Kaiserschnitt-Risiko ist vererbbar

Frau­en, die wegen eines Schä­del-Becken-Miss­ver­hält­nis­ses ihrer Mut­ter durch Kai­ser­schnitt auf die Welt kamen, ent­wi­ckeln mehr als dop­pelt so häu­fig ein Miss­ver­hält­nis bei der Geburt ihrer Kin­der als jene Frau­en, die natür­lich gebo­ren wur­den.

Zu die­sem Schluss kom­men Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gen der Uni­ver­si­tät Wien um Phil­ipp Mit­ter­ö­cker, die in einem mathe­ma­ti­schen Modell das schein­bar para­do­xe Phä­no­men erklä­ren, dass die Rate an Geburts­pro­ble­men durch natür­li­che Selek­ti­on nicht ver­rin­gert wer­den konn­te. Die Daten unter­stüt­zen auch die The­se, dass die regel­mä­ßi­ge Anwen­dung von Kai­ser­schnit­ten bereits zu einer evo­lu­tio­nä­ren ana­to­mi­schen Ver­än­de­rung geführt hat.

In den meis­ten Län­dern hat sich die Anzahl der Kai­ser­schnit­te in den letz­ten Jahr­zehn­ten ver­viel­facht, sodass heu­te die Sec­tio cae­s­area eine der am häu­figs­ten durch­ge­führ­ten Ope­ra­tio­nen ist. Immer mehr Babys wer­den per Kai­ser­schnitt gebo­ren, in Bra­si­li­en sind es sogar mehr als die Hälf­te. Ein sozia­les Phä­no­men, urtei­len Exper­ten, ist doch die Rate tat­säch­li­cher Geburts­pro­ble­me – allen vor­an das soge­nann­te „Becken-Kopf-Miss­ver­hält­nis” (Anm.: der Kopf des Kin­des passt nicht durch den Geburts­ka­nal) – um ein Viel­fa­ches gerin­ger. Phil­ipp Mit­ter­ö­cker vom Depart­ment für Theo­re­ti­sche Bio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Wien hat sich die Fra­ge gestellt, war­um die Evo­lu­ti­on nicht zu einem grö­ße­ren Geburts­ka­nal und damit zu siche­re­ren Gebur­ten geführt hat.

In einer Stu­die aus 2016 erklär­te der Evo­lu­ti­ons­bio­lo­ge die­se schein­bar para­do­xe Situa­ti­on mit einem popu­la­ti­ons­ge­ne­tisch-mathe­ma­ti­schem Modell als eine Art „Fit­ness-Dilem­ma”. „Aus evo­lu­tio­nä­rer Sicht ist ein schma­les Becken von Vor­teil: Einer­seits für unse­re Fort­be­we­gung, aber auch, weil es bei sehr brei­ten Becken bei der Geburt zum Gebär­mut­ter­vor­fall und ande­ren Becken­bo­den­pro­ble­men kom­men kann”, beschreibt Mit­ter­ö­cker die eine Sei­te.

Ungewöhnlicher Selektionsprozess

Auf der ande­ren Sei­te erhö­hen sich die Über­le­bens­chan­cen eines Babys, je grö­ßer es bei der Geburt ist. Hier kom­men sich also der Selek­ti­ons­druck hin zu schma­le­ren Becken und jener hin zu grö­ße­ren Babys sozu­sa­gen in die Que­re. „Für unse­re Fit­ness­kur­ve heißt das: Je schmä­ler das Becken und grö­ßer das Kind, umso bes­ser – aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem das Kind nicht mehr durch­passt: Dann wird es abrupt fatal”, so Mit­ter­ö­cker.

Auf­grund die­ses unge­wöhn­li­chen Selek­ti­ons­pro­zes­ses kann die Rate an Geburts­pro­ble­men durch natür­li­che Selek­ti­on nicht ver­rin­gert wer­den. Des Wei­te­ren konn­ten Mit­ter­ö­cker und sein Team durch ihr Modell zei­gen, dass die regel­mä­ßi­ge Anwen­dung von lebens­ret­ten­den Kai­ser­schnit­ten in den letz­ten 50 bis 60 Jah­ren bereits eine evo­lu­tio­nä­re Ver­än­de­rung ana­to­mi­scher Dimen­sio­nen bewirkt hat. Die­se wie­der­um hat die Häu­fig­keit von Geburts­pro­ble­men durch ein Schä­del-Becken-Miss­ver­hält­nis um zehn bis 20 Pro­zent erhöht.

Die­se vor­her­ge­sag­te Zunah­me an Schä­del-Becken-Miss­ver­hält­nis­sen ist jedoch kaum empi­risch beleg­bar, da ein sol­ches Miss­ver­hält­nis sehr schwer zu dia­gnos­ti­zie­ren ist. Die Kai­ser­schnittra­te als indi­rek­tes Maß hat wie­der­um durch vie­le ande­re, auch nicht medi­zi­ni­sche Grün­de wesent­lich stär­ker zuge­nom­men. „Die Zunah­me der Kai­ser­schnit­te ist zwar ein sozia­les Phä­no­men, aber nicht nur: Auch die Geburts­pro­ble­ma­tik hat zuge­nom­men, wenn­gleich in einem viel gerin­ge­ren Aus­maß als die Kai­ser­schnit­te”, erklärt Mit­ter­ö­cker.

Cliff-edge-Modell in Stu­di­en bestä­tigt

In der aktu­el­len PNAS-Stu­die zei­gen Mit­ter­ö­cker und sei­ne Kol­le­gen nun, dass das „cliff edge-Modell” auch vor­aus­sagt, dass Frau­en, die selbst wegen eines Schä­del-Becken-Miss­ver­hält­nis­ses durch Kai­ser­schnitt auf die Welt kamen, mehr als dop­pelt so häu­fig ein Miss­ver­hält­nis bei der Geburt ihrer Kin­der ent­wi­ckeln als Frau­en, die natür­lich gebo­ren wur­den.

Die­ser beträcht­li­che Effekt soll­te ein­fa­cher in epi­de­mio­lo­gi­schen Daten zu erken­nen sein als die evo­lu­tio­nä­re Zunah­me. „Tat­säch­lich fan­den wir empi­ri­sche Stu­di­en, die Geburts­pro­ble­me und Kai­ser­schnitt über zwei Gene­ra­tio­nen unter­such­ten. Die vor­her­ge­sag­te ‚Ver­erb­bar­keit‘ von Schä­del-Becken-Miss­ver­hält­nis und Kai­ser­schnitt wird durch die­se Stu­di­en erstaun­lich genau bestä­tigt”, so Mit­ter­ö­cker. Die­se theo­re­ti­sche Vor­her­sa­ge eines kom­ple­xen epi­de­mio­lo­gi­schen Mus­ters lie­fert damit auch eine unab­hän­gi­ge Bestä­ti­gung des „cliff edge-Modells” und sei­ner evo­lu­tio­nä­ren Impli­ka­ti­on.

Publi­ka­ti­on in „PNAS”:
Cliff-edge model pre­dicts inter­ge­ne­ra­tio­nal pre­dis­po­si­ti­on to dys­to­cia and Cae­s­are­an deli­very
Phil­ipp Mit­tero­ecker Son­ja Wind­ha­ger und Mihae­la Pav­li­cev
DOI 10.1073/pnas.1712203114

Cliff edge model of obs­te­tric selec­tion in humans”: Phil­ipp Mit­tero­ecker, Simon Hut­t­eg­ger, Bar­ba­ra Fischer und Mihae­la Pav­li­cev
DOI 10.1073/pnas.1612410113

Quelle
Universität Wien, 17.10.2017
Mehr anzeigen
Anzeige

Verwandte Artikel

Close