Netzwerk Evidenzbasierte Medizin fordert Abbau von Fehlentwicklungen

Wer dem­nächst die Geschi­cke der Gesund­heits­po­li­tik in Deutsch­land lenkt, ist noch unge­klärt. Das Deut­sche Netz­werk Evi­denz­ba­sier­te Medi­zin (DNEbM) mahnt jetzt an, die Poli­tik müs­se sich „ernst­haft mit der offen­kun­di­gen Fehl­steue­rung der Gesund­heits­ver­sor­gung und den Fehl­an­rei­zen im Sys­tem beschäf­ti­gen”.

Die Ein­däm­mung von Über-, Unter- und Fehl­ver­sor­gung müs­se jetzt das zen­tra­le The­ma zukunfts­ge­wand­ter Gesund­heits­po­li­tik wer­den, for­dert das Netz­werk. Lei­der hät­ten sich die Poli­ti­ker weder im Wahl­kampf noch in den bis­he­ri­gen Regie­rungs­son­die­run­gen ernst­haft damit beschäf­tigt, kri­ti­siert das DNEbM. Zwar sei­en durch bür­ger­na­he Dis­kus­sio­nen im Fern­se­hen The­men wie die Sicher­stel­lung der Pfle­ge auf­ge­kom­men, doch außer beschwich­ti­gen­der Wor­te und abs­trak­ter Ver­spre­chun­gen sei kein ernst­haf­ter und aus­sichts­rei­cher Plan erläu­tert wor­den, wie zum Bei­spiel die Pfle­ge in Zukunft sicher­ge­stellt wer­den soll.

Kei­ne Prio­ri­tät für Hygie­ne­stan­dards

„Wie gedenkt die Poli­tik der Fehl­al­lo­ka­ti­on der Res­sour­cen zu begeg­nen? Wie kommt es, dass die Aus­stat­tung mit zah­len­mä­ßig aus­rei­chend und adäquat qua­li­fi­zier­tem Pfle­ge­per­so­nal so wenig Prio­ri­tät besitzt, dass bei­spiels­wei­se Hygie­ne­stan­dards nicht ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen?”, fra­gen die Netz­wer­ker. „Die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger haben das Recht zu erwar­ten, dass Hygie­ne­stan­dards in Gesund­heits­ver­sor­gungs­zen­tren garan­tiert sind und wie in ande­ren Lebens- und Geschäfts­be­rei­chen hier­zu­lan­de kei­ne Zuge­ständ­nis­se in der Abwehr vermeid­barer Risi­ken gemacht wer­den”, for­dern sie. „Geld spielt hin­ge­gen an ande­rer Stel­le kei­ne Rol­le, wenn unnö­ti­ge und sinn­lo­se medi­zi­ni­sche und zahn­me­di­zi­ni­sche Ein­grif­fe reich­lich ver­gü­tet wer­den oder auch die Gehäl­ter von Kli­nik­di­rek­to­ren gera­de­zu maß­los hoch aus­fal­len.”

Gesund­heits­sys­tem weit vom Anspruch des Sozi­al­ge­setz­bu­ches ent­fernt”

Vie­le Fra­gen sind nach Ansicht der im Netz­werk orga­ni­sier­ten Ärz­te, Wis­sen­schaft­ler und Pati­en­ten­ver­tre­ter offen: „Wie kann der Inef­fi­zi­enz der Ver­sor­gungs­struk­tu­ren bei gleich­zei­ti­gen Qua­li­täts­ein­bu­ßen Ein­halt gebo­ten wer­den durch bes­se­re Pla­nung und Steue­rung? Soll es bei­spiels­wei­se zu­künftig so wei­ter­ge­hen, dass sich Kran­ken­häu­ser einen engen Kon­kur­renz­kampf bie­ten und in fuß­läu­fi­ger Nähe glei­che Ver­sor­gungs­an­ge­bo­te vor­ge­hal­ten wer­den? Oder soll­ten Auf­ga­ben und Qua­li­fi­ka­tio­nen nicht bes­ser ziel­ge­rich­tet ver­teilt wer­den im Sin­ne des bes­ten Nut­zens und der höchs­ten Wirk­sam­keit der Gesund­heits­ver­sor­gung? Wie soll den Erlös-getrie­be­nen Indi­ka­ti­ons- bezie­hungs­wei­se Men­gen­aus­wei­tun­gen in DRG-Zei­ten be­gegnet wer­den?” Die Ori­en­tie­rung am Pati­en­ten­wohl, wie im Gen­fer Gelöb­nis ver­an­kert, sei ganz offen­sicht­lich nicht der Maß­stab die­ser Fehl­ent­wick­lun­gen, schlie­ßen sie dar­aus, dass hier­für bis­her kei­ne Lösun­gen gefun­den wur­den.

Das deut­sche Gesund­heits­sys­tem, das so oft gelobt wird – zuletzt von den Ärz­te­ver­bän­den im Zusam­men­hang ihrer Ableh­nung der „Bür­ger­ver­si­che­rung” – ist nach Ansicht der EbM-Befür­wor­ter „weit von dem im Sozi­al­ge­setz­buch defi­nier­ten Anspruch der Umset­zung evi­denz­ba­sier­ter Medi­zin ent­fernt”. An vie­len Stel­len schei­nen nach Auf­fas­sung des Netz­wer­kes „eher aus­ge­präg­te Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen und rück­sichts­lo­ses Stre­ben nach Gewinn­ma­xi­mie­rung” zu den trei­ben­den Kräf­ten zu gehö­ren. Der Nach­wuchs wer­de im Zei­chen einer an den Anbie­ter-Inter­es­sen ori­en­tier­ten Gesund­heits­wirt­schaft geprägt und nicht mit dem Ziel des Kom­petenzerwerbs in der EbM aus­ge­bil­det. Die Cur­ri­cu­la des Medizin­studiums sähen EbM wei­ter­hin nicht regel­haft vor.

Ver­han­deln­de Par­tei­en sol­len Stel­lung bezie­hen

„Es ist somit nicht nach­voll­zieh­bar, war­um die Poli­tik, aber auch die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in die­sem Land so wenig Anstoß neh­men an den Berich­ten über regio­na­le Unter­schie­de in der Ver­sor­gung, über den Ein­fluss der Indus­trie und sons­ti­ger Lob­by­is­ten der Gesundheits­wirtschaft, über Ärz­te, die zu Unter­neh­mern mutiert sind und vor lau­ter IGeL-Ange­bo­ten und medi­zi­ni­schen Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men kaum noch Zeit für die Ver­sor­gung von Kran­ken haben”, beschließt das EbM-Netz­werk sei­nen Appell. „Wo ist die Empö­rung, wo ist das zivi­le Enga­ge­ment? Wo aber ist die Agen­da der Par­tei­en?” Das DNEbM for­dert die bald wie­der ver­han­deln­den Par­tei­en auf, „end­lich Stel­lung zu bezie­hen”.

(ms)

Quelle
Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.
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