Anzeige
Anzeige
Glückspiel-Studie

Hohe Komorbidität bei Spielsucht

13.04.2017
Symbolbild: © peterzayda - Fotolia.com

Je jünger spielsüchtige Menschen bei ihrem ersten Kontakt mit dem Glücksspiel waren, desto ausgeprägter ist der spätere Schweregrad ihrer Erkrankung. Dies ist eines der Ergebnisse eines Studienauftrages zur Erforschung des pathologischen Glücksspiels, den das baden-württembergische Sozialministerium an das Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit vergeben hat.

In Deutschland sind etwa 0,3 bis 0,5 Prozent der Erwachsenen (bis 64 Jahre) pathologische Spieler. Eine etwa gleich hohe Zahl an Personen weist einen „problematischen Gebrauch“, also eine etwas weniger schwere Variante auf. In den vergangenen Jahren hat die Problematik des pathologischen Glücksspiels unter anderem mit dem wachsenden Angebot, auch im Internet, zugenommen. Ein Grund dafür, dass das Ministerium für Soziales und Integration, Baden-Württemberg, einen Studienauftrag zur Erforschung des pathologischen Glücksspiels an die Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am ZI vergab. Geleitet wurde die Studie von Prof. em. Karl Mann, dem damaligen Lehrstuhlinhaber für Suchtforschung am ZI und heutigen Seniorprofessor der Universität Heidelberg. Ziel der Studie war eine detaillierte Analyse von Betroffenen und die Ableitung diagnostischer Kriterien als Basis für neue Ansätze in der Behandlung und Prävention des pathologischen Glücksspiels.
 
 Untersucht wurden die Patienten und gesunden Kontrollpersonen auf deskriptiv-klinischer Ebene (diagnostische Einordnung, bevorzugtes Glücksspiel, psychiatrische Begleiterkrankungen, familiäre Belastung, Persönlichkeitsprofil) sowie auf neurobiologischer Ebene der Hirnfunktionen und -strukturen (mittels funktioneller Magnetresonanztomographie und neuropsychologischen Tests).
 
Ergebnisse der klinischen Untersuchungen

Zusammengefasst weist die Untersuchung an 515 Patienten die Automatenspiele mit 87 Prozent als die eindeutig präferierte Spielform auf, gleichzeitig fand sich eine hohe Belastung an substanzbezogenen Abhängigkeiten (Nikotin 80 %, Alkohol 28 %). Ebenfalls häufiger als in der „Normalbevölkerung“ waren Depressionen (16 %) sowie Persönlichkeitsstörungen. Darüber hinaus berichteten 16 Prozent der Spieler von mindestens einem Suizidversuch.

Auch bei erstgradigen Verwandten fand sich – verglichen mit den Verwandten der Kontrollgruppe – ein überraschend hohes Vorkommen an Alkoholabhängigkeit (27,0 %vs. 7,4 %) und pathologischem Glücksspiel (8,3 %vs. 0,7 %). Dies stützt die Annahme ähnlicher Ursachen, möglicherweise auch einer erhöhten genetischen Belastung, zwischen beiden Störungsbildern und spricht für die Zuordnung der Diagnose zu den Suchtkrankheiten. Je jünger die Patienten beim ersten Glücksspiel waren, desto ausgeprägter war der spätere Schweregrad der Erkrankung. Vor allem dieser Befund erscheint im Hinblick auf präventive Maßnahmen von hoher Bedeutung.
 
Ergebnisse der neurobiologischen Untersuchungen

Pathologische Spieler unterscheiden sich von gesunden Probanden in ihrer Entscheidungsfindung, ihren Gehirnstrukturen und -funktionen. Besonderes Augenmerk galt hier dem Einfluss von Begleiterkrankungen, wie substanzgebundene Abhängigkeitserkrankungen und depressive Symptomatik. Die Daten legen die Vermutung nahe, dass es nicht den typischen Spieler gibt, sondern Subtypen mit unterschiedlichen Begleiterkrankungen, die sich in bestimmten Hirnfunktionen, Hirnstrukturen und Verhalten unterscheiden. Aufgrund der Ergebnisse sollten sich zukünftige Therapiekonzepte mehr subgruppenspezifisch orientieren und die vorhandenen Begleiterkrankungen stärker berücksichtigen, empfehlen die Forscher.
 
Details der neurobiologischen Untersuchungen


Bei je 100 pathologischen Glücksspielern und gesunden Kontrollen wurden mit verschiedenen neuropsychologischen Aufgaben u.a. die Entscheidungsfindung sowie die Belohnungsverarbeitung untersucht und eine Kernspintomographie durchgeführt. Die Ergebnisse der Glücksspielaufgabe legen den Schluss nahe, dass pathologische Glücksspieler Defizite in ihrer Entscheidungsfindung aufweisen. Pathologische Spieler trafen häufiger irrationale Entscheidungen als die gesunden Kontrollprobanden, d.h. sie wählten signifikant häufiger die unwahrscheinlichere Alternative. Bei Spielern, die zusätzlich zur Glücksspielproblematik eine substanzgebundene Suchterkrankung (Alkohol und Nikotin) aufwiesen, fand sich außerdem eine erhöhte Risikobereitschaft (höherer Einsatz auch bei geringen Gewinnaussichten).

Die Hirnstrukturen pathologischer Spieler unterscheiden sich von denen gesunder Kontrollprobanden insofern, dass Glücksspieler weniger graue Substanz in Bereichen des Frontalhirns (im medialen präfrontalen Kortex, der an Entscheidungsfindungsprozessen beteiligt ist) aufweisen. Die graue Substanz ist ein Bestandteil des Zentralnervensystems, der hauptsächlich Nervenzellkörper enthält und beispielsweise Kerngebiete darstellt. Dieser Befund könnte erklären, warum Spieler für sie nachteilige Entscheidungen treffen und trotz massiver Probleme weiter spielen. Die veränderten Hirnstrukturen fanden sich bei Glücksspielern, die an keiner weiteren substanzgebundenen Suchterkrankung leiden. Dagegen zeigten pathologische Spieler mit weiterer substanzgebundener Suchterkrankung, eine noch ausgedehntere Abnahme der grauen Substanz, die sich auch auf andere Hirnbereiche erstreckte.
 

Symbolbild: © peterzayda - Fotolia.com