Anzeige
Anzeige
"Erste Monografie"

Der Penis, von allen Seiten betrachtet

19.04.2017
Staguhn
Autor Gerhard Staguhn. Foto: Staguhn

„Die erste Monografie über das beste Stück des Mannes und seine kulturgeschichtlichen Vermittlungen“ will Gerhard Staguhns Buch „Der Penis-Komplex“ sein. Angekündigt wird „eine Analyse: biologisch, geschichtlich, psychologisch, persönlich“.

Alles dies hält das Werk, und dennoch wirkt die Ankündigung im Untertitel viel zu trocken für das, was den Leser zwischen den Buchdeckeln erwartet: eine höchst amüsante, fesselnde Lektüre, die wirklich keine Perspektive auslässt, unter der das Fortpflanzungsorgan des Mannes betrachtet werden kann. Von der biblischen und biologischen Penis-Genese über den berühmtesten Penis der Kunstgeschichte bis zum pornografischen, künstlichen und impotenten Penis und schließlich den „Penis der Zukunft“. Die amüsantesten Seiten finden sich aber im Mittelteil des Buches, in der Staguhn freimütig seine eigenen sexuellen Erfahrungen von ersten Doktorspielen über ­Penetrations-Phobien und die „Schule des Fetischismus“ schildert, die ihn schließlich „auf Umwegen zum Koitus“ brachten – das alles psychoanalytisch eingeordnet und in einen umfassenden kulturellen Zusammenhang gestellt. Wie im Vorwort zu erfahren ist, brauchte es 50 Jahre, bis sich über die geschilderten Erlebnisse eine schützende „Patina aus Komik und Ironie“ gelegt hatte, sodass sie als „aufrichtige Beispiele des Menschlich-Allzumenschlichen“ dem Leser präsentiert werden konnten – uns zur Freude. Die Zeit dazwischen brachte der Autor als Student der Germanistik und Religionswissenschaft, als Feuilletonist der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und als Autor populärwissenschaftlicher Bücher für junge Leser herum.

Steile These, fundiert erhärtet

Als wäre es nicht schon genug, das männliche Begattungsorgan kulturgeschichtlich, sexualwissenschaftlich und psychoanalytisch zu beleuchten, entwickelt Staguhn auch noch eine umfassende kulturhistorische These: In den patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaften gehe das „Be-Sitzen“ von Eigentum mit einem Neurotizismus parallel, der den Penis zu einem Fetisch und zu einem Unterdrückungs-Instrument mache, mit dem der Mann auch die Frau und ihre Sexualität „be-Herrscht“. Die weibliche Sexualität sei dementsprechend abgewertet und die weibliche Anatomie als Mangelzustand dargestellt worden. Diese steile These belegt er überzeugend an dem misogynen Wortschatz männlich geprägter Kopulationssynonyme, an den in den westlichen Gesellschaften vorherrschenden (!) Stellungen beim Geschlechtsverkehr wie auch an der bürgerlich-patriarchalischen Sozialisierung von Vorreitern wie Sigmund Freud, welche überkommene Konzepte wie den „Penisneid“ erst hervorgebracht habe.

Kurzum, jedem kulturhistorisch interessierten Leser ist dieses Buch wärmstens zu empfehlen, und Urologen erst recht, denn schließlich heißt das lateinische „penis“ genau dasselbe wie das griechische „ouros“, nämlich „Schwanz“, und die „Schwanzkundler“ heutiger Tage sollten schließlich auf dem neuesten Stand ihrer Wissenschaft sein.

(ms)

Gerhard Staguhn: „Der Penis-Komplex. Eine Analyse: Biologisch, geschichtlich, psychologisch, persönlich“, zu Klampen Verlag, Springe 2017, 24,80 Euro, ISBN: 978-3866745469
 

Autor Gerhard Staguhn. Foto: Staguhn