Studie zur Terminvergabe: „Binsenweisheiten in unwissenschaftlichem Gewand”

Vom Ansatz her rich­tig, in der Umset­zung und Schluss­fol­ge­rung jedoch man­gel­haft, so kom­men­tiert der Bun­des­vor­sit­zen­de des Ver­ban­des der nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te Deutsch­lands, Dr. Dirk Hein­rich, die Stu­die aus dem Ham­burg Cen­ter for Health Eco­no­mics (HCHE) zur Ter­min­ver­ga­be am Quar­tals­en­de.

Die Stu­die ver­schlei­ert die wah­ren Pro­ble­me im Gesund­heits­we­sen, weil sie nicht wis­sen­schaft­lich genug und von zu wenig Sys­tem­kennt­nis getra­gen ist”, kom­men­tiert Hein­rich die Stu­die.

Das Fazit der Ham­bur­ger Stu­di­en­au­to­ren: Wer gegen Ende eines Quar­tals einen Arzt kon­sul­tie­ren möch­te, war­tet häu­fig län­ger auf einen Ter­min. Denn Ärz­te erbrin­gen zum Quar­tals­en­de sel­te­ner die Leis­tun­gen, die über Pau­scha­len und Glo­bal­bud­gets ver­gü­tet wer­den. Ver­trags­ärz­te kon­zen­trie­ren sich dann häu­fig auf die Leis­tun­gen, die kei­nen men­gen­be­gren­zen­den Rege­lun­gen unter­lie­gen, zum Bei­spiel Imp­fun­gen, Vor­sor­ge und ambu­lan­te Ope­ra­tio­nen. Zugleich lässt sich ein Anstieg bei den Abrech­nun­gen für den ärzt­li­chen Bereit­schafts­dienst beob­ach­ten.

Das ambu­lan­te Ver­gü­tungs­sys­tem führt dazu, dass weni­ger Behand­lun­gen am Quar­tals­en­de statt­fin­den und es einen sprung­haf­ten Anstieg am Quar­tals­an­fang gibt“, erklärt Prof. Mathi­as Kif­mann vom HCHE. Die Fol­ge: Wer am Quar­tals­en­de kei­nen Ter­min beim nie­der­ge­las­se­nen Arzt bekom­me, gehe unter Umstän­den zum ärzt­li­chen Bereit­schafts­dienst.

Dass gegen Ende des Quar­tals vie­le nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te auf­grund der Bud­ge­tie­rung weni­ger Ter­mi­ne ver­ge­ben kön­nen, sei seit Jah­ren bekannt, sagt Hein­rich. „Das hat nichts mit Schlech­ter­stel­lung von Gesetz­lich Ver­si­cher­ten zu tun, son­dern damit, dass Arzt­pra­xen wirt­schaft­lich arbei­ten müs­sen. Wenn am Quar­tals­en­de die Ein­nah­men sin­ken, müs­sen sie auch die Kos­ten sen­ken – sprich: Die Sprech­zei­ten ein­schrän­ken. Das kann im Übri­gen auch nicht, wie fälsch­li­cher­wei­se immer ange­nom­men wird, durch Pri­vat­pa­ti­en­ten kom­pen­siert wer­den.“

Inso­fern leis­te die Stu­die kei­nen nen­nens­wer­ten Erkennt­nis­ge­winn. Zudem sei die Unter­su­chung nicht reprä­sen­ta­tiv ange­legt und sie igno­rie­re wich­ti­ge Effek­te, etwa dass Fach­arzt­ter­mi­ne auf Über­wei­sung gegen Quar­tals­en­de zurück­ge­hen, weil dann auch die über­wei­sen­den Haus­ärz­te weni­ger Ter­mi­ne anbie­ten kön­nen.

Auf­klä­rung hät­te eine tie­fer­ge­hen­de Ana­ly­se brin­gen kön­nen, ob, wie bei­spiels­wei­se in Thü­rin­gen, bei aus­rei­chen­dem Bud­get eine gleich­för­mi­ge Pati­en­ten­an­nah­me über das gan­ze Quar­tal gewähr­leis­tet wer­den kön­ne. „In Thü­rin­gen wird die haus­ärzt­li­che Ver­sor­gung näm­lich zu über 100 Pro­zent bezahlt“, erklärt Hein­rich.

Die ein­zi­ge rich­ti­ge „The­ra­pie“ aus Sicht der nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te sei, die Bud­ge­tie­rung auf­zu­he­ben. Als ers­ter Schritt müs­se die­se Ent­bud­ge­tie­rung bei allen Leis­tun­gen der haus- und fach­ärzt­li­chen Grund­ver­sor­gung umge­setzt wer­den. „Damit wür­den nicht nur die Ter­min­schwie­rig­kei­ten, son­dern auch die Ver­tei­lungs­pro­ble­me in der ambu­lan­ten Ver­sor­gung gelöst“, ist der Vor­sit­zen­de des NAV-Virchow-Bun­des über­zeugt.

Die Stu­di­en­au­to­ren sehen ande­re mög­li­che Gegen­maß­nah­men: In ihrem Fazit schla­gen sie zum Bei­spiel kür­ze­re Abrech­nungs­zeit­räu­me oder eine Über­lap­pung der Abrech­nungs­zeit­räu­me für die Pra­xen in einem bestimm­ten Gebiet vor. Außer­dem reagier­ten, laut Stu­die, grö­ße­re Arzt­pra­xen oder Pra­xis­ge­mein­schaf­ten – ins­be­son­de­re wenn meh­re­re Fach­rich­tun­gen ver­tre­ten sind – weni­ger stark auf die Aus­wir­kun­gen der Glo­bal­bud­gets. So könn­ten Aus­fäl­le oder Schwan­kun­gen bei den Leis­tungs­er­stat­tun­gen eher kom­pen­siert wer­den. Des­halb schla­gen die Stu­di­en­au­to­ren als wei­te­re Maß­nah­me vor, die Grün­dung von mult­idis­zi­pli­nä­ren Pra­xis­ge­mein­schaf­ten stär­ker zu unter­stüt­zen. (red/ja)

 

 

Via
Ambulatory Care at the End of a Billing Period; Konrad Himmel, Udo Schneider, erschienen als HCHE Research Paper Nr. 14
Quelle
NAV-Virchow-BundHamburg Center for Health Economics (HCHE)
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