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Barmer Krankenhausreport 2017

Ältere Patienten nicht optimal versorgt

21.07.2017
Foto: © Robert Kneschke - Fotolia.com

Die Barmer kritisiert in ihrem Krankenhausreport 2017 die Versorgung älterer, multimorbider Patienten im Krankenhaus. Finanzielle Fehlanreize würden dafür sorgen, dass Geriatrie-Patienten länger als nötig oder kürzer als erforderlich in der Klinik bleiben.

In Deutschland liegen immer mehr über 70-jährige multimorbide Geriatrie-Patienten im Krankenhaus. In den Jahren 2006 bis 2015 stieg ihre Zahl um 80 Prozent, von 1,1 auf zwei Millionen Personen. Finanzielle Fehlanreize können jedoch dafür sorgen, dass Geriatrie-Patienten länger als nötig oder kürzer als erforderlich im Krankenhaus versorgt werden. Zu diesem Ergebnis kommt der Barmer-Krankenhausreport 2017. Hintergrund dieser Entwicklung ist die starre, an der Dauer des Krankenhausaufenthalts orientierte Vergütung für die sogenannte geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung (GFKB). „Die starren Kodiervorgaben für die GFKB sind in ihrer jetzigen Form nicht mehr zeitgemäß. Die Dauer der Behandlung sollte sich stärker am individuellen Bedarf des Patienten und an medizinischen Kriterien orientieren“, sagte der Vorstandsvorsitzende der BARMER, Prof. Christoph Straub.

Die GFKB stellt eine struktur- und verweildauerabhängige Vergütungskomponente im Rahmen des DRG-Systems dar. Kliniken können eine höhere Pauschale abrechnen, wenn ein Patient mindestens zwei Wochen lang stationär die GFKB erhält. Dies stellt aus Barmer-Sicht einen Fehlanreiz dar. Die Krankenkasse fordert deshalb Weiterentwicklung des Vergütungssystems.

Komplexbehandlungen haben um 180 Prozent zugenommen

Straub mahnte, schon heute die nötigen Strukturen zu entwickeln, um in der Zukunft Geriatrie-Patienten adäquat behandeln zu können. Wie aus dem Report hervorgeht, ist die Zahl der Geriatrie-Patienten mit einer GFKB allein in den Jahren 2006 bis 2015 um 180 Prozent gestiegen. „Die massiven Steigerungsraten bei der geriatrischen frührehabilitativen Komplexbehandlung sind nicht rein durch den demografischen Wandel erklärbar“, sagte der Autor des Krankenhausreports, Prof. Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Das Thema sei auch ökonomisch relevant. Schließlich sei eine GFKB bei Oberschenkelhalsbruch mit 14 Behandlungstagen um 950 Euro teurer als eine klassische Rehabilitation, die je Geriatrie-Patient im Schnitt mit 3.100 Euro zu Buche schlägt.

„Der Report macht vor allem deutlich, dass die demographische Entwicklung die Kliniken bei der Versorgung von älteren Patienten vor große Herausforderungen stellt“, kommentierte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, (DKG) Georg Baum, den Krankenhausreport.

Massive regionale Unterschiede bei geriatrischer Behandlung

Medizinisch ebenfalls nicht nachvollziehbar sind laut Barmer die deutlichen Unterschiede bei der jeweiligen Versorgungsform im Bundesgebiet. Laut Report reicht der Anteil der Geriatrie-Patienten mit einer GFKB von 4,3 Prozent in Bayern bis zu 24,3 Prozent in Hamburg. Für die Betroffenen sei das von großer Bedeutung, denn der Report lasse darauf schließen, dass das Behandlungsergebnis auch von der Versorgungsform abhänge. So werden von den Patienten mit einem Oberschenkelhalsbruch 47 Prozent nach einer Komplexbehandlung und lediglich 40 Prozent nach einer Reha pflegebedürftig. Es müsse auch stärker auf Prävention gesetzt werden, um zum Beispiel Stürze zu vermeiden, durch die viele Oberschenkelhalsbrüche entstehen, so Straub.

Die DKG beurteilt die regionalen Unterschiede anders. „Wer über regionale Unterschiede und die damit verbundene Unterstellung finanzieller Vorteilsnahme seitens der Kliniken spekuliert, bewegt sich argumentative auf sehr dünnem Eis“, sagte Baum. Die regionalen Unterschiede ergäben sich, da die Situation der Menschen in ländlichen Regionen eben anders sei, als in der Großstadt. Baum verwies auf das Angebot an Reha-Angeboten und die Einbindung in familiäre Strukturen. Die Vorwürfe wären wenig hilfreich – nötig sei stattdessen „die Unterstützung der Krankenkassen und eine entsprechende Finanzierung, um der Versorgung hochbetagter, oft multimorbider und dementer Patienten künftig noch besser gerecht so werden“, so Baum weiter.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) forderte von den Krankenhäusern sich besser auf die Bedürfnisse älterer Patientinnen und Patienten einzustellen und sich auf ihr Kerngeschäft – eine gute Akut-Versorgung – zu konzentrieren. „Für eine rehabilative Behandlung sind Strukturen und Kompetenzen erforderlich, die in den Krankenhäusern ganz offenbar nicht vorgehalten werden“, sagte DBfK-Sprecherin Johanna Knüppel. Sie kritisierte, dass sich die Krankhäuser aus öknomischem Gründen auf dem Therapiefeld GFBK „tummeln“, dabei aber teuer und nur mäßig erfolgreich seien.

Geriatrie in großen Kliniken ansiedeln

Neben Änderungen bei der GFKB-Vergütung gibt es auch Handlungsbedarf bei den Leistungserbringern. Denn der Report zeigt, dass Kliniken mit mindestens fünf Fachabteilungen bei der Versorgung der Patienten mit einem Oberschenkelhalsbruch tendenziell erfolgreicher sind. Mehrere Fachdisziplinen gewährleisten demnach eine ganzheitlichere Sicht bei der Behandlung des Patienten. So sei das Risiko, im Anschluss an ein Pflegeheim überwiesen zu werden, um sechs Prozentpunkte geringer, wenn die Betroffenen in einer großen anstatt einer kleineren Klinik behandelt werden. (red/ja)

 

Foto: © Robert Kneschke - Fotolia.com