Nocebo-Effekt: Verursacht teures Scheinmedikament stärkere Nebenwirkungen als ein günstiges?

Sagt man Pati­en­ten, dass ein bestimm­tes Medi­ka­ment Neben­wir­kun­gen her­vor­ru­fen kann, set­zen die­se häu­fig auch ein – selbst wenn es sich um ein wirk­stoff­frei­es Schein­me­di­ka­ment han­delt. Die­ser soge­nann­te Noce­bo-Effekt wird noch ver­stärkt, wenn die Pati­en­ten Wert­in­for­ma­tio­nen über das ver­meint­li­che Medi­ka­ment erhal­ten. Ein teu­res Schein­me­di­ka­ment ver­ur­sacht im Test stär­ke­re Neben­wir­kun­gen als ein güns­ti­ges. Wis­sen­schaft­ler des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Ham­burg-Eppen­dorf (UKE) haben die­se Zusam­men­hän­ge jetzt in einer Stu­die unter­sucht; ihre Ergeb­nis­se erschei­nen am Frei­tag im renom­mier­ten Fach­ma­ga­zin Sci­ence.

Zurück­zu­füh­ren ist die­ses Phä­no­men auf die Erwar­tungs­hal­tung der Pati­en­ten, die sich mit bild­ge­ben­den Ver­fah­ren sogar dar­stel­len lässt. „Bei Erwar­tungs­ef­fek­ten ist das modu­lie­ren­de Schmerz­sys­tem von gro­ßer Bedeu­tung. Erwar­tun­gen, die im Fron­tal­hirn ent­ste­hen, kön­nen über das modu­lie­ren­de Schmerz­sys­tem die Ver­ar­bei­tung von schmerz­haf­ten Rei­zen in tie­fe­ren Regio­nen des Ner­ven­sys­tems wie dem Hirn­stamm oder dem Rücken­mark beein­flus­sen“, erläu­tert Alex­an­dra Tinner­mann, Wis­sen­schaft­le­rin im Insti­tut für Sys­te­mi­sche Neu­ro­wis­sen­schaf­ten des UKE. Um das modu­lie­ren­de Schmerz­sys­tem unter nega­ti­ven Erwar­tun­gen unter­su­chen zu kön­nen, haben sie eine neue Metho­de der funk­tio­nel­len Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­phie (fMRT) ange­wandt. „Wir konn­ten in unse­rer Unter­su­chung zei­gen, dass nega­ti­ve Erwar­tun­gen Aus­wir­kun­gen auf drei wich­ti­ge Area­le des modu­lie­ren-den Schmerz­sys­tems – auf Fron­tal­hirn, Hirn­stamm und Rücken­mark – haben.“

Pla­ce­bo- und Noce­bo-Effekt
In kli­ni­schen Stu­di­en berich­ten Pati­en­ten, die in der Pla­ce­bo-Grup­pe sind und dem­entspre­chend ein Medi­ka­ment ohne Wirk­stoff erhal­ten haben, häu­fig von Neben­wir­kun­gen. Die­se pas­sen oft genau zu den mög­li­chen Neben­wir­kun­gen des eigent­li­chen Medi­ka­men­tes. Ein Schein­me­di­ka­ment kann also nicht nur zur Bes­se­rung der Sym­pto­me bei­tra­gen (Pla­ce­bo-Effekt), son­dern auch die Neben­wir­kun­gen des eigent­li­chen Medi­ka­ments her­vor­ru­fen (Noce­bo-Effekt). „In unse­rer Stu­die haben wir unter­sucht, wie sich Wert­in­for­ma­tio­nen über ein Medi­ka­ment auf den Noce­bo-Effekt aus­wir­ken“, sagt Wis­sen­schaft­le­rin Tinner­mann. Dazu erhiel­ten die Pro­ban­den ein Schein­me­di­ka­ment ohne medi­zi­ni­schen Wirk­stoff. Um eine nega­ti­ve Erwar­tung zu wecken, wur­de den Pro­ban­den mit­ge­teilt, dass das Medi­ka­ment Neben­wir­kun­gen her­vor­ru­fen kann, die zu einem erhöh­ten Schmerz­emp­fin­den füh­ren. Zusätz­lich zu die­ser nega­ti­ven Erwar­tung wur­de eine Hälf­te der Pro­ban­den dar­über infor­miert, dass das Medi­ka­ment güns­tig ist, die ande­re Hälf­te, dass es teu­er ist. Die Grup­pe, die das teu­re Schein­me­di­ka­ment erhal­ten hat, zeig­te einen grö­ße­ren Noce­bo-Effekt – also ein höhe­res Schmerz­emp­fin­den – als die Grup­pe, die das güns­ti­ge Prä­pa­rat erhal­ten hat­te. Tinner­mann: „Die Ergeb­nis­se zei­gen, dass der Wert eines Medi­ka­ments zusätz­lich zu den nega­ti­ven Erwar­tun­gen das Schmerz­emp­fin­den beein­flus­sen kann; auch die Ver­ar­bei­tung von Schmerz­rei­zen im Rücken­mark wird durch die­se Fak­to­ren ver­än­dert.“

Die Stu­die wur­de unter Lei­tung von Prof. Dr. Chris­ti­an Büchel am Insti­tut für Sys­te­mi­sche Neu­ro­wis­sen­schaf­ten des UKE durch­ge­führt; sie wur­de vom Euro­päi­schen For­schungs­rat (ERC) und der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) unter­stützt.

Lite­ra­tur:
Tinner­mann, A., Geuter, S., Spren­ger, C., Fins­ter­busch, J., Büchel, C. Inter­ac­tions bet­ween brain and spi­nal cord media­te value effects in noce­bo hyperal­ge­sia. Sci­ence (2017). 357.
DOI: 10.1126/science.aan1221

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