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Der Psychiater für zu Hause

Klinik-Fachärzte erproben neues Modell

17.07.2017
In Berlin kommen Psychiater zu ihren Patienten nach Hause – manchmal auch mit dem Fahrrad. (Foto: © connel_design - Fotolia.com)

Seit rund einem Jahr testet die DAK mit den kommunalen Vivantes-Kliniken in den Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln ein neues Modell zur Betreuung psychiatrischer Patienten. Rund 200 Patienten haben bislang von "Flexi-Team" oder "Home Treatment" profitiert.

Auch in Berlin arbeiten Psychiater meist in Praxen, Ambulanzen oder im Krankenhaus. Das Modellprojekt versucht, dieses starre System aufzubrechen. Das ist auch im Sinn des neuen Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung für psychiatrische Leistungen, kurz PsychVVG. Es sieht seit Jahresbeginn eine "stationsäquivalente psychiatrische Behandlung vor" – gleichwertige aufsuchende Hilfe statt eines Klinikaufenthalts.
 
Ziel der Kooperation von Vivantes und der Krankenkasse DAK ist es, mehr auf die individuellen Wünsche und Fähigkeiten von Menschen mit seelischen Erkrankungen einzugehen – weg vom genormten "Fall". Dafür vergibt die DAK für die psychiatrischen Kliniken ein Gesamtbudget von rund zwölf Millionen Euro im Jahr. "Es ging nicht um Kostenersparnis", betonte Volker Röttsches, DAK-Leiter für Berlin und Brandenburg. Das Budget für die Psychiatrien sei gleich groß geblieben. Vivantes hat für das Modell acht Stellen zusätzlich geschaffen. Die Krankenhäuser können bei der Verwendung der Mittel nun frei zwischen ambulant, stationär, Hilfen zu Hause und vergleichbaren Leistungen entscheiden.
 
Was simpel klingt, ist für Klinikärzte eine große Befreiung. Denn bisher ist ein Patient entweder ambulant oder stationär. "Dazwischen gibt es nichts", sagte Andreas Bechdolf, Chefarzt der Psychiatrie im Kreuzberger Klinikum Am Urban. "Alle denken zuerst an die Geldtöpfe, aber nicht an die Patienten." Die Niederlande, Großbritannien, Skandinavien, sie alle handhaben Hilfen inzwischen flexibel. "Nur bei uns wird das nicht finanziert, obwohl es sinnvoller ist", ergänzt seine Kollegin Ingrid Munk.
 
Eine erste Zwischenbilanz des Modellversuchs nach einem Jahr? Weniger Menschen fielen durch das Raster, sagt Bachdolf. Die neue Verzahnung der Hilfsangebote auch außerhalb der Klinik bremse "Drehtüreffekte" aus. Dabei verlassen Menschen zum Beispiel nach einer behandelten Psychose die Klinik, kommen zu Hause aber nicht zurecht. Und dann werden sie wieder eingeliefert.
 
Andere psychisch Kranke möchten nicht für längere Zeit in eine Klinik. Für junge Frauen spielt eine Rolle, dass sie ihre Kinder nicht allein lassen möchten. Für sie greife nun ein gleichwertiger Behandlungsplan, nur eben ohne Klinikbett, sagt Munk. "Eine akute psychische Erkrankung muss nicht immer Krankenhaus bedeuten." Natürlich sei aufsuchende Hilfe nicht bei allen seelisch kranken Menschen möglich. "Aber für bis zu einem Viertel von ihnen kann es nach unseren bisherigen Erfahrungen eine Alternative sein."
 
Das Modellprojekt kann acht Jahre laufen. Im ersten Jahr haben rund 200 Patienten in Kreuzberg und Neukölln von dem neuen Ansatz profitiert. Von allen Behandelten im Programm hatten die Alternativ-Angebote nur bei zehn Prozent keinen Erfolg, berichten die Kliniken.  
 
Psychiater Sandeep Rout vom Klinikum Neukölln fährt nun mit der U-Bahn zu einigen seiner Patienten. Er sieht bei seinen Hausbesuchen Hierarchien dahinschmelzen. "Wir sind bei unseren Patienten zu Gast", sagt er. "Da fällt viel mehr ins Auge, was sie gut können. Und nicht zuerst, was sie alles nicht können."
 
Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit sieht das Kooperationsmodell erst einmal positiv. "Es ist gut, neue Wege zu erkunden und dadurch Schnittstellen zwischen ambulanter und klinischer Versorgung sowie anderen Angebotsformaten zu bedienen", sagte Thomas Götz, Landesbeauftragter für Psychiatrie – und selbst vom Fach. Weniger gut findet er, dass das neue Konzept bei Vivantes nur Versicherten einer Krankenkasse zur Verfügung steht – und nicht allen Patienten. Vivantes sagt dazu, der Konzern habe auch bei anderen Kassen angefragt. Bisher sei keine Bereitschaft signalisiert worden.
 
Thomas Götz will das neue Modell nicht in den Himmel loben. Grundsätzlich sei die Hauptstadt mit den bisherigen Beratungs- und Hilfsangeboten bei akuten psychischen Krisen bestens ausgestattet, betont er. Dazu zählten zum Beispiel der Krisendienst, die sozialpsychiatrischen Dienste der Bezirke und auch die Telefonseelsorge. Hinzu kämen die Angebote der gemeinnützigen Gesellschaft Pinel. Sie bietet psychisch erkrankten Menschen ein Versorgungsangebot, das Klinik- und Heimaufenthalte sowie Rückfälle möglichst vermeiden soll.
 
Doch auch bei Pinel kommt es am Ende auf die Krankenversicherung an. Allein DAK, BKK, VBU und die AOK Nordost trügen den Ansatz mit, berichtet Götz. Berlin habe ein großes Interesse daran, solche Modelle zu einer Hilfe für alle Patienten auszubauen. Doch dafür müssten Erfahrungen gesammelt werden und Diskussionen beginnen. Er wolle sie gern moderieren.
 
Schon lange geht es in der Klinik-Psychiatrie darum, die Verweildauer von Patienten zu verringern. "Vor 30 Jahren waren wir bei 60 Tagen, heute sind es 16", berichtet Munk. Dabei spiele nicht allein Einspar-Potenzial eine Rolle. Selten tue es gut, lange Zeit in einer Krankenhaus-Atmosphäre zu leben. Und die "Geschlossene"? Nur rund acht Prozent der Patienten seien nicht freiwillig in der Psychiatrie, antwortet die Ärztin. In der Regel hätten Richter sie eingewiesen, weil sie eine Gefahr für andere Menschen seien – oder für sich selbst.
 
Natürlich bedeute das neue Modell, begrenzt Risiken einzugehen, betont Chefärztin Munk. "Aber man kann auch niemanden einsperren." Das flexible Herangehen könne passen, wenn ein Patient ansprechbar sei und sich an die gemeinsam verabredeten Vereinbarungen halte. "In der Regel sind Patienten damit zufriedener – und ihre Angehörigen auch."  Ein Plan für die Zukunft ist, die Flexi-Teams auch an die Notaufnahmen anzubinden. Damit Patienten, für die die neuen Hilfsangebote der Klinik passen, gar nicht erst auf die Psychiatriestation verlegt werden müssen.

Bundesweit ist das Berliner Modell kein Einzelfall. Das Uniklinikum Dresden hat zur Zeit 97 ähnliche Projekte im Blick und will auf lange Sicht Erfolge bei Patienten mit jenen vergleichen, die klassisch betreut werden. Dabei geht es auch um Kosten und Effizienz. (dpa)
 

In Berlin kommen Psychiater zu ihren Patienten nach Hause – manchmal auch mit dem Fahrrad. (Foto: © connel_design - Fotolia.com)