Schmerzkongress 2017: Gemeinsam über die Therapie entscheiden

Sha­red deci­si­on making (SDM) ist ein Modell, in dem Arzt und Pati­ent ver­trau­ens­voll zu einer gemein­sa­men The­ra­pie­ent­schei­dung kom­men. Wel­che Vor­aus­set­zun­gen hier­für nötig und wel­che Maß­nah­men denk­bar sind, dis­ku­tie­ren Exper­ten auf dem Deut­schen Schmerz­kon­gress in Mann­heim.

Das 2013 in Kraft getre­te­ne „Gesetz zur Ver­bes­se­rung der Rech­te von Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten“ (Pati­en­ten­rech­te­ge­setz) for­dert, dass Pati­en­ten umfas­send auf­ge­klärt und an der medi­zi­ni­schen Ent­schei­dung betei­ligt wer­den. Die Leit­li­ni­en der Schmerz­me­di­zin for­dern eben­falls eine par­ti­zi­pa­ti­ve Ent­schei­dungs­fin­dung. „Mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Kon­gress­mot­to ‚Gemein­sam ent­schei­den‘ set­zen wir einen star­ken Akzent auf das ‚sha­red deci­si­on making‘ (SDM) und befas­sen uns mit der Fra­ge, wie die­se Betei­li­gung kon­kret aus­se­hen kann“, erklär­te Prof. Mat­thi­as Kei­del, Kon­gress­prä­si­dent und Chef­arzt der Neu­ro­lo­gi­schen Kli­nik am Cam­pus Bad Neustadt/Saale.

SDM steht für eine part­ner­schaft­li­che Ent­schei­dungs­fin­dung, die aus einem pati­en­ten­zen­trier­ten Ansatz her­aus erwächst und als eine beson­ders güns­ti­ge Form der Arzt-Pati­ent-Inter­ak­ti­on ange­se­hen wird. Defi­niert wird SDM als ein über meh­re­re Pha­sen lau­fen­der Inter­ak­ti­ons­pro­zess zwi­schen Arzt und Pati­ent auf der Basis geteil­ter Infor­ma­tio­nen. Am Ende steht eine gemein­sam getrof­fe­ne The­ra­pie­ent­schei­dung.

Es gibt Ansät­ze, die emp­feh­len, ein SDM dann ein­zu­set­zen, wenn ver­schie­de­ne evi­denz­ba­sier­te Behand­lungs­me­tho­den zur Wahl ste­hen, die in ihrer Wirk­sam­keit als gleich­wer­tig gel­ten. Die mög­li­chen Neben­wir­kun­gen einer The­ra­pie kön­nen für den Pati­en­ten – in Abhän­gig­keit von sei­nen Wert­vor­stel­lun­gen und Beglei­ter­kran­kun­gen – jedoch von unter­schied­li­cher Bedeu­tung sein. Für die Behand­lung von Ner­ven­schmer­zen ste­hen zum Bei­spiel ver­schie­de­ne Medi­ka­men­ten­klas­sen wie Anti­de­pres­si­va, Anti­kon­vul­si­va (Arz­nei­mit­tel zur Behand­lung von Krampf­an­fäl­len) und Opi­oi­de zur Ver­fü­gung. „Falls eine Gewichts­zu­nah­me auf kei­nen Fall von einem Pati­en­ten oder einer Pati­en­tin in Kauf genom­men wer­den will, fal­len eini­ge Medi­ka­men­te bei den The­ra­pie­op­tio­nen weg. Wei­ter­hin ist es auch die Auf­ga­be des Arz­tes, dar­über zu infor­mie­ren, wie der wei­te­re Krank­heits­ver­lauf ver­mut­lich sein wird, wenn kei­ne The­ra­pie, bei­spiels­wei­se mit Medi­ka­men­ten, durch­ge­führt wird“, sag­te Prof. Win­fried Häu­ser, Kon­gress­prä­si­dent, Kli­nik Inne­re Medi­zin I des Kli­ni­kums Saar­brü­cken.

Mit­ent­schei­den zu dür­fen för­dert den The­ra­pie­er­folg

Um ein SDM in der Schmerz­me­di­zin zu imple­men­tie­ren und den Pati­en­ten zu einem gleich­be­rech­tig­ten Part­ner im medi­zi­ni­schen Ent­schei­dungs­pro­zess zu machen, müs­sen neue Wege beschrit­ten wer­den. „Dazu gehört, dass Infor­ma­tio­nen für den Pati­en­ten ver­ständ­lich for­mu­liert wer­den und der Arzt die Erwar­tun­gen, Wün­sche, Sor­gen und Ide­en des Pati­en­ten erfragt und ihn dar­in unter­stützt, die eige­nen Prä­fe­ren­zen her­aus­zu­fin­den und zu gewich­ten“, beton­te Häu­ser.

Wenn­gleich es noch nicht aus­rei­chend Erkennt­nis­se über den Nut­zen des SDM gebe, so sei ein posi­ti­ver Effekt unbe­strit­ten: „Ein Pati­ent, der mit­ent­schei­det, ist zuver­sicht­li­cher in Bezug auf den The­ra­pie­er­folg und moti­vier­ter, an der The­ra­pie aktiv teil­zu­neh­men“, weiß Kei­del. Es gibt aller­dings auch Pati­en­ten, die die Ent­schei­dung lie­ber dem Arzt über­las­sen möch­ten. „Gera­de die­se Pati­en­ten pro­fi­tie­ren davon, ein­be­zo­gen zu wer­den. Ihre pas­si­ve Hal­tung ist kein Des­in­ter­es­se, son­dern eher ein Man­gel an Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tun­gen“, so der Neu­ro­lo­ge.

Eine wei­te­re Hür­de kön­ne sein, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit des Arz­tes noch nicht „par­ti­zi­pa­tiv“ sei, wenn er bei­spiels­wei­se zu vie­le Fremd­wör­ter ver­wen­de und nicht nach­fra­ge, ob und wie der Pati­ent das Aus­ge­führ­te ver­stan­den hat. Auch das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten der Ärz­te müs­se sich also unter Umstän­den ändern.

Gesprächs­leis­tung wird nicht ver­gü­tet

Eine wei­te­re Bar­rie­re zur Umset­zung von SDM ist die aktu­el­le Gebüh­ren­ord­nung, wel­che Gesprächs­leis­tun­gen bei man­chen Arzt­grup­pen nicht ver­gü­tet. „Ein ambu­lant täti­ger Neu­ro­lo­ge bekommt je Pati­ent im Quar­tal je nach Bun­des­land cir­ca 45 Euro pro Pati­ent. Umge­rech­net bedeu­ten 45 Euro etwa 15 Minu­ten Zeit im Quar­tal. Eine Vier­tel­stun­de sind für Dia­gnos­tik und eine umfas­sen­de Auf­klä­rung oft nicht aus­rei­chend“, erklär­te Prof. Andre­as Strau­be, Vize­prä­si­dent der Deut­schen Migrä­ne- und Kopf­schmerz­ge­sell­schaft e.V. (DMKG) und Ober­arzt an der Neu­ro­lo­gi­schen Kli­nik der Uni­ver­si­tät Mün­chen, Kli­ni­kum Groß­ha­dern.

Das Tagungs­the­ma „Gemein­sam ent­schei­den“ bezieht sich auch auf die Klug-ent­schei­den-Initia­ti­ve der Arbeits­ge­mein­schaft der Wis­sen­schaft­li­chen Medi­zi­ni­schen Fach­ge­sell­schaf­ten (AWMF). Die­se deut­sche Qua­li­täts­of­fen­si­ve greift inter­na­tio­na­le ‚choo­sing-wise­ly-Pro­gram­me‘ auf, deren Ziel es ist, die Ver­sor­gungs­qua­li­tät durch aus­ge­wähl­te Emp­feh­lun­gen zu ver­bes­sern. „Neben einer gemein­sa­men fach- und berufs­über­grei­fen­den Ver­sor­gung steht auch hier die gemein­sa­me Ent­schei­dungs­fin­dung von Arzt und Pati­ent im Mit­tel­punkt“, beton­ten die bei­den Kon­gress­prä­si­den­ten. Zwölf Fach­ge­sell­schaf­ten haben bereits Posi­tiv- und Nega­ti­v­emp­feh­lun­gen for­mu­liert, um evi­denz­ba­siert bei Über- oder Fehl­ver­sor­gung gegen­steu­ern zu kön­nen.

Was ein „sha­red deci­si­on making“ in der Schmerz­me­di­zin aus­macht, wie es in den kli­ni­schen All­tag imple­men­tiert wer­den kann, wel­che kon­kre­ten Maß­nah­men dazu ergrif­fen wer­den kön­nen und was man bereits über die Wirk­sam­keit der SDM weiß, sind Fra­gen, die auf der Pres­se­kon­fe­renz am 12. Okto­ber 2017 anläss­lich des Deut­schen Schmerz­kon­gres­ses und in einem Sym­po­si­um des Kon­gres­ses dis­ku­tiert wer­den.

Quelle
Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.
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