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Große Herausforderungen

Inkontinenz- und Stoma-Versorgung stärken

28.06.2017
Inkontinenzversorgung
Produkte zur Inkontinenzversorgung. Foto: B. Braun Melsungen AG

Stoma- und Inkontinenzversorgung stehen europaweit vor Herausforderungen, betonten Experten auf dem Kongress der Europäischen Fachgesellschaft für Stomatherapie (ECET) und entwickelten Ansätze zur Stärkung der Versorgung.

Die "Initiative Faktor Lebensqualität" hat mit Vertretern europäischer Fachgesellschaften für die pflegerische Versorgung von Menschen mit einem Stoma und Inkontinenzproblemen, Fachmedizinern, Selbsthilfevertretern für Spina Bifida und Stoma die europaweiten Herausforderungen bei der Hilfsmittelversorgung für Menschen mit Stoma und Inkontinenz diskutiert. Der Kongress stand unter dem Motto "Building Bridges". Die "Initiative Faktor Lebensqualität" wurde von führenden Herstellern von Produkten für den intermittierenden Selbstkatherismus (ISK) im Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) gegründet.

Diskutiert haben Ria Smeijers, Präsidentin der European Ostomy Association (EOA), Gabriele Kroboth, Präsidentin der Europäischen Fachgesellschaft für Stomatherapie (ECET), Ilona Schlegel, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus (ASBH), Erich Grohmann, Vorsitzender der Deutschen ILCO (Selbsthilfevereinigung für Stomaträger und Menschen mit Darmkrebs), Klaus Grunau, Vorstandsmitglied des BVMed und Sprecher der "Initiative Faktor Lebensqualität" sowie Dr. Burkhard Domurath, Deutsche Medizinische Gesellschaft für Paraplegie (DMGP).

Obwohl in Deutschland und Österreich die Versorgungssituation aktuell weitestgehend gut ist, steht die Versorgung in Europa insgesamt vor großen Herausforderungen, so das Fazit der Diskussionsrunde. Der Kostendruck nimmt zu. Die Kommerzialisierung der Versorgung und der zunehmende Wirtschaftlichkeitsdruck der Krankenversicherungen gehen zulasten der Patienten, waren die Diskutierenden überzeugt. So stellte Smeijers am Beispiel der Niederlande dar, dass verkürzte Liegezeiten in Krankenhäusern bei Stomapatienten dazu führten, dass der Umgang mit dem Stoma nicht ausreichend eingeübt werden könne. Die Patienten seien dadurch oft nicht ausreichend auf die Situation zu Hause vorbereitet. Eine Versorgung über Homecare wie in Deutschland fehle in den Niederlanden.

Die Teilnehmer waren sich darin einig, dass qualifizierte Stoma-Therapeuten zwar sehr um die Umsetzung des Patientenanspruches bemüht seien. Jedoch hätten sich in der Praxis die Versorgungsqualität spürbar zurückentwickelt. Dies betreffe sowohl die Qualität als auch die Menge der Produkte. Auch seien die Dienstleistungen schlechter geworden, die ein unverzichtbarer Bestandteil der Stomaversorgung seien. In vielen Ländern führe das inzwischen zu privaten Aufzahlungen, die sich jedoch nicht alle Patienten leisten könnten. Schlegel hielt fest: „Patienten haben den Anspruch auf die individuell erforderliche Versorgung. In der Praxis wird dieser Anspruch häufig nicht umgesetzt. Einige Patienten nehmen sich daher juristischen Beistand und klagen ihre notwendige Versorgung ein. Das Einsparpotential der Kassen liegt bei denjenigen Patienten, die sich nicht wehren können.”

Zur Stärkung der Hilfsmittelversorgung sehen die Beteiligten drei konkrete Ansätze:
  • Rolle der Ärzte stärken
  • Wahlrecht des Versicherten umsetzen
  • Verantwortung der Pflege und Fachgesellschaften anerkennen
Die Rolle der Ärzte müsse gestärkt werden, betonte Grunau. Die Therapiehoheit des Arztes dürfe nicht unterminiert werden. Andererseits dürfe das Wahlrecht des Versicherten nicht durch Einschränkungen bei der Wahl von Leistungserbringern oder Produkten ausgehöhlt werden. Dies entmündige den Patienten. „Durchschnittsmengen sind absurd und werden dem Patientenanspruch nicht gerecht“, so Schlegel. Kroboth betonte die besondere Verantwortung der Pflegekräfte. Am Beispiel Großbritanniens zeige sich, dass die Stoma-Care-Nurse die Patienten mit der erforderlichen Qualität und entsprechend ihren Bedürfnissen versorge. Die besondere Kompetenz und praktischen Erfahrungen der Pflege seien hierfür jedoch unabdingbar. Um die individuelle Versorgung zu sichern, seien Leitlinien und Versorgungsstandards nötig.

Grohmann betonte die positive Rolle der Fachgesellschaften von Pflege und Versorgung bei der Entwicklung übergreifender Qualitätsstandards. Dass dabei gerade aus Europa heraus eine Zusammenarbeit sinnvolle und konstruktive Impulse geben könne, habe die Diskussion der Gruppe gezeigt.

Die Diskutierenden waren sich darin einig, dass für die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Inkontinenz und Stoma letztlich starke Fachgesellschaften von Medizinern, Pflege und Versorgung sowie eine gute Patientenvertretung nötig seien. Nur so könnten die Bedürfnisse der Betroffenen artikuliert und die Kriterien für die Versorgung gemeinsam bestimmt werden. Entscheidend sei zudem, dass die Patienten über ihre Ansprüche informiert seien und sich gemeinsam im Netzwerk mit den weiteren Akteuren für ihre Versorgung einsetzten. Um dies zu erreichen, sei die gemeinsame Definition von Leitlinien und Qualitätskriterien erforderlich. Der Austausch miteinander sollte fortgesetzt und intensiviert werden. 

(Fischoeder / ms)
 

Produkte zur Inkontinenzversorgung. Foto: B. Braun Melsungen AG