Kongressbericht Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin: DGINA 2017 in Stuttgart

Unter dem Mot­to „Pro­fes­si­on Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät“ ging die 12. Jah­res­ta­gung der Deut­schen Gesell­schaft  Inter­dis­zi­pli­nä­re Not­fall- und Akut­me­di­zin (DGINA) in Stutt­gart erfolg­reich zu Ende. Gut 800 Mit­ar­bei­ter von Ret­tungs­diens­ten, der Kran­ken­haus­pfle­ge sowie Ärz­te aller Fach­rich­tun­gen tausch­ten drei Tage lang ihre aktu­el­len not­fall­me­di­zi­ni­schen Erkennt­nis­se aus, dis­ku­tier­ten in wis­sen­schaft­li­chen Sym­po­si­en und Sit­zun­gen mit hoch­ran­gi­gen natio­na­len und inter­na­tio­na­len Exper­ten über evi­denz­ba­sier­te Not­fall­me­di­zin und all­täg­li­che Erfah­run­gen aus der Pra­xis und trai­nier­ten in zahl­rei­chen Work­shops, Team­trai­nings und Simu­la­ti­ons­übun­gen sowohl indi­vi­du­el­le prak­ti­sche Fer­tig­kei­ten als auch die Team­fä­hig­keit.

Die viel­fäl­ti­gen Kon­gress­the­men mach­ten deut­lich, wie sehr die Bedeu­tung der inter­dis­zi­pli­nä­ren Not­fall- und Akut­me­di­zin durch wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritt, demo­gra­phi­schen Wan­del und aktu­el­le sozio-öko­no­mi­schen Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­ren wei­ter zuge­nom­men hat und dass höchs­te Anfor­de­run­gen an Orga­ni­sa­ti­on, medi­zi­ni­sche und pfle­ge­ri­sche Ver­sor­gung gestellt wer­den.

Pro­fes­sio­na­li­sie­rung des Not­fall-Teams
„Ent­spre­chend unse­rem Kon­gress­mot­to haben wir die Dis­kus­si­on um das wich­ti­ge Kern­the­ma der Tagung, die wei­te­re Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Pfle­ge ins­be­son­de­re im Bereich der Not­auf­nah­men, ein gutes Stück vor­an­ge­bracht“, beton­te Tagungs­lei­ter Prof. Dr. med. Tobi­as Schil­ling, Inter­dis­zi­pli­nä­re Not­auf­nah­me (INA) am Kli­ni­kum Stutt­gart. „Das wur­de gemein­sam und inter­dis­zi­pli­när geleis­tet. Pfle­ge und Ärz­te im Team wer­den als Part­ner ver­stan­den, die­ser Ansatz ist ein­zig­ar­tig bei der DGINA!“ Die Kon­gress­prä­si­den­ten stamm­ten hälf­tig aus Pfle­ge und Ärz­te­schaft: neben Prof. Schil­ling Dr. med. Ste­fan Küh­ner, Zen­tra­le Not­auf­nah­me Ost­alb-Kli­ni­kum Aalen, Mar­tin Mon­nin­ger, Zen­tra­le Not­auf­nah­me­Kreis­kli­ni­ken Reut­lin­gen GmbH und Ingrid Hein­rich, Inter­dis­zi­pli­nä­re Not­fall­auf­nah­me (INA) Kli­ni­kum Stutt­gart. Bei den Vor­trä­gen wech­sel­ten sich Ärz­te und Pfle­ge ab.
Im Vor­der­grund stand die Rol­le und Bedeu­tung der Pfle­ge, von der in der Not­auf­nah­me außer­ge­wöhn­lich viel Wis­sen und Kön­nen erwar­tet wird: vom Schlag­an­fall über den Herz­in­farkt, von der Frak­tur­ver­sor­gung und Gip­sen bis hin zum beat­mungs­pflich­ten Not­fall­pa­ti­en­ten die gan­ze Band­brei­te der Behand­lun­gen in allen Fach­rich­tun­gen. „Pfle­ge in der Not­fall­be­hand­lung muss bereit sein, zusam­men mit den Ärz­ten im Team JEDES Pro­blem von Not­fall­pa­ti­en­ten anzu­neh­men und zu lösen“, beton­te Prof. Schil­ling. „Bis­her gab es bei der Pfle­ge kei­ne ent­spre­chen­de Aus­bil­dung, es muss­te im All­tag gelernt wer­den. Hier bedarf es schon lan­ge einer ent­spre­chen­den Wei­ter­bil­dung und Aner­ken­nung.“ Die­ser not­wen­di­gen Pro­fes­sio­na­li­sie­rung in der Not­fall­pfle­ge tra­ge die Deut­sche Kran­ken­haus­ge­sell­schaft (DKG) Rech­nung, indem sie die „Wei­ter­bil­dung Not­fall­pfle­ge“ emp­fiehlt und die­se auf die glei­che Stu­fe einer Pfle­ge­kraft auf der Inten­siv­sta­ti­on mit Fach­wei­ter­bil­dung für Anäs­the­sie und Inten­siv­pfle­ge stellt. Aus­ge­hend von die­sem wich­ti­gen Schritt zur fach­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on der Pfle­ge soll­ten noch wei­te­re Wei­ter­bil­dungs­pro­gram­me auf­ge­legt wer­den: „Als Pen­dant für die Pfle­ge brau­chen wir für die ärzt­li­chen Mit­ar­bei­ter in den Not­auf­nah­men eben­falls einen Fach­arzt oder eine Zusatz­wei­terbil­dung“, so Prof. Schil­ling. „Wir hin­ken hier Jahr­zehn­te ande­ren Län­dern wie zum Bei­spiel Eng­land, USA, Aus­tra­li­en und wei­te­ren Län­dern hin­ter­her: Dort ist die ‚emer­gen­cy medi­ci­ne‘ und der ‚emer­gen­cy doc­tor‘ eine aner­kann­te ärzt­li­che Fach­rich­tung mit hohem Anse­hen.“
Die in Ber­lin bereits aner­kann­te ärzt­li­che Zusatz­wei­terbil­dung „Kli­ni­sche Not­fall- und Akut­me­di­zin“ wur­de von der DGINA und der DIVI gemein­sam bei der Bun­des­ärz­te­kam­mer ein­ge­reicht und durch­läuft als „Kli­ni­sche Akut- und Not­fall­me­di­zin“ der­zeit das Ver­fah­ren zur Auf­nah­me bei der Mus­ter­wei­ter­bil­dungs­ord­nung. Der schei­den­de Prä­si­dent der DGINA, Prof. Dr. med. Chris­toph Dodt, begrüßt die­sen Schritt: „Nach lan­gem Rin­gen gibt es end­lich eine Per­spek­ti­ve für die­je­ni­gen Ärz­tin­nen und Ärz­te, die ihre beruf­li­che Per­spek­ti­ve im Bereich der Not­fall­me­di­zin sehen“.

Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät von Arzt und Pfle­ge
Zur Opti­mie­rung der Zusam­men­ar­beit im Not­auf­nah­me-Team wur­den bei der not­fall­me­di­zi­ni­schen Fach­ta­gung Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren der Not­fall­me­di­zin in ande­ren Län­dern vor­ge­stellt. In gemein­sa­men Dis­kus­sio­nen ver­such­ten Ärz­te und Pfle­ger, den Begriff „wah­re Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät“ im Not­fall­team zu defi­nie­ren, die inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen Arzt und Kran­ken­pfle­ge wei­ter vor­an­zu­brin­gen und zu neu­en Ide­en für die wei­te­re Arbeit zu inspi­rie­ren. Mit viel­fäl­ti­gen Pro-und-Con­tra Dis­kus­sio­nen und fall­ori­en­tier­ten TED-Abstim­mun­gen waren die Kon­gress­teil­neh­mer aktiv mit ein­be­zo­gen. Bei einer neu­en Art von Simu­la­ti­on, bei der eine Grup­pe von Ärz­ten an einer Simu­la­ti­ons­pup­pe eine Not­fall­ver­sor­gung übte und die Zuschau­er mit­tels einer TED-Abstim­mung bei schwie­ri­gen Ent­schei­dun­gen „haut­nah“ inte­grier­te, konn­ten die­se selbst ent­schei­den, was sie als nächs­tes tun wür­den. Das glei­che Prin­zip der Inte­gra­ti­on von Zuhö­rern ver­folg­ten TED-basier­te Fall­vor­stel­lun­gen, bei denen Fäl­le aus der Pra­xis vor­ge­stellt und die Zuhö­rer mit­tels TED gefragt wur­den, wie sie ent­schie­den hät­ten.

Not­fall­ver­sor­gung der Zukunft
Ein wei­te­rer wich­ti­ger Fokus lag auf der Not­fall­ver­sor­gung der Zukunft. Prof. Dr. med. Chris­toph Dodt stell­te die zen­tra­len For­de­run­gen der DGINA für die Neu­struk­tu­rie­rung der Not­fall­ver­sor­gung vor, die in Not­fall­zen­tren zusam­men­ge­fasst und an den Kran­ken­häu­sern ange­sie­delt wer­den soll­te. Indem die Pati­en­ten die Not­auf­nah­men der Kran­ken­häu­ser rund um die Uhr als zen­tra­le Anlauf­stel­len nut­zen, in denen qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge dia­gnos­ti­sche Mög­lich­kei­ten und fach­ärzt­li­che Behand­lun­gen zur Ver­fü­gung ste­hen, erken­nen sie die beson­de­ren Qua­li­tät der Not­fall­me­di­zin, aus einer Viel­zahl von unspe­zi­fi­schen Sym­pto­men  lebens­be­droh­li­che Zustän­de schnell zu erken­nen und zu behan­deln. In vie­len Fäl­len sei das lebens­ret­tend, da sich bei einem von 10 Pati­en­ten, der zu Fuß in die Not­auf­nah­me kommt, ein bedroh­li­cher Not­fall her­aus­stell­te.
„Es erfor­dert ganz beson­de­re Anstren­gun­gen der Poli­tik und der betei­lig­ten Kör­per­schaf­ten, um jeder­zeit eine hoch­qua­li­ta­ti­ve Not­fall­ver­sor­gung über­all in Deutsch­land gewähr­leis­ten zu kön­nen“, beton­te Prof. Dodt. „Die DGINA for­dert ange­sichts der gewach­se­nen medi­zi­ni­schen Auf­ga­ben und den ver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen die drin­gend not­wen­di­ge Neu­struk­tu­rie­rung der medi­zi­ni­schen Not­fall­ver­sor­gung gemein­schaft­lich, abge­stuft und klar gesteu­ert.“

Aus­blick DGINA 2018
Zur 13. Jah­res­ta­gung der Deut­schen Gesell­schaft Inter­dis­zi­pli­nä­re Not­fall- und Akut­me­di­zin laden die Tagungs­prä­si­den­ten Con­stan­ze Schwarz, Dr. Hei­ke Höger-Schmidt, Tho­mas Lorenz und Kon­rad Schu­mann vom 27. bis 29. Sep­tem­ber 2018 in die Kon­gress­hal­le nach Leip­zig ein.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: www​.dgi​na​-kon​gress​.de.

Quelle
DGINA
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