Anzeige
Anzeige
Klimawandel: Erhöhtes Mortalitätsrisiko

​Steigender Hitzestress für Lungenpatienten

15.03.2017
Foto: © Jürgen Fälchle - fotolia.com

Sommerliche Hitzewellen erhöhen das zusätzliche tägliche Sterberisiko bei Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen um bis zu 14 Prozent, bei längeren Hitzewellen bis zu 43 Prozent. 

Immer häufiger kommt es an heißen Tagen zu Verschlechterungen im Krankheitsverlauf, die nicht selten mit einer Aufnahme ins Krankenhaus enden. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) empfiehlt daher, Frühwarn- und Interventionssysteme zu erarbeiten und Lungenpatienten während der Sommermonate telemedizinisch zu betreuen. Wie das veränderte Klima auch in Deutschland Lungenpatienten belastet und wie diese vor den Folgen geschützt werden können, diskutierten Lungenfachärzte anlässlich einer Pressekonferenz im Vorfeld des DGP-Jahreskongresses, der in der kommenden Woche in Stuttgart stattfinden wird.

Zwischen drei und fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). „Exazerbationen, häufen sich einerseits an Hitzetagen und anderseits in der kalten Jahreszeit, erklärt Prof. Christian Witt, Pneumologe an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Durch die Zunahme von Hitzewellen und -tagen kommt es zusätzlich auch im Sommer zu einem Anstieg der Exazerbationen“, so der Experte.

Lungenerkrankungen sind im Sommer mittlerweile der wichtigste Grund für Notaufnahmen ins Krankenhaus. Beobachtungen von COPD-Patienten während der Sommermonate zeigen, dass sehr heiße Tage von 25 Grad Celsius oder mehr das Wohlbefinden und die Belastbarkeit von Lungenpatienten deutlich verringern. Bei Hitze gibt der Körper nicht nur über die Haut, sondern auch über die Lunge Wärme ab – die Atemfrequenz erhöht sich leicht. Bei COPD-Patienten, deren Lunge durch die Erkrankung bereits stark geschädigt ist, ist dieser Wärmetransport jedoch eingeschränkt.

Führende Klimamodelle sagen vorher, dass ab 2050 jeder zweite Sommer in Hitzewellen verlaufen wird: „Vor allem in den Großstädten, wo die Hitze sich besonders stark staut, kann dies weitreichende Folgen für die Lungenpatienten haben“, warnt Prof. Martin Kohlhäufl, Tagungspräsident des 58. DGP-Kongresses. „Wir brauchen deshalb Strategien, um Lungenpatienten während der heißen Sommermonate besser zu unterstützen, beispielsweise durch eine zusätzliche telemedizinische Betreuung.“ So könne der Zustand der Patienten rund um die Uhr – auch zu Hause – beobachtet werden, so dass der Arzt bei einer drohenden Verschlechterung schneller eingreifen kann. Im Krankenhaus erholen sich Lungenpatienten schneller, wenn sie in gut klimatisierten Zimmern untergebracht sind, wie eine Untersuchung der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigt.

Ähnlich wie bei der COPD erwarten Experten vom Klimawandel auch häufigere Komplikationen bei Asthma-Patienten und Pollenallergikern. Witt dazu: "Mit zunehmender Erwärmung und veränderter Vegetationsperiode kann auch die Pollen-Allergen-Exposition ansteigen, also die Ausbreitung von Pflanzen mit hohem allergenem Potenzial, Zunahme an Pollen, verlängerte Pollenflugzeiten, zum Beispiel der Ambrosia artemisiifoli. Besonders in Metropolen kann dies zu einer Morbiditätszunahme von Allergien führen." Bei der Ambrosia artemisiifolia handelt es sich um eine Pflanze aus der Familie der Korbblütengewächse. Ursprünglich aus Nordamerika eingeführt, hat sich die Ambrosia in Europa sehr schnell verbreitet und als Unkraut etabliert. Die Pollen der Ambrosia artemisiifolia gelten als besonders aggressiv und allergieauslösend.

Insgesamt sei der Effekt klimatischer Veränderungen auf die Verbreitung von Infektionskrankheiten wegen seiner Komplexität - Faktoren sind hier Erregereigenschaften, Immunität, Vektorverbreitung und -kompetenz - eher schwer quantifizierbar, erklärte Witt. "Ableitbar könnte eine Zunahme von Lungenkrebshäufigkeit infolge der zunehmenden Schadstoffbelastung der Luft bei höheren Temperaturen und Trockenheit im urbanen Raum sein, so dass möglicherweise belastete Innenstädte von weniger belasteten ländlichen Räumen auch für das Risikoprofil der Lungenkrebsentstehung zu differenzieren sein werden. Bei näherer Betrachtung der Inneren Medizin fällt auf, dass besonders Patienten mit chronischen Lungenkrankheiten, weil eben die Lunge auch als Portalorgan für Umwelt- und Klimaeinflüsse zu verstehen ist, betroffen sind", so Witt weiter. 

Der Experte warnt vor allem vor der Temperaturentwicklung in den Städten und einem Phänomen, das er als "urbanen Hitzestress" bezeichnet: "Eine Art eng umschriebenes Brennglas des Klimawandels ist die urbane Hitzeinsel in Metropolen im Vergleich zum Umland. Der Temperaturgradient kann bis zu elf Grad Celsius betragen. Simultan zur Erwärmung der Erde läuft die Verstädterung, so dass die Auswirkungen des Klimawandels durch die weltweite Verstädterung zusätzlich aggraviert werden", so Witt. "Im Jahr 2014 lebten schon 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten und die Vereinten Nationen prognostizieren, dass diese Zahl bis 2050 auf 66 Prozent ansteigen wird. Ursächlich ist die Bebauungsstruktur. Straßenschluchten und große Mengen an verkehrsassozierter Air Pollution, fehlende natürliche Abkühlungsregulative wie Seen und Wälder führen zu einer Akkumulation von Hitzestress. Folglich steigen bei zunehmender Urbanisierung die Zahl urbaner Wärmeinseln und die betroffenen Anteile der in den Städten lebenden Bevölkerung an."

In der Klima- und mehr noch in der Gesundheitspolitik gibt es folglich viel zu tun. "An erster Stelle steht die Anpassung medizinischer Forschung", sagt Witt. "Die Grundlagenforschung und klinische Forschung sind darauf auszurichten, mehr über den Zusammenhang von Klimaveränderung und Krankheitsverlauf zu erkennen. Der demografische Wandel und die Multimorbidität älterer Patienten verstärken den Forschungsbedarf in diesem Bereich – auch unabhängig vom Klimawandel. Dies erfordert, Aktivitäten, Technologien und bauliche Entwicklungen gegen Hitzestress voranzutreiben." Anpassungsstrategien könnten im Zusammenhang mit Hitzestress die Hospitalisierungsfrequenz und Mortalität senken. "Die Gruppe der beteiligten Akteure ist breit und umfasst unter anderem Universitätsmedizin, Versorgungsmedizin, Krankenversicherungen, pharmazeutische Industrie, Telekommunikationstechnologie, Bauwirtschaft, Architektur und Gesundheitspolitik", fasst Witt zusammen.

 

Foto: © Jürgen Fälchle - fotolia.com