Immuntherapie beim Urothelkarzinom: IQWiG fordert direkte Vergleichsstudien

Das Insti­tut für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit im Gesund­heits­we­sen (IQWiG) hat 2017 vier Dos­sier­be­wer­tun­gen mit Ver­glei­chen zwi­schen Immun- und Che­mo­the­ra­pi­en für das­sel­be Anwen­dungs­ge­biet, das fort­ge­schrit­te­ne Uro­thel­kar­zi­nom, erstellt. Das Insti­tut kri­ti­siert, dass der Ver­gleich der Immun­the­ra­pi­en unter­ein­an­der fehlt, und for­dert ent­spre­chen­de Stu­di­en.

Nach Nivo­lum­ab und Pem­bro­li­zumab hat das IQWiG Ende 2017 mit Atezo­li­zumab einen drit­ten mono­klo­na­len Anti­kör­per zur Behand­lung des Uro­thel­kar­zi­noms begut­ach­tet. In zwei frü­hen Nut­zen­be­wer­tun­gen zu die­sem Wirk­stoff kommt das Insti­tut zu einem gemisch­ten Ergeb­nis: Für eine Erst­li­ni­en­the­ra­pie Erwach­se­ner mit lokal fort­ge­schrit­te­nem oder meta­sta­sier­tem Uro­thel­kar­zi­nom, für die eine cis­pla­tin­hal­ti­ge Che­mo­the­ra­pie unge­eig­net ist, ist ein Zusatz­nut­zen von Atezo­li­zumab gegen­über der Ver­gleichs­the­ra­pie man­gels geeig­ne­ter Daten nicht belegt. Nach einer Vor­be­hand­lung mit pla­tin­ba­sier­ter Che­mo­the­ra­pie, also als Zweit­li­ni­en­the­ra­pie, gibt es dage­gen einen Anhalts­punkt für einen beträcht­li­chen Zusatz­nut­zen. Ähn­lich durch­wach­sen waren auch die bei­den ande­ren Dos­sier­be­wer­tun­gen aus­ge­gan­gen.

Durch­wach­se­ne Ergeb­nis­se

Als Erst­li­ni­en­the­ra­pie anstel­le einer Che­mo­the­ra­pie kommt der­zeit kei­ner der drei Wirk­stof­fe in Betracht, so das IQWiG: Auch für Pem­bro­li­zumab ist ein Zusatz­nut­zen gegen­über der Ver­gleichs­the­ra­pie nicht belegt, und Nivo­lum­ab ist für einen Erst­li­ni­en-Ein­satz nicht zuge­las­sen. In der Zweit­li­nie, also nach einer che­mo­the­ra­peu­ti­schen Vor­be­hand­lung, sieht es bes­ser aus: Für Atezo­li­zumab gibt es einen Anhalts­punkt und für Pem­bro­li­zumab einen Hin­weis auf einen beträcht­li­chen Zusatz­nut­zen. Ein Zusatz­nut­zen von Nivo­lum­ab als Zweit­li­ni­en­the­ra­pie sei dage­gen man­gels geeig­ne­ter Stu­di­en­da­ten nicht belegt, kon­sta­tiert das Insti­tut.

Daten­la­ge unein­heit­lich

Die brei­te Span­ne der Resul­ta­te ist maß­geb­lich durch die unein­heit­li­che Daten­la­ge zu erklä­ren. Für drei der ins­ge­samt fünf Fra­ge­stel­lun­gen haben die Her­stel­ler kei­ne Stu­di­en benannt, in denen ihre Wirk­stof­fe direkt einer Ver­gleichs­the­ra­pie gegen­über­ge­stellt wur­den. Statt­des­sen reich­ten sie Daten aus ein­zel­nen Stu­di­en­ar­men ein, die zudem teils unvoll­stän­dig waren. Für zwei Fra­ge­stel­lun­gen gibt es dage­gen jeweils eine ran­do­mi­sier­te kon­trol­lier­te Stu­die, aus der her­vor­geht, dass die Vor­tei­le der neu­en Wirk­stof­fe im Ver­gleich zu Che­mo­the­ra­pi­en schwe­rer wie­gen als ihre Nach­tei­le. Die in den Dos­siers benann­ten Stu­di­en bezie­hungs­wei­se Stu­di­en­ar­me unter­schei­den sich auch stark in den Pati­en­ten­zah­len und wei­te­ren Details.

Head-to-Head-Stu­di­en wün­schens­wert

„Dass wir zwei Zweit­li­ni­en­the­ra­pi­en posi­tiv bewer­ten konn­ten, aber für kei­nen der Wirk­stof­fe ver­nünf­ti­ge Erst­li­ni­en-Stu­di­en­da­ten vor­lie­gen, ist schon kuri­os“, meint dazu Prof. Jür­gen Win­de­ler, der Lei­ter des IQWiG.

„Außer­dem sieht das Ver­fah­ren der frü­hen Nut­zen­be­wer­tung lei­der nicht vor, dass neue Wirk­stof­fe gegen­ein­an­der ver­gli­chen wer­den“, ergänzt er. „Beim Uro­thel­kar­zi­nom wür­de sich das gera­de­zu auf­drän­gen: Jetzt haben wir drei Wirk­stof­fe für das­sel­be Anwen­dungs­ge­biet, aber die Bewer­tungs­er­geb­nis­se kön­nen nicht ver­nünf­tig in Bezie­hung gesetzt wer­den. Man soll­te zum Bei­spiel Ärz­tin­nen und Ärz­ten nicht zumu­ten, meh­re­re Bewer­tun­gen eigen­hän­dig zu ver­glei­chen, um zu ent­schei­den, wel­che Immun­the­ra­pie sich für ihre Pati­en­ten am bes­ten eig­net.“

Da sol­che Kon­stel­la­tio­nen mit jedem wei­te­ren Jahr nach der Ein­füh­rung der frü­hen Nut­zen­be­wer­tung häu­fi­ger wür­den, sieht das IQWiG die Zeit reif für eine Modi­fi­ka­ti­on des Ver­fah­rens, die es dem Gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss (G-BA) und damit auch dem Bewer­tungs­in­sti­tut ermög­lich­te, sich expli­zit auf bereits erfolg­te Nut­zen­be­wer­tun­gen zu bezie­hen. Wenn die Her­stel­ler die für eine gute Ver­sor­gung not­wen­di­gen direk­ten Ver­glei­che wei­ter­hin nicht selbst durch­führ­ten, soll­ten sol­che Stu­di­en öffent­lich geför­dert wer­den, appel­liert Win­de­ler.

G-BA beschließt über Aus­maß des Zusatz­nut­zens

Die Dos­sier­be­wer­tun­gen sind Teil der frü­hen Nut­zen­be­wer­tung gemäß Arz­nei­mit­tel­markt­neu­ord­nungs­ge­setz (AMNOG), die der G-BA ver­ant­wor­tet. Nach Publi­ka­ti­on der Dos­sier­be­wer­tun­gen führt der G-BA ein Stel­lung­nah­me­ver­fah­ren durch und fasst einen abschlie­ßen­den Beschluss über das Aus­maß des Zusatz­nut­zens.

(IQWiG/ms)

Quelle
IQWiG
Mehr anzeigen

Verwandte Artikel

Close