Anzeige
Anzeige
Neues Versorgungskonzept Schlaganfall

53 kostbare Minuten gespart

13.03.2017
Foto: © spotmatikphoto - Fotolia.com

In der Behandlung eines Schlaganfalls gilt: time is brain. 53 Minuten kostbare Zeit für das Gehirn bringt ein neues Versorgungskonzept, das ein interdisziplinäres Team von Schlaganfallforschern an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) entwickelt hat. Das Konzept organisiert und beschleunigt die Arbeitsabläufe ab Eintreffen eines Patienten mit Schlaganfallbeschwerden in der Notaufnahme bis zur Behandlung.

Schlaganfallforscher der Universitätsmedizin Göttingen haben einen Musterablauf für die Behandlung von akuten Schlaganfallpatienten erarbeitet, der die Zuständigkeiten der beteiligten Ärztinnen und Ärzten koordiniert, die wichtigsten Eckpfeiler der Behandlungsmaßnahmen festlegt und Richtzeiten für die einzelnen Schritte zwischen Ankunft und Behandlung nennten. Damit lassen sich in der Erstversorgung der Patienten 53 Minuten einsparen.

Die AG „Klinische Schlaganfallforschung“ der UMG unter der Leitung von Priv.-Doz. Dr. Marios Psychogios, Institut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, und Priv.-Doz. Dr. Jan Liman, Klinik für Neurologie beschäftigt sich seit vielen Jahren unter anderem mit Diagnose- und Therapieoptimierung des Schlaganfalls. Im Jahr 2014 wurde gemeinsam mit Prof. José Hinz, Klinik für Anästhesiologie das neue Konzept entwickelt.

„Durch Standardisierung der Abläufe und strukturierte Zusammenarbeit zwischen den einzelnen an der Schlaganfallbehandlung beteiligten Kliniken konnte an der UMG die Zeit bis zur Behandlung deutlich verkürzt werden“, sagte Dr. Katharina Schregel, Institut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie und Erstautorin der Publikation. „Dadurch konnte der Behinderungsgrad von Schlaganfallpatienten erheblich reduziert werden“, fügte Liman hinzu. „Jeder, in der Schlaganfalltherapie beteiligte Mitarbeiter der UMG, sei es technisches und Pflegepersonal, Assistenzärzte, Oberärzte oder Klinikleiter, hat eine wichtige Rolle in diesem Prozess“, erklärte Psychogios.

Der Göttinger "Schlaganfall-Ablaufplan"

Das neu entwickelte Konzept standardisiert die Arbeitsabläufe bei Schlaganfällen. Ziel ist es, die Zeit zwischen Ankunft des Patienten in der UMG und der Wiedereröffnung des verschlossenen Blutgefäßes so gering wie möglich zu halten. Trifft ein Patient mit Schlaganfallsymptomen in der Notaufnahme der UMG ein, wird er unmittelbar von einem Neurologen untersucht. Dieser begleitet den Patienten zur weiteren Diagnostik im Institut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie. Dort werden Schnittbilder des Gehirns und der gehirnversorgenden Gefäße angefertigt, um eine Gehirnblutung als Ursache der Beschwerden auszuschließen und das verschlossene Gefäß zu identifizieren. Wird ein Gefäßverschluss gefunden, wird direkt nach der Bildgebung mit der Lysetherapie zur Auflösung von Blutgerinnseln begonnen, sofern keine Gegenanzeigen aufgrund von beispielsweise anderen Erkrankungen des Patienten bestehen. Danach erfolgt sofort der Transport in das Katheterlabor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie. Dort wird die mechanische kathetergestützte Gefäß-Wiedereröffnung durchgeführt. Alle Patienten werden anschließend zur engmaschigen Überwachung und Diagnostik von möglichen Ursachen des Schlaganfalls auf die neurologische Intensivstation bzw. zertifizierten Stroke Unit aufgenommen.

Zeitgewinn von 53 Minuten

Innerhalb des Göttinger Schlaganfall-Ablaufplanes sind die Aufgaben der einzelnen Ärzte sehr genau definiert. Durch Schulungen des Personals und ständige Evaluation der Fälle wird gewährleistet, dass vorab definierte und mit internationalen Empfehlungen übereinstimmende Richtzeiten eingehalten und sogar übertroffen werden. So konnte mit dem neuen Konzept eine Zeitersparnis von 53 Minuten zwischen Ankunft der Patienten in der Notaufnahme und Behandlung erzielt werden. Dadurch wurde auch das Behandlungsergebnis deutlich verbessert: Die Anzahl der Patienten, die nach einer endovaskulären Behandlung wieder völlig beschwerdefrei sind, konnte von 1,5 Prozent vor Einführung des Ablaufplanes auf 9,1 Prozent angehoben werden. Gleichzeitig sank die Anzahl der dauerhaft sehr schwer betroffenen Patienten von 44,3 Prozent auf 36,4 Prozent.

Neues Ziel: Weitere Minuten gewinnen

Aktuell arbeitet die AG „Klinische Schlaganfallforschung“ der UMG daran, die Zeit zwischen Einlieferung und Behandlung noch weiter zu verkürzen und die Arbeitsabläufe weiter zu optimieren. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Diagnosestellung direkt im Katheterlabor mit Hilfe von Schnittbildern über die Angiographie-Anlage erfolgen kann, die auch zur weiteren Behandlung genutzt wird. Dadurch können in Zukunft weitere Minuten gespart werden, die bislang für den Transport und die initiale Diagnosestellung in der konventionellen CT oder MRT benötigt werden. Weitere Forschungsschwerpunkte der AG sind Verfahren, die zur Prognose- und Risikoabschätzung sowie zur Ursachenfindung von Schlaganfällen angewendet werden können.
 

Foto: © spotmatikphoto - Fotolia.com