Studie: „Viele der damaligen Patienten leiden noch heute”

Der Land­schafts­ver­band West­fa­len-Lip­pe (LWL) ver­öf­fent­licht Stu­die über Psych­ia­trie- und Gewalt­er­fah­run­gen von Mars­berg-Opfern.

Kör­per­li­che Gewalt, sexu­el­ler Miss­brauch, Ruhig­stel­lung durch Zwangs­ja­cken und Medi­ka­men­te, Ein­sper­ren in geschlos­se­nen Räu­men, demü­ti­gen­de Straf­ri­tua­le, lieb­lo­se Behand­lung – die jun­gen Bewoh­ner des St. Johan­nes-Stifts im sauer­län­di­schen Mars­berg erleb­ten das „Fach­kran­ken­haus für Jugend­psych­ia­trie” in der Trä­ger­schaft des Land­schafts­ver­ban­des West­fa­len-Lip­pe (LWL) in der Nach­kriegs­zeit als eine Stät­te größ­ten Leids und Unrechts. Zu die­sem Ergeb­nis kommt die jetzt ver­öf­fent­lich­te Stu­die „Psych­ia­trie- und Gewalt­er­fah­run­gen von Kin­dern und Jugend­li­chen im St. Johan­nes-Stift in Mars­berg (1945–1980). Anstalts­all­tag, indi­vi­du­el­le Erin­ne­rung, bio­gra­phi­sche Ver­ar­bei­tung”.

„Als Chef des Ver­ban­des, der Trä­ger der Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie in Mars­berg war und ist, kann ich die dor­ti­ge Nach­kriegs­zeit nicht unge­sche­hen machen, son­dern mich nur der Ver­ant­wor­tung für die Ver­gan­gen­heit stel­len. Vor allem die per­sön­li­chen Schil­de­run­gen der Betrof­fe­nen haben mich tief berührt. Vie­le der dama­li­gen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten lei­den noch heu­te unter ihren trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen und Erin­ne­run­gen”, beton­te LWL-Direk­tor Mat­thi­as Löb. Die Ergeb­nis­se des For­schungs­pro­jekts wur­den der Öffent­lich­keit erst­mals im Febru­ar 2017 in Müns­ter vor­ge­stellt und lie­gen nun als Buch vor.

Das St. Johan­nes-Stift war in der Nach­kriegs­zeit mit zeit­wei­se mehr als 1100 Jun­gen und Mäd­chen die größ­te west­fä­li­sche Anstalt ihrer Art. Wie die Unter­su­chung anhand ein­dring­li­cher Inter­view-Schil­de­run­gen von 19 Betrof­fe­nen belegt, herrsch­te dort jah­re­lang ein auto­ri­tä­res Regime von Ärz­ten, Pfle­gern und Non­nen des Vin­zen­ti­nerin­nen-Ordens. Ergänzt durch Pati­en­ten- und Ver­wal­tungs­ak­ten beleuch­ten die Auto­ren der Stu­die, die His­to­ri­ker Prof. Franz-Wer­ner Kerst­ing vom LWL-Insti­tut für west­fä­li­sche Regio­nal­ge­schich­te und Prof. Hans-Wal­ter Schmuhl von der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld, die Erfah­run­gen der Opfer. Außer­dem zei­gen sie die Rah­men­be­din­gun­gen auf, die zu einer Sub­kul­tur der Gewalt im St. Johan­nes-Stift führ­ten.

„Die Bedin­gun­gen, unter denen sich die Ver­wah­rung, Pfle­ge, The­ra­pie, Erzie­hung, Beschu­lung und beruf­li­che Aus­bil­dung von Kin­dern und Jugend­li­chen mit geis­ti­gen Behin­de­run­gen, psy­chi­schen Erkran­kun­gen und Erzie­hungs­schwie­rig­kei­ten voll­zo­gen, waren äußerst ungüns­tig”, beschreibt Kerst­ing die dama­li­ge Situa­ti­on. Die kar­ge Ein­rich­tung, die not­dürf­ti­ge Ver­sor­gung, der Per­so­na­man­gel, die man­gel­haf­te fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on des Per­so­nals, die Über­fül­lung der Sta­tio­nen und die Kon­zen­tra­ti­on eines beson­ders schwie­ri­gen Kli­en­tels sei­en die Grün­de dafür gewe­sen, war­um das St. Johan­nes-Stift sei­nen Auf­ga­ben als Fach­kran­ken­haus für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie kaum gerecht wer­den konn­te. „Ins­be­son­de­re das Pfle­ge- und Lehr­per­so­nal sah sich einer per­ma­nen­ten Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on aus­ge­setzt”, füg­te Schmuhl hin­zu.

Die Zeit­zeu­gen­in­ter­views offen­ba­ren ein brei­tes Spek­trum von Gewalt­for­men, dar­un­ter auch der miss­bräuch­li­che Ein­satz von Medi­ka­men­ten, viel­fach ohne ärzt­li­che Anwei­sung, in hohen Dosen und oft unter Zwang. Dage­gen haben die bei­den His­to­ri­ker kei­ne Anhalts­punk­te für sys­te­ma­ti­sche Medi­ka­men­ten­tests oder -stu­di­en in der LWL-Ein­rich­tung gefun­den, wie sie andern­orts im Herbst 2016 bekannt gewor­den waren.

Das Buch:
Franz-Wer­ner Kerst­ing, Hans-Wal­ter Schmuhl:
Psych­ia­trie- und Gewalt­er­fah­run­gen von Kin­dern und Jugend­li­chen im St. Johan­nes-Stift in Mars­berg (1945–1980)
Anstalts­all­tag, indi­vi­du­el­le Erin­ne­rung, bio­gra­phi­sche Ver­ar­bei­tung.
Ardey-Ver­lag, Müns­ter 2018, 384 S.
ISBN 978–3-87023–405-8, Preis: 24,90 Euro

Quelle
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
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