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Verletzungsprävention bei Fußballern

Überflüssiges Stretching?

16.07.2017
Die Jenaer Trainingswissenschaftlerin Astrid Zech. (Foto: Anne Günther/FSU)

Sportwissenschaftler der Uni Jena haben untersucht, welche Übungen geeignet sind, um Verletzungen vorzubeugen.

Adduktoren, Syndesmoseband, Gelenkkapsel – zitieren TV-Kommentatoren die Krankenakte mancher Fußballer, kann der Zuschauer oftmals viel über die Anatomie des Menschen lernen. Profi- und Nachwuchskicker sollten ihren Körper – und seine Schwachstellen – allerdings schon vor einer Verletzung gut kennen. Denn nicht immer grätscht einen der Gegner ins Krankenhaus, oft sind es auch eigene Schwächen. Viele Schäden, die ohne Fremdeinwirkung passieren, könnten vermieden werden, wenn die Athleten beispielsweise vor dem Spiel gezielte Präventionsmaßnahmen durchführten. Allerdings sollten das auch die richtigen sein. Denn so manche Übung, die Spieler mit der Überzeugung durchführen, sie beugten damit Verletzungen vor, hat keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Effekt. Das fanden Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena heraus.

Welche Risikofaktoren für Verletzungen nehmen Fußballspieler wahr?
Die Forschenden untersuchten während einer Studie, welche Risikofaktoren für Verletzungen Spieler überhaupt wahrnehmen und welche Maßnahmen sie ergreifen, um diese zu verringern. Dabei fokussierten sich Prof. Astrid Zech von der Universität Jena und ihr Kollege Kai Wellmann auf Sprunggelenkverletzungen und befragten insgesamt 139 Profi- und Nachwuchsspieler zwischen 13 und 35 Jahren aus einem Verein, der auf Bundesliganiveau agiert. „Mehr als 91 Prozent der Befragten dehnen vor dem Training oder dem Spiel ihre Muskeln und gehen davon aus, so Verletzungen zu verhindern“, sagt Zech. „Allerdings gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass dieses Stretching als Präventionsmaßnahme funktioniert.“ Tatsächlich verringere es sogar die Sprung- und Sprintleistung. Andererseits führte aber auch mehr als die Hälfte der Spieler ein sogenanntes sensomotorisches Training durch – also spezielle Aufwärmübungen, mit denen sie durch Sprung-, Balance- und Stabilisierungseinheiten tatsächlich wirksam Verletzungen vorbeugten. Vor allem Fußballer, die bereits durch frühere Verletzungen geprägt sind, schützten sich zudem etwa mit einem Tapeverband und Schuheinlagen.

Koordinationsprobleme des Spielers als Verletzungsursache
Ein Grund für fehlgeleitete Präventionsmaßnahmen könnte in der falschen Wahrnehmung von Verletzungsursachen liegen. „Aus unserer Erfahrung rufen beispielsweise Koordinationsprobleme des einzelnen Spielers häufig Sprunggelenksverletzungen hervor“, erklärt die Jenaer Expertin. „Von den befragten Fußballern allerdings betrachten das nur etwa sieben Prozent als Risikofaktor, im Profibereich mit zwölf Prozent ein wenig mehr. Dabei kann gerade hier durch klar definierte Übungen Prävention betrieben werden“, so Zech. Als weitere intrinsische, also vom eigenen Körper ausgehende Verletzungsursachen betrachteten die Athleten etwa Müdigkeit und muskuläre Probleme. Leichter einigten sie sich auf externe Ursachen, wie den Gegenspieler und die äußeren Bedingungen, also etwa die Platzverhältnisse. In beiden Kategorien zeigten sich mitunter erhebliche Unterschiede zwischen Spielern mit und ohne ausgeprägte Krankenakte.

Für die Wissenschaftler sind das alles wichtige Informationen, denn mit einer solchen Studie überprüfen sie nicht zuletzt auch, wie viel ihrer eigenen Arbeit tatsächlich beim Spieler ankommt. „Die Ergebnisse haben uns gezeigt, dass die Wahrnehmung, die der Verletzungsprävention entgegengebracht wird, weiter verstärkt werden muss“, resümiert Zech. „Zwar sind sich die Fußballer einig, dass entsprechende Vorbeugemaßnahmen wichtiger Bestandteil ihres Trainings sein muss und auch der Weltverband FIFA unterstützt und finanziert entsprechende Programme, doch sollten Spieler und Trainer noch besser an aktuelle Ergebnisse angeschlossen sein und die entsprechende Offenheit und Aufmerksamkeit mitbringen.“ Zudem hofft die Trainingswissenschaftlerin der Universität Jena auf mehr Forschung in diesem Bereich.

Original-Publikation:
Zech, Wellmann: Perceptions of football players regarding injury risk factors and prevention strategies, PLOS ONE (2017), http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0176829

 

Die Jenaer Trainingswissenschaftlerin Astrid Zech. (Foto: Anne Günther/FSU)