regelverstößen bei Lebertransplantationen am Uniklinikum Essen hat die Deutsche Stiftung Patientenschutz ein neues Organspendesystem gefordert. 

Die Verantwortung für die Organverteilung müsse in staatliche Hände übergehen, sagte Vorstand Eugen Brysch der Deutschen Presse-Agentur am Montag. Bislang läuft die Verteilung der Spenderorgane über die Stiftung Eurotransplant. Vergangenen Freitag war bekannt geworden, dass eine Untersuchungskommission dem Uniklinikum Essen im Zeitraum 2012 bis 2015 zahlreiche Richtlinien-Verstöße bei Lebertransplantationen vorwirft.

Das Universitätsklinikum Essen (UK-Essen) bemängelte daraufhin, dass Informationen über eine Prüfung des dortigenLebertransplantationsprogramms öffentlich wurden, obwohl dem UK Essen bis zu diesem Zeitpunkt lediglich ein vorläufiger Bericht vorgelegen habe, zu dem die Klinik nach eigenen Angaben umfassend Stellung genommen habe.

"Eine sogenannte Prüfungs- und Überwachungskommission, die im Auftrag von Bundesärztekammer, GKV-Spitzenverband und Deutscher Krankenhausgesellschaft zur Kontrolle der Einhaltung des Transplantationsgesetzes sowie von der Bundesärztekammer hierzu erlassener Richtlinien regelmäßige Überprüfungen aller deutschen Transplantationszentren durchführt, meint in diesem vorläufigen Bericht über die Prüfung des hiesigen Lebertransplantationsprogramms für die Jahre 2012 bis 2015 schwerwiegende Rechtsverstöße festgestellt zu haben", heißt es in einer Pressemitteilung der Klinik vom vergangenen Freitag. "Die Kommission meint, hier im Haus sei willentlich und systematisch gegen geltendes Recht verstoßen worden. Dem widerspricht das Universitätsklinikum Essen – auch vor Kenntnisnahme von einem zu erwartenden endgültigen Bericht – in aller Entschiedenheit."

Der vorläufige Kommissionsbericht beruhe in weiten Teilen auf unzutreffenden medizinischen Annahmen, heißt es in der Mitteilung weiter. Nachweisbar seien - von Personen ohne jede spezifische Fachkompetenz - in zahlreichen Fällen falsche Angaben über die Größe von Tumoren den Beanstandungen zugrunde gelegt worden. "Entsprechendes gilt für die Rügen hinsichtlich der Alkoholabhängigkeit von Organempfängern. Darüber hinaus erweist sich der Bericht wegen gravierender Rechtsverstöße als untaugliche Grundlage für weitere Verfahren." Der Bericht sei von einer irregulären Kontrollinstanz verfasst worden, missachte in der Art seiner Entstehung elementare rechtsstaatliche Anforderungen und beruhe auf gesetzes- beziehungsweise verfassungswidrigen Maßstabsnormen, so die Essener Klinik. 

"Selbst wenn man die einschlägigen Richtlinien der Bundesärztekammer als verbindliche Vorgaben akzeptiert, ist festzuhalten: Zwar hat die Essener Praxis bis zum Mai 2016 die entsprechenden Dokumentationspflichten nicht hinreichend beachtet. Doch war sie ausgerichtet an dem zentralen Anliegen der Regelung zur sogenannten Rettungsallokation, soweit medizinisch vertretbar, möglichst jedes grenzwertige Organ möglichst effektiv zu verwenden. In keinem Fall hat die sogenannte Prüfungs- und Überwachungskommission nachweisen können, dass der jeweilige Empfänger ein Organ zu Unrecht bekommen hätte", erlärt das Universitätsklinikum Essen.

Die festgestellten Dokumentationsmängel seien zwischenzeitlich in Gänze behoben, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Zudem habe das Universitätsklinikum Essen schon im Vorfeld eines endgültigen Berichts eine "dezidierte Aufarbeitung sämtlicher Vorhaltungen vorgenommen, die in eine Gegendarstellung mündeten, die vielfältige Mängel und Fehler in der Arbeit der Kommission und in deren vorläufigem Bericht aufzeigt". Diese Gegendarstellung sei der Kommission und deren Trägerorganisationen im Vorfeld zugegangen. Offensichtlich habe sich die Kommission damit aber bislang nicht oder allenfalls unzureichend auseinandergesetzt.

Nach Bekanntwerden der Kritik durch die Kommission hat das UK Essen nach eigener Aussage mit "renommierter und neutraler Unterstützung von dritter Seite" alle Lebertransplantationen ab Mai 2016, dem Zeitpunkt der ersten Überprüfung durch die Kommission, bis in die jüngste Zeit untersuchen lassen. Beanstandungen seien nicht festzustellen gewesen. 

„Dem internationalen Stellenwert unseres Lebertransplantationsprogramms entsprechend nahmen wir die von der sogenannte Prüfungs- und Überwachungskommission geäußerte Kritik trotz aller Bedenken an ihrer Vorgehensweise sehr ernst und analysierten diese in jeder Hinsicht akribisch“, so der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des UK-Essen, Prof. Jochen A. Werner. „Die unter Einbeziehung nationaler und internationaler Transplantationsexperten sowie ausgewiesener Juristen vorgenommene Aufarbeitung belegt, dass die für den damaligen Untersuchungszeitraum angemahnten Dokumentationsmängel zwischenzeitlich abgestellt und die zudem erhobenen Vorwürfe weitgehend haltlos sind. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass fehlende gesetzliche Vorgaben dringend erstellt werden müssen, um die auf Spenderorgane wartenden Patienten ihrem Leiden entsprechend angemessen versorgen zu können, aber auch den mit der Vergabe von Organen Betrauten die unbedingt erforderliche Rechtssicherheit zu gewähren. Damit handelt es sich nicht um eine Problematik nur für die Essener Universitätsmedizin, sondern um bestehende Gesetzeslücken zur Lebertransplantation in Deutschland. Fest steht jedenfalls, dass am UK-Essen zu keiner Zeit willentlich und bewusst Rechtsverstöße stattgefunden haben. Im Gegenteil, am UK-Essen wird jede Lebertransplantation mit höchster ärztlicher und wissenschaftlicher Expertise durchgeführt. Herrn Prof. Paul [Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie] und seinem Team sprechen wir unser vollstes Vertrauen aus.“ (dpa/lnw/ac)

 

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