Metabolisches Syndrom bei Kindern: Neues Referenzsystem zur frühzeitigen Diagnose

Über­ge­wicht, Blut­hoch­druck, Insu­lin­re­sis­tenz und ein gestör­ter Fett­stoff­wech­sel sind die vier Kenn­zei­chen des Meta­bo­li­schen Syn­droms, von dem immer häu­fi­ger bereits Kin­der betrof­fen sind. Um mög­lichst früh geeig­ne­te the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men ein­lei­ten zu kön­nen, ist es daher wich­tig, betrof­fe­ne Kin­der recht­zei­tig zu iden­ti­fi­zie­ren und eine ver­läss­li­che Dia­gno­se zu stel­len.

Lan­ge fehl­ten dazu jedoch pas­sen­de Refe­renz­wer­te, an denen sich Kin­der- und Jugend­ärz­te ori­en­tie­ren konn­ten. Mit einem neu­en Refe­renz­sys­tem schließt das BIPS genau die­se Lücke. Zudem hat das BIPS ein web­ba­sier­tes Online-Tool ent­wi­ckelt, das Kin­der- und Jugend­ärz­ten bei der Dia­gno­se des Meta­bo­li­schen Syn­droms unter­stützt.

Über­ge­wicht und Fett­lei­big­keit im Kin­des­al­ter haben im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te in Euro­pa und auf der gan­zen Welt mas­siv zuge­nom­men. Die gesund­heit­li­chen Fol­gen – beson­ders im spä­te­ren Erwach­se­nen­al­ter – kön­nen erheb­lich sein. So ist star­kes Über­ge­wicht ein wesent­li­cher Risi­ko­fak­tor unter ande­rem für Dia­be­tes und Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen.

Das Meta­bo­li­sche Syn­drom

Über­ge­wicht ist dabei meist nur der Anfang einer lan­gen und sich über vie­le Lebens­jah­re hin­weg zie­hen­den Ursa­che-Wir­kungs­ket­te, an deren Ende Dia­be­tes oder ein Herz­in­farkt ste­hen kön­nen. Ins­be­son­de­re Fett­ge­we­be, das in der Bauch­höh­le zwi­schen den Orga­nen ein­ge­la­gert wird (Intraab­do­mi­na­les Fett, oder auch: Vis­ze­ral­fett), begüns­tigt die Ent­ste­hung des Meta­bo­li­schen Syn­droms – eines Krank­heits­bil­des, bei dem meh­re­re Sym­pto­me in unter­schied­lich star­ker Aus­prä­gung gleich­zei­tig auf­tre­ten.

Die Inter­na­tio­nal Dia­be­tes Fede­ra­ti­on (IDF) defi­niert das Meta­bo­li­sche Syn­drom über fol­gen­de vier Haupt­sym­pto­me:

- Über­ge­wicht (Adi­po­si­tas) mit abdo­mi­nel­ler Fett­ver­tei­lung
– Dysli­pi­dä­mie (eine Stö­rung im Fett­stoff­wech­sel)
– Insu­lin­re­sis­tenz
– Blut­hoch­druck

Bei die­ser Defi­ni­ti­on wird klar, dass leich­tes Über­ge­wicht allein noch nicht zwangs­läu­fig die Alarm­glo­cken der Eltern schril­len las­sen muss. Über­schrei­ten jedoch drei oder gar vier Kom­po­nen­ten bestimm­te Grenz­wer­te, liegt ein Meta­bo­li­sches Syn­drom mit ent­spre­chend drin­gen­dem Hand­lungs­be­darf vor.

Und bei genau die­sen Grenz­wer­ten gab es bis­lang noch gro­ße Unsi­cher­hei­ten. Neben der Defi­ni­ti­on der IDF gibt es noch ande­re, die sich von­ein­an­der unter­schei­den und somit zu unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen bei der Dia­gno­se des Meta­bo­li­schen Syn­droms füh­ren. Dar­über hin­aus lei­tet sich etwa die gän­gi­ge Defi­ni­ti­on der IDF von Daten ab, die für Erwach­se­ne erho­ben wur­den. Die­se las­sen sich jedoch nicht ohne wei­te­res auf Kin­der „her­un­ter­rech­nen“, da sich in der Kin­des­ent­wick­lung etwa Köper­grö­ße und -pro­por­tio­nen – und damit auch die Fett­ver­tei­lung – stark ver­än­dern. Zudem haben auch die Puber­tät und damit ver­bun­de­ne Ver­än­de­run­gen im Hor­mon­haus­halt star­ken Ein­fluss – etwa auf die Insu­lin­sen­si­ti­vi­tät. Und nicht zuletzt: Auf­grund der limi­tier­ten Über­trag­bar­keit auf sehr jun­ge Men­schen emp­fiehlt etwa die Inter­na­tio­nal Dia­be­tes Fede­ra­ti­on, dass das Meta­bo­li­sche Syn­drom nicht bei Kin­dern unter 10 Jah­ren dia­gnos­ti­ziert wer­den soll­te. Kin­der unter 6 Jah­ren wur­den wegen der unzu­rei­chen­den Daten­la­ge sogar kom­plett aus der Defi­ni­ti­on her­aus­ge­nom­men.

Abhil­fe durch die Daten der IDE­FICS-Stu­die

Um ange­sichts die­ser zahl­rei­chen Unsi­cher­hei­ten und Ein­schrän­kun­gen Abhil­fe zu schaf­fen, ent­wi­ckel­ten For­scher des BIPS ein völ­lig neu­es, fle­xi­bles Refe­renz­sys­tem, das auf Daten der IDE­FICS-Stu­die basiert. Im Fokus der IDE­FICS-Stu­die (Iden­ti­fi­ca­ti­on and pre­ven­ti­on of die­ta­ry- and life­style-indu­ced health effects in child­ren and infants) stan­den kind­li­ches Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas und deren lang­fris­ti­ge Aus­wir­kun­gen auf die Gesund­heit. An der IDE­FICS-Stu­die betei­ligt waren 23 For­schungs­in­sti­tu­te und klein- und mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men aus 11 ver­schie­de­nen EU-Mit­glieds­staa­ten. Koor­di­niert wur­de die Stu­die vom BIPS.

Das neue Refe­renz­sys­tem fußt auf den Daten von mehr als 12.000 Kin­dern aus acht euro­päi­schen Län­dern im Alter von drei bis zehn Jah­ren und ist – die gro­ße Stär­ke des Sys­tems – alters- und geschlechts­spe­zi­fisch. In inter­na­tio­na­len Fach­krei­sen hat das Refe­renz­sys­tem des BIPS bereits Anklang gefun­den. So emp­feh­len Exper­ten in einem jüngst erschie­ne­nen Kom­men­tar in der Fach­zeit­schrift Lan­cet Child Ado­lesc Health eine welt­wei­te Nut­zung des Sys­tems zur Dia­gno­se des Meta­bo­li­schen Syn­droms bei Kin­dern.

Nutz­bar für Alle: das Online-Tool

Um Kin­der- und Jugend­ärz­ten genau die­sen dia­gnos­ti­schen Zugang schnell und unkom­pli­ziert zu ermög­li­chen, hat das BIPS im Rah­men eines vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Gesund­heit geför­der­ten Pro­jekts ein web­ba­sier­tes Online-Tool ent­wi­ckelt.

Um das Online-Tool für die Dia­gno­se nut­zen zu kön­nen, erhebt der behan­deln­de Arzt die fol­gen­den Para­me­ter:

- den Hüft­um­fang (als Grad­mes­ser für die abdo­mi­nel­le Fett­ver­tei­lung)
– Tri­gly­ze­rid- bzw. HDL-Cho­le­ste­rin­wer­te (zur Iden­ti­fi­ka­ti­on von Kin­dern mit schlech­ten Blut­fett­wer­ten)
– den Nüch­tern­glu­co­se­wert (als mög­li­chen Hin­weis auf einen gestör­ten Zucker­stoff­wech­sel)
– den systolischen/diastolischen Blut­druck (als Hin­weis auf Blut­hoch­druck)

Anschlie­ßend trägt der Arzt die Wer­te der Mes­sun­gen zusam­men mit dem Alter, dem Geschlecht und der Grö­ße des Kin­des in die Ein­ga­be­mas­ke ein. Bereits wäh­rend der Ein­ga­be der Daten zei­gen ver­schie­de­ne Gra­fi­ken, inwie­weit sich die Mess­wer­te des Kin­des von denen sei­ner Alters­ge­nos­sen unter­schei­den. Lie­gen die­se Mess­wer­te bei min­des­tens drei der vier Haupt­sym­pto­me in einem auf­fäl­li­gen Bereich (ober­halb des soge­nann­ten 90%-Perzentils), emp­fiehlt das Online-Tool, die Ent­wick­lung des Kin­des auf­merk­sam wei­ter­zu­ver­fol­gen (Moni­to­ring Level). Bei noch deut­li­che­rer Abwei­chung von der Norm (ober­halb des 95%-Perzentils) wird eine päd­ia­tri­sche Inter­ven­ti­on emp­foh­len – der Arzt soll­te also zügig the­ra­peu­tisch ein­grei­fen (Action-Level).

Dar­über hin­aus errech­net das Online-Tool einen Score, der sämt­li­che Kom­po­nen­ten des Meta­bo­li­schen Syn­droms in einem für Alter und Geschlecht stan­dar­di­sier­ten, aggre­gier­ten Wert abbil­det. Der behan­deln­de Arzt ver­fügt somit über ein ste­ti­ges Maß, mit dem sich ins­be­son­de­re Ände­run­gen im zeit­li­chen Ver­lauf der Ent­wick­lung eines Kin­des beob­ach­ten las­sen.

Zu guter Letzt las­sen sich nach Ein­ga­be der nöti­gen Para­me­ter sämt­li­che Mess­wer­te, dazu gehö­ren­de Refe­renz­kur­ven und die zusam­men­fas­sen­de Bewer­tung der Ergeb­nis­se in einem kom­pak­ten PDF-File mit Klick auf den Down­load-But­ton her­un­ter­la­den.

Kin­der- und Jugend­ärz­ten wird damit ein schnell und ein­fach nutz­ba­res und auf neu­es­ten Daten basie­ren­des Werk­zeug an die Hand gege­ben, das sie bei der Dia­gno­se eines Meta­bo­li­schen Syn­droms bei Kin­dern unter­stützt.

Das Online-Tool kann über die Inter­net­sei­te des BIPS unter fol­gen­der Adres­se auf­ge­ru­fen und frei genutzt wer­den (Link s.u.).

Links:

Kom­men­tar in „The Lan­cet Child and Ado­le­scent Health”
Online-Tool

Quel­len:

Leib­niz-Insti­tut für Prä­ven­ti­ons­for­schung und Epi­de­mio­lo­gie – BIPS, 10.10.2017

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