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AAD 2017

„Wir sollten etwas in der Schublade haben“

18.03.2017
BVA-Vorsitzender Prof. Bernd Bertram beim berufspolitischen Seminar während der AAD. Foto: Kaulard/Biermann Medizin

Kommt sie, kommt sie nicht? Diese Frage beschäftigt die Berufspolitik nach wie vor sowohl mit Blick auf die Bürgerversicherung als auch auf die neue GOÄ.

Prof. Bernd Bertram, der erste Vorsitzende des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands (BVA), gab während des berufspolitischen Seminars am Freitagabend gemeinsam mit seinem Vize Dr. Peter Heinz ein Update zu diesen beiden nicht zuletzt finanziell interessanten Fragen. Weitere Themen waren die noch laufenden Nutzenbewertungsverfahren zum cornealen Crosslinking bei Keratokonus sowie zum OCT beim IVOM-Management und – ebenfalls noch nicht abgeschlossen – der Rechtsstreit des BVA mit der Verbraucherzentrale NRW in Sachen Glaukom-IGeL.

Die Bürgerversicherung ist keinesfalls nur ein Thema für die Versicherten, stellte Bertram eindrücklich dar. Da die Fachgruppe der Augenärzte rund 36 Prozent ihres Umsatzes über Einnahmen aus der Privaten Krankenversicherung (PKV) generiere, drohe in den Praxen – aber auch bei den stationären Privat-Patienten in den Kliniken – ein vermutlich nicht unerheblicher Einkommensverlust, wenn von einer möglichen neuen Regierungskoalition nach der Bundestagswahl im September eine „Einheitsversicherung“ eingeführt werden sollte. Den Leistungserbringern im deutschen Gesundheitssystem insgesamt könnten nach vorläufigen Schätzungen zwischen sechs und 4,8 Milliarden Euro Umsatzeinbußen drohen, verwies der BVA-Vorsitzende auf Zahlen einer Bertelsmann-Studie und der Ärztekammer Nordrhein. Derartige Einkommensverluste wiederum wären ein Innovationshemmnis, warnte er, da weniger Geld in den Praxen und Kliniken für Investitionen verbliebe.
Mit Blick auf die Patientenversorgung sei eine beschleunigte Entwicklung in Richtung Zwei-Klassen-Medizin zu erwarten, erinnerte Bertram an ein Statement von Bundesärztekammerpräsident Prof. Frank Ulrich Montgomery – dieser hatte die Bürgerversicherung als „Turbolader“ für eine solche Entwicklung bezeichnet.

Zur neuen GOÄ meinte Bertram, der BÄK-Entwurf müsste auf jeden Fall bis zu den kommenden Koalitionsvertragsverhandlungen im Herbst fertig sein. Dies sei auch wichtig, um die Einführung einer Bürgerversicherung respektive "Einheitsgebührenordnung" zu verhindern. „Dann wäre es nicht schlecht, etwas in der Schublade zu haben“, sagte Bertram, sonst stünden die Chancen schlecht, die PKV zu erhalten. Denn die Abschaffung der bisherigen Uralt-GOÄ – ohne fertigen Neuentwurf als Ersatz – könnte ein gutes Argument liefern, gleich auch die PKV mitabzuschaffen.
Doch der BVA-Chef sieht den GOÄ-Entwurf auf einem guten Weg. So seien die Leistungslegenden fertig und die jeweiligen Bewertungen würden derzeit kalkuliert. Die Augenheilkunde werde zirka 150 bis 170 Ziffern haben, wobei noch Zuschlagsziffern hinzukommen würden. Die umstrittene Gemeinsame Kommission (GeKo) zur Weiterentwicklung und Anpassung der GOÄ (gebildet aus Vertretern der BÄK einerseits sowie des PKV-Verbandes und der Beihilfe andererseits) werde in der ebenfalls zu novellierenden Bundesärzteordnung zwar erhalten bleiben, aber wohl in „abgespeckter“ Form, ergänzte Bertram. Die Analogziffern würden vermutlich nicht sofort komplett abgeschafft, und es werde voraussichtlich bei einem 1-fachen und, in besonderen Fällen, einem 2-fachen Gebührensatz bleiben. Für die Steigerung auf „2-fach“ sei eine genaue Reglementierung zu erwarten, die aber durch diverse Zuschlagsziffern ergänzt werde.

Die größte „Unbekannte“ in allen Überlegungen ist der Wahlausgang im September. Zuvor aber wird sich wohl der Ärztetag Ende Mai in Freiburg nochmals mit beiden Themen – GOÄ und Bürgerversicherung – intensiv befassen. (dk)
 

BVA-Vorsitzender Prof. Bernd Bertram beim berufspolitischen Seminar während der AAD. Foto: Kaulard/Biermann Medizin