Nierenersatztherapie: CORETH-Forschungsprojekt liefert neue Erkenntnisse zur Verfahrenswahl

Wel­ches Dia­ly­se­ver­fah­ren wäh­len Men­schen, die nie­ren­er­satz­pflich­tig wer­den, – und war­um? Das war die Haupt­fra­ge­stel­lung des vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung geför­der­ten CORETH-For­schungs­pro­jekts. Ein ernüch­tern­des Ergeb­nis der Erhe­bung: Fast ein Vier­tel der Pati­en­ten, bei denen eine Zen­trums­dia­ly­se durch­ge­führt wird, gab an, dass die Ent­schei­dung vor­ran­gig durch ihren Arzt getrof­fen wur­de.

Die Deut­sche Gesell­schaft für Nephrolo­gie (DGfN) weist in die­sem Zusam­men­hang auf die Pflicht zur umfas­sen­den Infor­ma­ti­on über alle Nie­ren­er­satz­ver­fah­ren, auch wenn eines im indi­vi­du­el­len Fall kon­tra­in­di­ziert ist.

Die Dia­gno­se „End­gra­di­ges Nie­ren­ver­sa­gen“ bedeu­tet für vie­le Betrof­fe­ne eine andau­ern­de, oft lebens­lan­ge Abhän­gig­keit von der Dia­ly­se, falls kei­ne Nie­ren­trans­plan­ta­ti­on mög­lich ist. Neben der Trans­pan­ta­ti­on ste­hen vor allem zwei, in ihrer Hand­ha­bung sehr unter­schied­li­che, Dia­ly­se­ver­fah­ren als tech­ni­scher Ersatz der Organ­funk­ti­on zur Ver­fü­gung: 1) Hämo­dia­ly­se (HD), bei der die Pati­en­ten meist 3x wöchent­lich für 4–5 Stun­den in ein Dia­ly­se­zen­trum fah­ren und dort durch das Dia­ly­se­per­so­nal betreut wer­den und 2) Peri­to­ne­al- oder Bauch­fell­dia­ly­se (PD), die kon­ti­nu­ier­lich vom Pati­en­ten selbst­stän­dig zu Hau­se durch­ge­führt wird. Die Aus­wahl des Nie­ren­er­satz­ver­fah­rens stellt für Betrof­fe­ne eine Ent­schei­dung mit enor­mer Aus­wir­kung auf das wei­te­re Leben dar. Theo­re­tisch könn­te ein Drit­tel der Nie­ren­kran­ken die PD wäh­len. Tat­säch­lich geschieht dies in Deutsch­land aber nur in etwa 5 % der Fäl­le. 

Bis­lang gab es in Deutsch­land kei­ne wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung zu den genau­en Grün­den für die Wahl des Dia­ly­se­ver­fah­rens aus Pati­en­ten­per­spek­ti­ve. Auch fehl­te bis­her eine umfas­sen­de Kos­ten­er­fas­sung für bei­de Dia­ly­se­ver­fah­ren aus gesell­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve. Genau hier setzt das CORETH-For­schungs­pro­jekt an (die Abkür­zung CORETH lei­tet sich aus dem Eng­li­schen „The Choice of Renal Repla­ce­ment The­ra­py“ ab). Das vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung geför­der­te Pro­jekt wur­de unter der Lei­tung von Prof. Dr. med. Mat­thi­as Girndt von der Kli­nik für Inne­re Medi­zin II des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Hal­le (Saa­le) und Prof. Dr. med. Wil­fried Mau vom Insti­tut für Reha­bi­li­ta­ti­ons­me­di­zin der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg durch­ge­führt. CORETH beschäf­tigt sich mit der Fra­ge, wel­che psy­cho­so­zia­len und kör­per­li­chen Bedin­gun­gen die Zufrie­den­heit mit dem Dia­ly­se­ver­fah­ren beein­flus­sen und wel­che Rol­le die Ver­stän­di­gung zwi­schen Arzt und Pati­ent bei der Wahl des Dia­ly­se­ver­fah­rens spielt. Zusätz­lich wur­de im CORETH-Pro­jekt eine Ana­ly­se der Kos­ten unter HD- und PD-Pati­en­ten vor­ge­nom­men. Die­ser Teil der Stu­die wur­de vom For­schungs­schwer­punkt Gesund­heits­öko­no­mie und -poli­tik unter der Lei­tung von Prof. Dr. rer. pol. Chris­ti­an Krauth, vom Insti­tut für Epi­de­mio­lo­gie, Sozi­al­me­di­zin und Gesund­heits­sys­tem­for­schung der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver (MHH), durch­ge­führt.

Für das Pro­jekt wur­den 780 Stu­di­en­teil­neh­mer aus 55 Dia­ly­se­zen­tren deutsch­land­weit befragt. Nach 12 Mona­ten konn­ten 599 der Pati­en­ten zu einer Nach­be­ob­ach­tung gewon­nen wer­den. Die Pati­en­ten füll­ten Fra­ge­bö­gen zu psy­cho­so­zia­len, kör­per­li­chen und sozio­de­mo­gra­fi­schen Aspek­ten aus und beant­wor­te­ten Fra­gen zur gemein­sa­men Ent­schei­dungs­fin­dung mit dem Arzt. Zudem wur­den die Kos­ten zu ambu­lan­ten und sta­tio­nä­ren Leis­tun­gen, Medi­ka­tio­nen, Heil- und Hilfs­mit­teln, Reha­bi­li­ta­ti­ons­leis­tun­gen, Trans­port­we­gen sowie Arbeits- und Erwerbs­un­fä­hig­kei­ten ermit­telt und die Lebens­qua­li­tät unter­sucht. Um die Ver­gleich­bar­keit zwi­schen den unter­schied­li­chen Behand­lungs­grup­pen bei der Ana­ly­se zu gewähr­leis­ten, wur­den nur HD- und PD-Pati­en­ten ver­gli­chen, die ein ähn­li­ches Alter, einen ähn­li­chen Bil­dungs- und Erwerbs­sta­tus sowie ähn­li­che Beglei­ter­kran­kun­gen auf­wie­sen. 

Auf die Fra­ge nach dem Grund für die Ent­schei­dung zur PD gab die Mehr­heit der Pati­en­ten an, dass sie dadurch selbst­stän­di­ger und unab­hän­gi­ger sei­en. Wei­ter­hin wur­de von ein­zel­nen Befrag­ten u. a. „eine bes­se­re Lebens­qua­li­tät“ oder „die Mög­lich­keit arbeiten/studieren zu kön­nen“ genannt. Dem­ge­gen­über berich­te­te fast ein Vier­tel der HD-Pati­en­ten, dass die Ent­schei­dung vor­ran­gig durch ihren Arzt getrof­fen wor­den sei. Vie­le ent­schie­den sich auch für die­ses Ver­fah­ren, weil sie Wert auf die medi­zi­ni­sche Unter­stüt­zung im Dia­ly­se­zen­trum legen. Als Grund wur­de auch genannt, dass die PD gar nicht bekannt sei. Im Ver­gleich zu HD-Pati­en­ten fühl­ten sich PD-Pati­en­ten bes­ser an der Ent­schei­dung zur Wahl des Dia­ly­se­ver­fah­rens betei­ligt. Hin­sicht­lich der Fra­ge, wel­che Fak­to­ren ent­schei­dend für eine hohe Behand­lungs­zu­frie­den­heit ist, zeigt die Stu­die ein kla­res Bild: Sowohl HD- als auch PD-Pati­en­ten sind zufrie­de­ner, wenn sie die Ent­schei­dung für das Dia­ly­se­ver­fah­ren zusam­men mit dem Arzt getrof­fen haben, als wenn der Arzt die Wahl haupt­säch­lich allein getrof­fen hat­te. Auch wirk­te sich eine gute psy­chi­sche Ver­fas­sung der Pati­en­ten posi­tiv auf die The­ra­pie­zu­frie­den­heit aus. Die öko­no­mi­sche Ana­ly­se zeigt, dass HD die kos­ten­in­ten­si­ve­re Behand­lungs­form ist. Im Durch­schnitt unter­schei­den sich die bei­den Ver­fah­ren um knapp 12.000 € pro Jahr. Pri­mär ist die­se Dif­fe­renz auf unter­schied­li­che Dia­ly­se- und Trans­port­kos­ten zurück­zu­füh­ren. Die ande­ren unter­such­ten Kos­ten­pa­ra­me­ter waren ver­gleich­bar. Hin­ge­gen zeig­te die Ana­ly­se der Lebens­qua­li­tät kei­ne wesent­li­chen Unter­schie­de zwi­schen HD- und PD-Pati­en­ten. 

Ins­ge­samt zeigt sich ein leich­ter Vor­teil für die PD hin­sicht­lich Behand­lungs­zu­frie­den­heit und Kos­ten­as­pek­ten. Jedoch sind bei­de Ver­fah­ren gleich­wer­tig, was die Lebens­zu­frie­den­heit der Pati­en­ten betrifft. Die Erkennt­nis­se des CORETH-Pro­jekts unter­mau­ern vor allem, wie wich­tig die infor­mier­te und gleich­be­rech­tig­te Ent­schei­dungs­fin­dung zwi­schen Arzt und Pati­ent ist. Dadurch sind Pati­en­ten lang­fris­tig zufrie­de­ner mit der Behand­lung, unab­hän­gig davon, wel­ches Dia­ly­se­ver­fah­ren letzt­lich gewählt wur­de. „Die DGfN arbei­tet seit Jah­ren dar­an, ein sol­ches sha­red deci­si­on making zu eta­blie­ren, wenn es um die Ver­fah­rens­wahl der Nie­ren­er­satz­the­ra­pie geht. Wir haben Mate­ri­al für das Auf­klä­rungs­ge­spräch erar­bei­tet, um eine umfas­sen­de Infor­ma­ti­on der Pati­en­ten sicher­zu­stel­len und das Gespräch zu doku­men­tie­ren. Das CORETH-For­schungs­pro­jekt hat neben vie­len ande­ren inter­es­san­ten Ergeb­nis­sen gezeigt, dass die Ver­fah­rens­auf­klä­rung immer noch nicht über­all zufrie­den­stel­lend läuft. Die Fach­ge­sell­schaft wird ihre Akti­vi­tä­ten daher noch wei­ter inten­si­vie­ren“, erklärt DGfN-Pres­se­spre­cher Prof. Dr. Jan Gal­le.

Quel­le: Deut­sche Gesell­schaft für Nephrolo­gie

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