SPD fordert „wichtigen Einstieg” bei Krankenversicherung – Ärzte pessimistisch

Die SPD hat im Vor­feld von Koali­ti­ons­ge­sprä­chen gefor­dert, dass zumin­dest ers­te Schrit­te in Rich­tung Bür­ger­ver­si­che­rung unter­nom­men wer­den müs­sen. Die Ärz­te zei­gen sich inzwi­schen ver­un­si­chert von der Dis­kus­si­on und sehen gro­ßen­teils pes­si­mis­tisch ins neue Jahr.

Der stell­ver­tre­ten­de SPD-Frak­ti­ons­chef und „Erfin­der“ der von ihm so genann­ten Bür­ger­ver­si­che­rung, Prof. Karl Lau­ter­bach, hat am 28.12.2017 im ARD-Mor­gen­ma­ga­zin die For­de­rung der SPD nach einer Bür­ger­ver­si­che­rung bekräf­tigt. „Die Bür­ger­ver­si­che­rung ist für die Par­tei und die Wäh­ler – 60 bis 70 Pro­zent der Bevöl­ke­rung wol­len das jetzt – ein ganz wich­ti­ges The­ma. Und wenn man uns dann nicht ent­ge­gen­kommt mit einem wich­ti­gen Ein­stieg, dann erken­ne ich auch nicht die Bereit­schaft, mit uns ernst­haft zu ver­han­deln.“ Die Anglei­chung der Ver­si­che­rungs­sys­te­me las­se sich ohne­hin nicht in einem Schritt ein­füh­ren, gab der Gesund­heits­ex­per­te an. Kon­kre­te Kom­pro­miss­punk­te woll­te er nicht im Vor­feld benen­nen, denn die Jamai­ka-Son­die­run­gen sei­en geschei­tert, weil Ver­hand­lun­gen öffent­lich aus­ge­tra­gen wor­den sei­en. Es soll­ten kei­ne roten Lini­en gezo­gen wer­den, aber „der Weg in Rich­tung Bür­ger­ver­si­che­rung muss jetzt begin­nen, dar­auf war­tet die Bevöl­ke­rung seit mehr als zehn Jah­ren.“

Lau­ter­bach bezeich­ne­te das Neben­ein­an­der von gesetz­li­cher (GKV) und pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rung (PKV) als unge­rech­tes und schlech­tes Sys­tem: „Es ist unge­recht, weil pri­vat und gesetz­li­che Ver­si­cher­te anders behan­delt wer­den. Bei pri­vat Ver­si­cher­ten wird in der Ten­denz zu viel gemacht, auch viel Unsinn, weil es viel Geld bringt, gesetz­lich Ver­si­cher­te wer­den in der Ten­denz etwas unter­ver­sorgt, war­ten auf Ter­mi­ne, das hat sich nicht bewährt.“ Lang­fris­tig sei das Sys­tem der PKV auch nicht bezahl­bar: „Die pri­vat Ver­si­cher­ten könn­ten, wenn sie kei­ne Beam­ten sind, lang­fris­tig die Prä­mi­en nicht bezah­len.“    

Die Pro­phe­zei­ung von Kri­ti­kern des Kon­zep­tes, dass wohl­ha­ben­de Ver­si­cher­te bei einer Bür­ger­ver­si­che­rung Zusatz­ver­si­che­run­gen abschlie­ßen wür­den und so erst recht eine Zwei-Klas­sen-Medi­zin for­ciert wür­de, kon­ter­te Lau­ter­bach mit dem Argu­ment, die Zusatz­ver­si­che­run­gen deck­ten nur die Rand­leis­tun­gen ab. „Die Zwei-Klas­sen-Medi­zin haben wir bei der zen­tra­len Leis­tung, zum Bei­spiel, wel­che Medi­ka­men­te jemand bei einer Krebs­er­kran­kung bekommt. Das darf nicht vom Ein­kom­men oder der Ver­si­che­rung abhän­gen. Zusatz­leis­tun­gen etwa für Ein-Bett-Zim­mer sind natür­lich unbe­denk­lich und kei­ne wirk­li­che Zwei-Klas­sen-Medi­zin.“

Weni­ger Wett­be­werb oder mehr?

Karl-Josef Lau­mann (CDU), Gesund­heits­mi­nis­ter in Nord­rhein-West­fa­len, sag­te in der glei­chen Sen­dung: „Wir von der CDU wol­len, dass die Men­schen in Deutsch­land medi­zi­nisch gut behan­delt wer­den, dass sie Spit­zen­me­di­zin bekom­men. Ich glau­be, dass man das nicht in einem Sys­tem erreicht, in dem man den Wett­be­werb aus­schließt.“ Es sei­en Mil­lio­nen von Men­schen nach wie vor in der GKV, obwohl sie auch in die PKV wech­seln könn­ten. „Ich habe in den ers­ten Jah­ren mei­nes Berufs­le­bens noch erlebt, dass wir Arbei­ter uns die Kran­ken­kas­se nicht aus­su­chen konn­ten. Ich habe nicht ver­ges­sen, wie Kran­ken­kas­sen sich ver­hal­ten, wenn sie nicht im Wett­be­werb ste­hen.“ Lau­mann hat­te bis zu sei­nem Ein­zug in den Bun­des­tag 1990 zwölf Jah­re lang als Maschi­nen­schlos­ser gear­bei­tet.

Die­ses Argu­ment ließ Lau­ter­bach nicht gel­ten: „Es gäbe nicht weni­ger Wett­be­werb, son­dern mehr“, so der SPD-Poli­ti­ker. „Es wäre kei­ne Ein­heits­ver­si­che­rung wie in der DDR, son­dern 150 Kran­ken­kas­sen und -ver­si­che­run­gen stün­den im Wett­be­werb.“ Der­zeit gäbe es gar kei­nen Wett­be­werb zwi­schen den Sys­te­men, da ein pri­vat Ver­si­cher­ter gar nicht in die GKV zurück kön­ne und ein gesetz­lich Ver­si­cher­ter, der zu wenig ver­dient, kön­ne nicht in die PKV. Lau­ter­bach for­der­te, „dass es einen Wett­be­werb um bes­se­re Qua­li­tät gibt und nicht dar­um, wer den Arzt bes­ser bezahlt“.

Der Ver­dienst der Ärz­te ist jedoch nach Lau­manns Auf­fas­sung nicht das drän­gen­de Pro­blem der Gesund­heits­ver­sor­gung in Deutsch­land. Der CDU-Poli­ti­ker ver­wies auf drän­gen­de­re Pro­ble­me wie den Ärz­te­man­gel auf dem Land und den Man­gel an Stu­di­en­plät­zen. „Die Gleich­ma­che­rei ist, glau­be ich, nicht die Idee, die zu einer bes­se­ren Ver­sor­gung führt“, zeig­te er sich über­zeugt. Die Bezah­lung der Ärz­te auf das Niveau der PKV anzu­glei­chen, hält er für pro­ble­ma­tisch: „Unse­re Ärz­te ver­die­nen, was sie auch sol­len, anstän­dig, und ich sehe kei­ne gro­ßen Spiel­räu­me, mehr Geld in der GKV in die Hand zu neh­men, um die Ärz­te noch bes­ser zu bezah­len.“

Ärz­te trau­en Gesund­heits­po­li­tik kei­ne Ver­bes­se­run­gen zu

Laut einer der Online-Befra­gung des Ärz­te­nach­rich­ten­diens­tes (änd) in Ham­burg, an der sich vom 12. bis zum 20.12.2017 ins­ge­samt 1349 nie­der­ge­las­se­ne Haus- und Fach­ärz­te aus dem gesam­ten Bun­des­ge­biet betei­ligt hat­ten, wün­schen sich vie­le Ärz­te aber genau das: „fai­re Bezah­lung der Behand­lung von gesetz­lich Ver­si­cher­ten” und „Es darf kei­ne Bür­ger­ver­si­che­rung geben!” sei­en häu­fi­ge Anga­ben auf die Fra­ge nach den beruf­li­chen Wün­sche für das neue Jahr gewe­sen.

Die Debat­te über die Bür­ger­ver­si­che­rung oder die Ein­heits­ge­büh­ren­ord­nung scheint laut änd das Ver­trau­en in die Poli­tik wei­ter beschä­digt zu haben: Nur zwei Pro­zent der befrag­ten Ärz­te gaben an, dass sie der nächs­ten Bun­des­re­gie­rung eine Gesund­heits­po­li­tik zutrau­en, die Ver­bes­se­run­gen für den eige­nen Berufs­stand bringt. 37 Pro­zent erwar­ten dage­gen ein Ver­har­ren auf dem Sta­tus quo. Die Mehr­heit von 60 Pro­zent geht jedoch davon aus, dass sich die Lage ver­schlim­mern wird.

Die düs­te­re Pro­gno­se setzt sich auch bei der Fra­ge nach der eige­nen wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on im kom­men­den Jahr fort: Erst­mals in einer änd-Umfra­ge zum Jah­res­en­de erwar­tet die Mehr­heit der Befrag­ten Ärz­te (51 Pro­zent) eine Ver­schlech­te­rung der wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on der eige­nen Pra­xis. 42 Pro­zent gehen dage­gen von einer prak­tisch unver­än­der­ten Lage aus, sie­ben Pro­zent glau­ben an eine Ver­bes­se­rung.

(ms)

Quelle
ARD-Morgenmagazin, änd
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