Max Rubner Conference 2017 zu Ernährungsmonitoring: Herausforderungen und Entwicklungen

Rund 130 Wis­sen­schaft­ler aus vie­len Län­dern Euro­pas und den USA waren vom 9. bis zum 11.10.2017 zu Gast bei der Max Rub­ner Con­fe­rence 2017 „Nut­ri­ti­on Moni­to­ring – Chal­len­ges and Developments“am Max Rub­ner-Insti­tut in Karls­ru­he.

Mit Ernäh­rungs­mo­ni­to­ring wer­den von der All­ge­mein­be­völ­ke­rung oder bestimm­ten Bevöl­ke­rungs­grup­pen wie­der­holt Daten zum Lebens­mit­tel­ver­zehr und Ernäh­rungs­sta­tus gesam­melt und aus­ge­wer­tet. Die­se die­nen u. a. als Grund­la­ge für ernäh­rungs­po­li­ti­sche Pro­gram­me oder ent­spre­chen­de Geset­ze. Die Her­aus­for­de­run­gen, reprä­sen­ta­tiv und belast­bar abzu­bil­den, was Men­schen essen, sind gewal­tig.

Alan­na Mosh­fegh, lang­jäh­ri­ge Lei­te­rin der For­schungs­grup­pe für Ernäh­rungs­stu­di­en am Human Nut­ri­ti­on Rese­arch Cen­ter des US-Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums, stell­te unter dem Titel „Nut­ri­ti­on Moni­to­ring – expe­ri­en­ces from NHANES“ die natio­na­len Gesund­heits- und Ernäh­rungs­sur­veys der USA, bekannt unter der Abkür­zung NHANES, vor. Die ers­te NHA­NES-Stu­die wur­de bereits 1971 durch­ge­führt, seit 1999 fin­den die Befra­gun­gen von 5.000 Per­so­nen jähr­lich statt. Die Ergeb­nis­se wer­den jedes zwei­te Jahr online ver­öf­fent­licht. Im Anschluss stell­te Dr. Mar­ga Ocké vom Natio­nal Insti­tu­te for Public Health and the Envi­ron­ment in den Nie­der­lan­den mit ihrem Vor­trag zu „Deve­lop­ments and per­spec­tives in Euro­pean nut­ri­ti­on sur­veys” die Situa­ti­on in Euro­pa dar. Auf­grund der unter­schied­li­chen Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten und der unter­schied­li­chen Aus­ge­stal­tung, der in Euro­pa natio­nal durch­ge­führ­ten Stu­di­en gibt es schon seit lan­ger Zeit Bestre­bun­gen zur Har­mo­ni­sie­rung, um die Ergeb­nis­se ver­glei­chen zu kön­nen. Die deut­schen Erfah­run­gen mit dem natio­na­len Ernäh­rungs­mo­ni­to­ring erläu­ter­te Dr. Caro­lin Krems vom Insti­tut für Ernäh­rungs­ver­hal­ten am MRI in ihrem Vor­trag mit dem The­ma „Expe­ri­en­ces from the Ger­man Natio­nal Nut­ri­ti­on Moni­to­ring“. Dazu zog sie ins­be­son­de­re die Natio­na­le Ver­zehrs­stu­die II (NVS II) und die NEMO­NIT-Stu­die her­an.

Nach die­sem Über­blick über das Gesamt­the­ma waren die Her­aus­for­de­run­gen und Ent­wick­lun­gen bei der Stu­di­en­pla­nung der ers­te inhalt­li­che Schwer­punkt: Inter­na­tio­nal ist eine sin­ken­de Mit­mach­be­reit­schaft zu beob­ach­ten, das bedeu­tet, dass die soge­nann­te ‚Respon­se-Rate‘ sinkt. Unter ande­rem damit, wie die Bereit­schaft, sich an einem Moni­to­ring zu betei­li­gen, erhöht wer­den kann, setz­te sich Dr. Bär­bel-Maria Kurth aus Sicht des Gesund­heits­mo­ni­to­rings in Deutsch­land aus­ein­an­der (Titel: Health Moni­to­ring in Ger­ma­ny: New chal­len­ges for popu­la­ti­on based Health Exami­na­ti­on Sur­veys). Am Bei­spiel des kürz­lich abge­schlos­se­nen por­tu­gie­si­schen Ernäh­rungs­sur­veys stell­te Car­la Lopes, die Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin der Stu­die, unter dem Titel „Expe­ri­en­ces from the Por­tu­gue­se Natio­nal Food, Nut­ri­ti­on and Phy­si­cal Activi­ty Sur­vey 2015–2016“ vor, mit wel­chen spe­zi­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen sie zu kämp­fen hat­ten und wie sie gelöst wur­den.

Ent­wick­lun­gen im tech­ni­schen Bereich sowie neue Ernäh­rungs­er­he­bungs­me­tho­den bil­de­ten den zwei­ten The­men­schwer­punkt. Prof. Janet Cade, Lei­te­rin der Arbeits­grup­pe für Ernäh­rungs­epi­de­mio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät in Leeds, Groß­bri­tan­ni­en gab in ihrem Vor­trag „New devices to assess diet – app­li­ca­ble for nut­ri­ti­on moni­to­ring?“ einen Über­blick über neue Mög­lich­kei­ten, den Lebens­mit­tel­ver­zehr zu erfas­sen, etwa über Mess­ge­rä­te, die Schluck­be­we­gun­gen und/oder Hand­be­we­gun­gen zum Mund ermit­teln oder Kame­ras, die den Ess­vor­gang fest­hal­ten. Einen Schwer­punkt leg­te sie jedoch auf die zuneh­mend akzep­tier­te Online-Befra­gung der Teil­neh­mer. Bei Über­prü­fun­gen der Ver­läss­lich­keit, soge­nann­te Vali­die­run­gen, lie­fern die Ver­glei­che von Online- und Inter­view­er-geführ­ten Befra­gun­gen ähn­li­che Ergeb­nis­se. Der Zugang zu und der Akzep­tanz von Online-Befra­gun­gen wird in Zukunft immer weni­ger eine Hür­de dar­stel­len, so die Erwar­tun­gen der Kon­fe­renz­teil­neh­mer. Eine Her­aus­for­de­rung sind aller­dings die erfor­der­li­chen fort­lau­fen­den Anstren­gun­gen, um die in den Erhe­bungs­me­tho­den hin­ter­leg­ten Lebens­mit­tel und Nähr­stoff­da­ten ange­sichts eines sehr dyna­mi­schen Lebens­mit­tel­mark­tes aktu­ell zu hal­ten.

Der Fra­ge, ob durch Ein­satz von Meta­bo­lo­mics, zuver­läs­si­ge Bio­mar­ker für den Lebens­mit­tel­ver­zehr iden­ti­fi­ziert wer­den kön­nen, ging Prof. Sabi­ne Kul­ling vom Insti­tut für Sicher­heit und Qua­li­tät für Obst und Gemü­se am MRI in ihrem Vor­trag mit dem Titel ‚Explo­ring die­ta­ry inta­ke mar­kers – chan­ces and limi­ta­ti­ons of meta­bo­lo­mics‘ nach. Das MRI hat in den letz­ten Jah­ren eine ana­ly­ti­sche Platt­form für Meta­bo­lom­ana­ly­sen auf­ge­baut, die nun auch in Inter­ven­ti­ons­stu­di­en und Kohor­ten­stu­di­en zur Iden­ti­fi­zie­rung von Mar­kern für den Lebens­mit­tel­ver­zehr ein­ge­setzt wer­den. Deut­lich wur­de, wie ver­schie­de­ne Fak­to­ren das kom­ple­xe Meta­bo­li­ten­pro­fil von Lebens­mit­teln signi­fi­kant beein­flus­sen, was bei der Suche nach Mar­kern zu berück­sich­ti­gen ist. Bis­her sei­en zwar schon ca. 150 Meta­bo­li­ten als poten­ti­el­le Bio­mar­ker für den Ver­zehr von bestimm­ten Lebens­mit­teln beschrie­ben. Nur ganz weni­ge Mar­ker sind jedoch bis dato vali­diert, was auf­wän­dig ist und eine gro­ße Her­aus­for­de­rung dar­stellt. An ver­schie­de­nen Bei­spie­len wur­de auf­ge­zeigt, dass ein­zel­ne Meta­bo­li­ten häu­fig nicht spe­zi­fisch oder auch robust genug sind, um den Ver­zehr eines bestimm­ten Lebens­mit­tels zuver­läs­sig anzu­zei­gen, sodass in Zukunft wohl eher auf eine Kom­bi­na­ti­on von min­des­tens zwei Meta­bo­li­ten zurück­zu­grei­fen ist.

Trotz aller Her­aus­for­de­run­gen, lohnt es sich die­se Ent­wick­lun­gen wei­ter zu ver­fol­gen: In fünf bis zehn Jah­ren, so pro­gnos­ti­ziert Kul­ling, wer­den vali­dier­te und damit sehr zuver­läs­si­ge Bio­mar­ker für den Ver­zehr von bestimm­ten Lebens­mit­teln oder Lebens­mit­tel­grup­pen zur Ver­fü­gung ste­hen. Quan­ti­ta­ti­ve Aus­sa­gen sind davon abhän­gig, wel­ches Pro­ben­ma­te­ri­al aus Stu­di­en zur Ver­fü­gung steht und bedür­fen zusätz­li­cher For­schung. Erset­zen wer­den die­se Mar­ker die tra­di­tio­nel­len Metho­den zur Erfas­sung des Lebens­mit­tel­ver­zehrs nicht, auch dar­an ließ die Wis­sen­schaft­le­rin kei­nen Zwei­fel. Sie kön­nen aber in Zukunft eine wert­vol­le Ergän­zung sein.

In einem wei­te­ren Block stand die Har­mo­ni­sie­rung im Vor­der­grund: Um ein euro­päi­sches Ernäh­rungs­mo­ni­to­ring in har­mo­ni­sier­ter Wei­se durch­füh­ren zu kön­nen, wird eine gute For­schungs­in­fra­struk­tur benö­tigt. Ein Schritt dahin sind ein­heit­li­che Emp­feh­lun­gen für die Durch­füh­rung der natio­na­len Stu­di­en. Dr. Davi­de Arcel­la von der Euro­päi­schen Behör­de für Lebens­mit­tel­si­cher­heit (EFSA) infor­mier­te über deren Har­mo­ni­sie­rungs­be­stre­bun­gen mit dem Ziel, für die Risi­ko­be­wer­tung auf euro­päi­scher Ebe­ne ver­gleich­ba­re Ver­zehrs­da­ten aus den natio­na­len Stu­di­en ver­füg­bar zu haben. Er gab in sei­nem Vor­trag „EU Menu – expe­ri­en­ces and per­spec­tives“ eine Über­sicht über die aktu­el­len Emp­feh­lun­gen etwa zur Rekru­tie­rung, zur Erhe­bungs­me­tho­dik sowie über finan­zi­el­le Unter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten der EFSA bei natio­na­len Ernäh­rungs­er­he­bun­gen. Die Har­mo­ni­sie­rung von Nähr­stoff­da­ten­ban­ken ist eben­falls von wesent­li­cher Bedeu­tung, da die­se die Basis zur Aus­wer­tung der Nähr­stoff­zu­fuhr von Ver­zehrs­er­he­bun­gen dar­stel­len. So berich­te­te Mark Roe, vom Qua­dram Insti­tut für Bio­wis­sen­schaf­ten in Nor­wich, über den Stand der Ent­wick­lung der euro­päi­schen Nähr­stoff­da­ten­ban­ken. Ins­be­son­de­re ging er in sei­nem Vor­trag „Euro­pean food com­po­si­ti­on data­ba­ses – expe­ri­en­ces and per­spec­tives“ auf die Umset­zung der von Euro­FIR initi­ier­ten Stan­dards im Bereich der Har­mo­ni­sie­rung und Qua­li­täts­si­che­rung von Nähr­stoff­da­ten ein. Hier spie­len Soft­ware­lö­sun­gen, mit denen Nähr­stoff­da­ten ver­wal­tet bzw. über das Inter­net abge­ru­fen wer­den kön­nen, eine ent­schei­den­de Rol­le. 

In dem abschlie­ßen­den inhalt­li­chen Block dreh­te sich alles um den Umgang mit stei­gen­den Daten­men­gen (Big Data) und den damit ver­bun­de­nen Her­aus­for­de­run­gen. Einer­seits ist es eine Her­aus­for­de­rung aus der gro­ßen Mas­se an Daten über­haupt einen Nut­zen zu zie­hen und ande­rer­seits ist die Erfas­sung der Daten und der Umgang mit ihnen auch ein Grund für Beden­ken. Die­ses Span­nungs­feld wur­de im Rah­men der Max Rub­ner-Con­fe­rence 2017 aus phi­lo­so­phi­scher und juris­ti­scher Sicht betrach­tet, um der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Situa­ti­on des The­mas gerecht zu wer­den. Prof. Judith Simon, Pro­fes­so­rin für Ethik in der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Ham­burg, sprach zum The­ma „Big Data – ethi­cal, epis­te­mo­lo­gi­cal and poli­ti­cal con­s­i­de­ra­ti­ons“ u. a. von unter­schied­lich ver­teil­ten Zugangs­mög­lich­kei­ten zur Nut­zung der Daten und der damit ver­bun­de­nen Asym­me­trie der Macht. Im Zusam­men­hang mit Big Data ent­wick­le sich ein neu­er Empi­ris­mus, in dem die Ana­ly­sen nicht theo­rie­ge­lei­tet sei­en, son­dern die Daten für sich selbst spre­chen wür­den. Die not­wen­di­ge Ein­ord­nung der ursprüng­lich erzeug­ten Daten gehe dabei ver­lo­ren. Daher müs­se auch die Fra­ge nach der Qua­li­tät der Daten für Big Data-Ana­ly­sen gestellt wer­den. Gesetz­ge­bungs­mög­lich­kei­ten, Ver­ein­ba­run­gen mit der Indus­trie hin­sicht­lich Ver­hal­tens­re­geln, im Sin­ne der Betrof­fe­nen vor­ein­ge­stell­te Kon­trol­le sowie eine stark inten­si­vier­te Aus­bil­dung sind für sie vier Säu­len, die die Ent­wick­lung in Zukunft beglei­ten müs­sen.

Prof. Stef­fen Augs­berg, Pro­fes­sor für öffent­li­ches Recht an der Uni­ver­si­tät Gie­ßen und Mit­glied im deut­schen Ethik­rat, stell­te unter sei­nem Vor­trags­the­ma: „Rese­arch data – legal per­spec­tive on public and pri­va­te inte­rest“ klar, dass Daten­schutz auf einem Grund­recht beruht, jedoch bezwei­fel­te er, dass es ein „Besitz­recht“ für Daten gibt. Die erwei­ter­ten Betrof­fe­nen­rech­te und Trans­pa­renz­pflich­ten sowie das The­ma Ein­wil­li­gung dis­ku­tier­te er auf Grund­la­ge der EU-Daten­schutz­grund­ver­ord­nung, die ab Mai 2018 die recht­li­che Grund­la­ge des Daten­schut­zes für die Euro­päi­schen Mit­glieds­staa­ten dar­stellt. Mit der Ankün­di­gung einer Stel­lung­nah­me des Ethik­ra­tes zu die­sem The­ma Ende des Jah­res schloss er sei­ne Aus­füh­run­gen.

Wie gemein­sa­me Aus­wer­tun­gen von Daten meh­re­rer Stu­di­en durch­ge­führt wer­den kön­nen, ohne dass die Daten den eige­nen Ser­ver ver­las­sen, zeig­te am Ende des Vor­trags­blocks Prof. Paul Bur­ton, Pro­fes­sor für Daten­wis­sen­schaft (Data Sci­ence) im Gesund­heits­be­reich der Uni­ver­si­tät New­cast­le am Bei­spiel des Pro­jek­tes Data­SHIELD. Das Prin­zip, dass die Aus­wer­tun­gen von einem zen­tra­len Rech­ner zu den jewei­li­gen Daten­ser­vern geschickt wer­den und nicht umge­kehrt, führt dazu, dass die für die Ana­ly­se benö­tig­ten Daten beim Daten­ei­gen­tü­mer ver­blei­ben und weder kopiert noch als Ein­zel­wer­te ein­ge­se­hen oder aus­ge­ge­ben wer­den kön­nen. 

Zum Abschluss der Ver­an­stal­tung lud Prof. Ingrid Hoff­mann, Lei­te­rin des Insti­tuts für Ernäh­rungs­ver­hal­ten, die anwe­sen­den Kon­gress­teil­neh­mer ein, die Gele­gen­heit zu nut­zen, um an the­ma­tisch aus­ge­wie­se­nen Steh­ti­schen zu ihren Visio­nen über die The­men der Kon­fe­renz in Aus­tausch zu tre­ten und mög­li­cher­wei­se so den Start für eine Koope­ra­ti­on zu set­zen oder neue Initia­ti­ven zu grün­den. 

Der Wunsch nach ver­stärk­ter Zusam­men­ar­beit und Aus­tausch bis hin zu einer regel­mä­ßi­gen, euro­päi­schen Zusam­men­kunft zu dem The­ma Nut­ri­ti­on Moni­to­ring mit all sei­nen Facet­ten war ein Ergeb­nis der regen Betei­li­gung. Ob die Kon­fe­renz und der letz­ter Block mit der Ein­la­dung zur Betei­li­gung der Start­punkt für neue Initia­ti­ven und Ide­en wird, wer­den die nächs­ten Jah­ren zei­gen.

 

Quelle
Max Rubner-Institut - Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel
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