Stellungnahme: Forscher der Uni Hohenheim kritisieren PURE-Studie

Kein Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen Gesamt­men­ge an Koh­len­hy­dra­ten und Fett in der Ernäh­rung und Sterb­lich­keit / Ernäh­rungs­emp­feh­lun­gen müs­sen nicht revi­diert wer­den

Die Ernäh­rungs­emp­feh­lun­gen bezüg­lich Fett und Koh­len­hy­dra­te müss­ten umge­schrie­ben wer­den, for­dern die Auto­ren der aktu­el­len glo­ba­len Ernäh­rungs­stu­die PURE (Pro­s­pec­tive Urban Rural Epi­de­mio­lo­gy). Denn – so die Stu­die: Zu vie­le Koh­len­hy­dra­te in der täg­li­chen Kost stei­ger­ten die Sterb­lich­keit, und mehr Fett sei nicht nur unschäd­lich, son­dern ver­rin­ge­re sogar die Sterb­lich­keit und das Risi­ko für Schlag­an­fäl­le.

Doch die­se Schluss­fol­ge­run­gen sei­en nicht halt­bar, beto­nen drei Exper­ten der Uni­ver­si­tät Hohen­heim. Ernäh­rungs­me­di­zi­ner Prof. Hans Kon­rad Biesal­ski, Tro­pen-Exper­tin Prof. Regi­na Bir­ner und Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­ler Prof. Jan Frank, Prä­si­dent der Socie­ty of Nut­ri­ti­on and Food Sci­ence (SNFS), sehen die PURE-Stu­die kri­tisch, deren Auto­ren in 18 Län­dern den Ein­fluss von Koh­len­hy­dra­ten, Fett und Eiweiß in der Ernäh­rung auf das Krank­heits- und Sterb­lich­keits­ri­si­ko unter­sucht haben.

Makro­nähr­stof­fe sind ledig­lich Indi­ka­tor für Qua­li­tät der Ernäh­rung

Mit stei­gen­der Zufuhr von Koh­len­hy­dra­ten neh­me die Sterb­lich­keit zu; bei Fett beob­ach­tet die PURE-Stu­die einen umge­kehr­ten Zusam­men­hang: Mit stei­gen­dem Anteil der Nah­rungs­en­er­gie aus Fett neh­me die Sterb­lich­keit ab. „Doch auch wenn eine gerin­ge­re Sterb­lich­keit zwar mit höhe­rem Fett­kon­sum bzw. nied­ri­ge­rem Kon­sum an Koh­len­hy­dra­ten ver­bun­den ist, las­sen sich mit die­ser Metho­de kei­ne kau­sa­len Zusam­men­hän­ge zwi­schen die­sen Beob­ach­tun­gen fest­stel­len“, gibt Biesal­ski zu beden­ken.

Ent­schei­dend sei viel­mehr die Ver­sor­gung mit Mikro­nähr­stof­fen – und dafür sei der Anteil an Koh­len­hy­dra­ten und gesät­tig­ten Fet­ten in der Ernäh­rung ledig­lich ein Indi­ka­tor. „Mit stei­gen­der Armut nimmt der Anteil an Koh­len­hy­dra­ten deut­lich zu und der von Lebens­mit­teln tie­ri­schen Ursprungs, vor allem von Fleisch und Fleisch­pro­duk­ten, ab. Denn stär­ke­hal­ti­ge Pro­duk­te wie Reis, Mais, Wei­zen, Kar­tof­feln oder Cas­s­a­va sind preis­güns­tig und sät­ti­gen“, erklärt Bir­ner. Die­se sei­en aber bezüg­lich der Ver­sor­gung mit essen­zi­el­len Mikro­nähr­stof­fen eine schlech­te Quel­le, und die Ver­sor­gung zum Bei­spiel mit Eisen und Zink habe einen Ein­fluss auf die Sterb­lich­keit.

Frank stellt klar: „Eine unzu­rei­chen­de Ver­sor­gung mit Mikro­nähr­stof­fen, also Mine­ral­stof­fen und Vit­ami­nen, erhöht das Krank­heits- und so unwei­ger­lich auch das Mor­ta­li­täts­ri­si­ko. Wenn die Qua­li­tät außen vor bleibt, führt die Betrach­tung der Quan­ti­tät von Makro­nähr­stof­fen in der Ernäh­rung leicht in die Irre. Eine fett­rei­che, koh­len­hy­drat­ar­me Ernäh­rung kann qua­li­ta­tiv genau­so unge­nü­gend sein wie eine fett­ar­me, koh­len­hy­dratrei­che Ernäh­rung.“

Arme und rei­che Natio­nen unter­schei­den sich bei Koh­len­hy­dra­ten

Wenn es um Koh­len­hy­drat­ver­zehr in armen Län­dern geht, dann spre­chen wir vor allem von Reis, Mais und Wei­zen“, fasst Biesal­ski zusam­men. „Je grö­ßer deren Anteil an der Ernäh­rung ist, des­to gerin­ger ist die Nah­rungs­qua­li­tät und des­to höher auch die Sterb­lich­keit.“

In rei­chen Natio­nen jedoch lie­ge die Koh­len­hy­drat­zu­fuhr im Bereich von 45 bis 55 Pro­zent. „Hier bedeu­tet ein Zuviel an Koh­len­hy­dra­ten vor allem ein Zuviel an Zucker und zucker­hal­ti­gen Lebens­mit­teln. Die­se zu redu­zie­ren ist sicher­lich kein Feh­ler und mög­li­cher­wei­se auch gesund­heits­för­dernd.“

Aus­führ­li­cher wis­sen­schaft­li­cher Kom­men­tar zur PURE-Stu­die: https://​www​.uni​-hohen​heim​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​u​s​e​r​_​u​p​l​o​a​d​/​S​N​F​S​_​K​o​m​m​e​n​t​a​r​_​P​U​R​E​_​S​t​u​d​i​e​.​pdf

Hin­ter­grund: Socie­ty of Nut­ri­ti­on and Food Sci­ence (SNFS)

Die Socie­ty of Nut­ri­ti­on and Food Sci­ence e.V. (SNFS) ist ein im Jahr 2013 gegrün­de­ter Zusam­men­schluss unab­hän­gi­ger Exper­ten im Bereich Ernäh­rungs- und Lebens­mit­tel­wis­sen­schaf­ten mit Sitz an der Uni­ver­si­tät Hohen­heim. Ziel der gemein­nüt­zi­gen Orga­ni­sa­ti­on ist es, For­schung und Leh­re in die­sem The­men­feld vor­an­zu­trei­ben, neu­tral und wis­sen­schaft­lich fun­diert Stel­lung zu kon­tro­ver­sen The­men und aktu­el­len Publi­ka­tio­nen zu neh­men sowie dem Ver­brau­cher fach­lich kor­rek­tes Wis­sen zu Ernäh­rungs­the­men zur Ver­fü­gung zu stel­len.

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