Kälte als Auslöser oder Hemmer von Schmerzen?

Pati­en­ten mit Ner­ven­schmer­zen reagie­ren häu­fig über­emp­find­lich auf Käl­te und emp­fin­den manch­mal schon bei einem leich­ten Luft­zug star­ke Schmer­zen. Ver­ant­wort­lich dafür sind Eiwei­ße der Zell­ober­flä­che der Ner­ven, die die Ner­ven­si­gna­le um ein Viel­fa­ches stei­gern und zu der unan­ge­neh­men Wahr­neh­mung füh­ren.

Dass Tem­pe­ra­tur auf Schmer­zen unter­schied­lich wirkt, ist ein bekann­tes Phä­no­men. „Bei einem aku­ten ent­zünd­li­chen Schmerz kann es schmerz­lin­dernd sein, wenn man die ent­spre­chen­de Stel­le kühlt, wäh­rend bei chro­nisch ent­zünd­li­chen Schmer­zen auch eine loka­le Wär­me­be­hand­lung hel­fen kann“, sagt Prof. Mar­tin Schmelz, Prä­si­dent der Deut­schen Schmerz­ge­sell­schaft e. V. im Vor­feld des Deut­schen Schmerz­kon­gres­ses 2017, der vom 11. bis 14. Okto­ber in Mann­heim stattt­fin­det. Klei­ne Tem­pe­ra­tur­än­de­run­gen der Haut neh­men Men­schen mit beson­de­ren Sen­so­ren wahr. Die­se sit­zen auf Ner­ven­zel­len, die für das Kalt- und Warm­emp­fin­den ver­ant­wort­lich sind: Abküh­len schal­tet die Kalt­sen­so­ren ein und die Warm­sen­so­ren ab. „Durch ver­mehr­te Ner­ven­si­gna­le von Kalt­sen­so­ren und ver­min­der­te Signa­le von Warm­sen­so­ren füh­len wir also eine Abküh­lung“, erklärt Schmelz.

Pati­en­ten, die wegen eines Krebs­lei­dens mit Pla­tin­salz (Oxa­li­pla­tin) behan­delt wer­den, emp­fin­den die Abküh­lung oft als viel stär­ker. Solan­ge das Pla­tin­salz im Kör­per wirkt, sind die Pati­en­ten aus­ge­spro­chen käl­te­über­emp­find­lich, und selbst kur­ze Kalt­rei­ze lösen ein lang andau­ern­des über­stei­ger­tes Käl­te­ge­fühl aus. Die Ursa­che dafür liegt jedoch nicht in den „Füh­lern“ für Käl­te, son­dern in den Eiwei­ßen der Zell­ober­flä­che („Natri­um­ka­nä­le“), die für die Wei­ter­lei­tung der Ner­ven­si­gna­le ent­lang der Ner­ven­fa­sern ver­ant­wort­lich sind.

Man kann sie sich wie Türen ent­lang eines Gan­ges vor­stel­len, die nach­ein­an­der geöff­net und dann schnell wie­der geschlos­sen wer­den“, sagt Schmelz, der an der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät Mann­heim der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg im Bereich der Expe­ri­men­tel­len Schmerz­for­schung tätig ist. Das Pla­tin­salz wirkt nun wie eine Art „Fuß in der Tür“: Unter Käl­te wird die Tür nicht voll­stän­dig geschlos­sen, son­dern springt wie­der auf und schlägt so in rascher Fol­ge auf und zu. „Damit wird also das ursprüng­li­che Ner­ven­si­gnal um ein Viel­fa­ches gestei­gert und der Pati­ent fühlt die Käl­te als unna­tür­lich stark und unan­ge­nehm“, erklärt Schmelz. Cal­ci­um kann die­ses „Tür­klap­pern“ redu­zie­ren und wird daher bei Pati­en­ten mit Neu­ro­pa­thie zur The­ra­pie ein­ge­setzt.

Schaut man sich die Wir­kung von Käl­te bei Pati­en­ten neu­ro­pa­thi­schen Schmer­zen an, fällt auf, dass sie Käl­te nicht nur als unan­ge­neh­mer, son­dern sogar als bren­nen­den Schmerz emp­fin­den. „Wir bezeich­nen die­sen Effekt als Kalt­schmerz­über­emp­find­lich­keit, eine Käl­te­al­lo­dy­nie. Auch Pati­en­ten, die mit Pla­tin­sal­zen behan­delt wur­den, kön­nen im spä­te­ren Ver­lauf einen sol­chen Ner­ven­schmerz erlei­den, der dann aber völ­lig unab­hän­gig von dem Medi­ka­ment ist“, erklärt Schmelz. Der Mecha­nis­mus, der die­sen Schmerz her­vor­ruft, ist noch unge­klärt. Aller­dings gibt es Hin­wei­se, dass das „Tür­klap­pern“ bei die­sen Pati­en­ten nicht nur die Natri­um­ka­nä­le der Ner­ven­fa­sern für die Kalt­emp­fin­dung betrifft, son­dern auch die für den Schmerz.

Eine wei­te­re Wir­kung der Käl­te betrifft die Eiwei­ße der Zell­mem­bran (Kali­um­ka­nä­le Kv1.1/2), die beim Abküh­len akti­viert wer­den und als „Brem­se“ der neu­ro­na­len Erre­gung bezie­hungs­wei­se als Gegen­spie­ler der „Kalt­füh­ler“ funk­tio­nie­ren. Fehlt nun die­se Brem­se, wirkt die Käl­te viel stär­ker und kann nun auch Ner­ven­zel­len mit sehr weni­gen Kalt­füh­lern akti­vie­ren, die vor­her nicht erreg­bar waren. „Selbst Ner­ven­zel­len, die über­haupt kei­nen Kalt­füh­ler besit­zen, kön­nen durch einen ähn­li­chen Mecha­nis­mus käl­te­emp­find­lich wer­den. Daher ver­spü­ren eini­ge Pati­en­ten mit Ner­ven­schmer­zen schon bei leich­tem Abküh­len der Haut, bei­spiels­wei­se durch einen Luft­zug, star­ke Schmer­zen“, so Schmelz.

Neben den spe­zi­el­len „Kalt­füh­lern“ kön­nen also auch spe­zi­el­le Kali­um­ka­nä­le Schmer­zen durch Käl­te erklä­ren. Medi­ka­men­te, die eine Über­erreg­bar­keit von Ner­ven­zel­len durch ihre Wir­kung an Kali­um­ka­nä­len erzie­len, wer­den bereits zur Behand­lung von bestimm­ten Epi­lep­sie­for­men ein­ge­setzt. „Es ist zu hof­fen, dass dies in Zukunft auch für die Behand­lung des Schmer­zes gelingt“, sagt der Prä­si­dent der Deut­schen Schmerz­ge­sell­schaft.

Solan­ge wir die Wirk­me­cha­nis­men nicht ganz durch­schau­en, ist es schwie­rig, eine geeig­ne­te The­ra­pie gegen die Schmer­zen zu fin­den“, sagt Prof. Mat­thi­as Kei­del, Kon­gress­prä­si­dent des Deut­schen Schmerz­kon­gres­ses und Chef­arzt der Neu­ro­lo­gi­schen Kli­nik am Cam­pus Bad Neustadt/Saale. Die For­schun­gen zu Tem­pe­ra­tur­än­de­run­gen und zur Erreg­bar­keit von Ner­ven­fa­sern hel­fen daher enorm, das zunächst ver­wir­rend erschei­nen­de Bild mit schein­bar wider­sprüch­li­chen Effek­ten zu klä­ren.

Wel­che dia­gnos­ti­schen und the­ra­peu­ti­schen Schluss­fol­ge­run­gen aus einer käl­te­ab­hän­gi­gen Ver­schlech­te­rung bezie­hungs­wei­se Reduk­ti­on von Schmer­zen gezo­gen wer­den kön­nen, ist eines der vie­len The­men, die Exper­ten in Mann­heim dis­ku­tie­ren.

Lite­ra­tur:

Quelle
Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V.
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