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Studie:

Deutsche Bevölkerung wird noch bis 2043 älter

28.06.2017
Bild: siraanamwong, fotolia.com

Wie lange wird die deutsche Bevölkerung noch älter? Die Antwort hängt auch von der statistischen Herangehensweise ab. Forscher haben nun einen neuen Ansatz vorgestellt.

Nach einer neuen statistischen Analyse wird die deutsche Bevölkerung bis zum Jahr 2043 älter und dann wieder jünger.
Zu diesem Schluss kommen Warren Sanderson vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) im österreichischen Laxenburg und Kollegen. In ihrer Studie im Fachmagazin «PLOS ONE» nutzen sie eine Methode, die nicht nur auf das tatsächliche Alter von Menschen abzielt.

Wenn Statistiker das Altern einer Gesellschaft beschreiben wollen, schätzen sie gerne die künftige Entwicklung des Medianalters ab, das die Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt. Den Forschern um Sanderson greift das zu kurz. Sie schauen auf das sogenannte «prospective median age». Mit ihm lässt sich berücksichtigen, dass ein heute 50-Jähriger schwer mit einem 50-Jährigen in einigen Jahrzehnten zu vergleichen ist, weil letzterer durch die gestiegene Lebenserwartung noch mehr Jahre vor sich hat.

Die Forscher ermittelten zunächst das tatsächliche Medianalter für einen bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft. In diesem Alter und zu diesem Zeitpunkt hat ein Mensch eine bestimmte Lebenserwartung, die den Prognosen nach höher ist als die heute. In einem zweiten Schritt schauen die Forscher, in welchem Alter man in einem Referenzjahr - beispielsweise 2013 - diese Lebenserwartung gehabt hätte. Dieses Alter ist dann das «prospective median age» für den bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft. Vereinfacht gesagt macht diese Herangehensweise einen Menschen in der Zukunft jünger als sein tatsächliches Alter, weil der Fokus auf den noch zu erwartenden Lebensjahren liegt.

Ihren Berechnungen zufolge erreicht das «prospective median age» für Deutschland im Jahr 2043 seinen Höhepunkt bei 46,5 Jahren und sinkt dann wieder - bis zum Jahr 2098 auf 40,1 Jahre. Andreas Mergenthaler vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), der nicht an der Studie beteiligt war, hält den Ansatz von Sanderson für innovativ und die Ergebnisse für interessant, sieht aber auch Einschränkungen.

Die «13. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung» des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 zeigt für das klassische Medianalter vier verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten auf, wobei das jeweilige Maximum zwischen 2047 und 2055 liegt. Die Umkehr der Altersentwicklung liegt Experten zufolge auch daran, dass Menschen der geburtenstarken Jahrgänge aus den 1960er Jahren sterben und somit aus der Statistik fallen. Die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur kann weitreichende Folgen haben, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt oder im Gesundheitswesen.

Die neue Studie bezieht sie sich auf Wahrscheinlichkeitsprognosen der Vereinten Nationen (UN), die auch an der Untersuchung beteiligt waren. Zudem fließt in die komplexen Berechnungen eine neue Altersdefinition ein. «Beide demografischen Techniken sind relativ neu und gemeinsam geben sie uns ein ganz anderes und nuancierteres Bild davon, wie die Zukunft des Alterns aussehen könnte», wird Sanderson in einer Mitteilung der IIASA zitiert.

Üblicherweise gelten Menschen ab einem Alter von 65 Jahren statistisch gesehen als alt. Allerdings steigt in vielen Ländern seit Jahrzehnten die Lebenserwartung an. Deshalb haben Sanderson und Kollegen diejenigen als alt definiert, die in ihrem Land noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 15 Jahren oder weniger haben.

Nach dieser Vorgabe galten 2013 Frauen und Männer in Deutschland als alt, wenn sie ein Alter von mindestens 72 Jahren erreicht hatten. Bis zum Jahr 2098 soll diese Altersgrenze aufgrund der steigenden Lebenserwartung auf 79 Jahre ansteigen.

Die Studie von Sanderson und seinem Team vergleicht die Berechnungen für Deutschland mit den Prognosen für China, dem Iran und den USA.
Demnach wird der Spitzenwert für das «prospective median age» in den USA bereits 2038 erreicht. In China, das lange das Bevölkerungswachstum durch eine Ein-Kind-Politik gebremst hat, wird die Trendwende etwa 2048 einsetzen. Im Iran, das in den 1980er-Jahren einen starken Geburtenrückgang zu verzeichnen hatte, soll das Maximum des «prospective median age» erst 2073 erreicht werden.

Tim Riffe vom Max-Plack-Institut für demografische Forschung in Rostock, der nicht an der Studie beteiligt war, hält die Annahmen der Forscher für realistisch. Andreas Mergenthaler vom BiB weist auf einige Einschränkungen der Untersuchung hin: Sie gehe von einer relativ konstant steigenden Lebenserwartung bis 2098 in den untersuchten Ländern aus. Überhaupt sei eine Prognose für einen solch langen Zeitraum mit Unsicherheiten behaftet.

Auch werde die Altersstruktur der einzelnen Länder, Unterschiede zwischen Frauen und Männern oder zwischen Stadt- und Landbevölkerung nicht berücksichtigt. «Innerhalb der Modellannahmen sind die Berechnungen plausibel», sagt Mergenthaler. Jedoch könnten politische Umbrüche oder starke Zuwanderungen die Entwicklungen stark verändern.

Die Statistiker hatten sich zwei verschiedene Szenarien bei der weiteren Entwicklung genauer angeschaut. Ergebnis sind eine höhere und eine niedrigere Schätzung der Lebenserwartung. In der niedrigeren Variante beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung für heute geborene Jungen 84 Jahre und für Mädchen 88 Jahre. Vor 100 Jahren geborene Jungen und Mädchen hatten im Durchschnitt lediglich eine Lebenserwartung von 55 beziehungsweise 62 Jahren. (dpa)

 

Bild: siraanamwong, fotolia.com