Therapie fürs Krankenhaus läuft an – Wie viele Kliniken machen dicht?

Immer stren­ge­re Vor­ga­ben für Kli­ni­ken sol­len Pati­en­ten vor ris­kan­ten Ope­ra­tio­nen schüt­zen – und die stei­gen­den Mil­li­ar­den­kos­ten dämp­fen. Im neu­en Jahr fal­len die nächs­ten Beschlüs­se.

Weni­ger Kran­ken­häu­ser, aber dafür bes­se­re: Eine so ver­än­der­te Kli­nik­land­schaft sol­len die Pati­en­ten abseh­bar in Deutsch­land vor­fin­den. Kom­pli­zier­te­re, plan­ba­re Ope­ra­tio­nen und Behand­lun­gen sol­len auf grö­ße­re Häu­ser kon­zen­triert wer­den, wo Exper­ten arbei­ten und mehr Rou­ti­ne haben. Auf dem Land sol­len rund 110 Kli­ni­ken erhal­ten blei­ben – und ver­hin­dern, dass Pati­en­ten bei ein­fa­che­ren Krank­hei­ten, dass Älte­re und Not­fall­pa­ti­en­ten zu wei­te Wege haben. Doch Kri­ti­ker bezwei­feln, dass die The­ra­pie reicht.

«Zu vie­le klei­ne Ein­rich­tun­gen, zu wenig Spe­zia­li­sie­rung»

Kran­ken­kas­sen und Exper­ten for­dern seit Jah­ren einen Struk­tur­wan­del. «Es gibt zu vie­le klei­ne Ein­rich­tun­gen, eine zu hohe Kran­ken­haus­dich­te und zu wenig Spe­zia­li­sie­rung», bemän­gelt das For­schungs­in­sti­tut RWI in sei­nem Kran­ken­haus Rating Report 2017. Nun sol­len neue, kon­kre­te Vor­ga­ben für ein­zel­ne Behand­lun­gen die Kli­nik­land­schaft mit ihren knapp 2000 Häu­sern hier­zu­lan­de moder­ni­sie­ren. «Wer­den die­se Stan­dards nicht ein­ge­hal­ten, müs­sen im Zwei­fels­fall die Län­der Abtei­lun­gen oder gan­ze Kran­ken­häu­ser aus dem Kran­ken­haus­plan ent­fer­nen», kün­digt der Vor­sit­zen­de des Gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses, Josef Hecken, an.

Von die­sem Gre­mi­um mit Ver­tre­tern der Ärz­te, Kas­sen und Kli­ni­ken kom­men die Vor­ga­ben. Beauf­tragt wur­de der Aus­schuss von der Poli­tik. Da sind zum einen die Min­dest­men­gen – also vor­ge­ge­be­ne Min­dest­zah­len an Behand­lun­gen. Denn vie­le Pati­en­ten gera­ten an Ope­ra­teu­re, die nur sel­ten mit einer Krank­heit wie ihrer zu tun haben. «Vie­le Pati­en­ten in Deutsch­land ster­ben zu früh, weil sie in Kli­ni­ken ope­riert wer­den, die zu wenig Erfah­rung mit kom­pli­zier­ten Krebs-OPs haben», kri­ti­siert die AOK.

Hel­fen Min­dest­men­gen?

Bis­her gibt es nur für sie­ben Berei­che Min­dest­men­gen – und die gel­ten selbst unter Chir­ur­gen teils als zu lasch. So sol­len bei Ein­grif­fen an Spei­se­röh­re oder Bauch­spei­chel­drü­se gera­de ein­mal zehn Ein­grif­fe im Jahr aus­rei­chen. Doch die Regeln für sol­che Min­dest­zah­len sei­en jüngst nach­ge­schärft wor­den, sagt Hecken. Und dem­nächst wür­den wei­te­re Min­dest­men­gen beschlos­sen. «Ich gehe davon aus, dass die Herz­chir­ur­gie und die Ver­sor­gung von Früh- und Reif­ge­bo­re­nen dabei sein wer­den.» Die Kran­ken­haus­ge­sell­schaft will sich Min­dest­men­gen nicht ver­wei­gern – sieht dar­in aber «kei­ne allei­ni­ge Lösung».

Hecken sieht das nicht anders – und ver­weist auf wei­te­re Vor­ga­ben sei­nes Aus­schus­ses bei gynä­ko­lo­gi­schen Ope­ra­tio­nen, Geburts­hil­fe und Brust­krebs. So darf es einer Kli­nik zum Bei­spiel nur in weni­ger als einem Fünf­tel der Fäl­le pas­sie­ren, dass Eier­stö­cke ent­fernt wur­den, obwohl ent­deck­te Zys­ten gut­ar­tig waren. «Wei­te­re Beschlüs­se wer­den fol­gen», kün­digt Hecken an.

Nach einer Über­gangs­zeit sol­len die Kran­ken­häu­ser die Vor­ga­ben erfül­len – sonst dro­hen ihnen emp­find­li­che Umsatz­ein­bu­ßen oder gar die Schlie­ßung. Rich­tig Fahrt auf­neh­men wer­de der Struk­tur­wan­del 2019, meint Hecken. Bis­her ver­tei­dig­te in den Bun­des­län­dern, die für die Kran­ken­haus­pla­nung zustän­dig sind, «jeder Land­rat, jeder Abge­ord­ne­te «sein» Kran­ken­haus», wie Hecken sagt.

Bei den Kas­sen hält sich der Opti­mis­mus in Gren­zen. Ihre Aus­ga­ben für Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen sind allein im ver­gan­ge­nen Jahr um 2,6 auf 73,7 Mil­li­ar­den Euro gestie­gen. «Min­dest­men­gen sind ein guter Ansatz, aber nein, er reicht nicht», sagt der Chef der Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se, Jens Baas. «Wir wer­den Geduld brau­chen, denn es wird sicher­lich Jah­re dau­ern, bis wir wis­sen, ob wirk­lich Ein­rich­tun­gen mit schlech­ter Qua­li­tät aus dem Kran­ken­haus­plan genom­men wer­den», meint die Vor­sit­zen­de des Kas­sen-Spit­zen­ver­bands, Doris Pfeif­fer.

Die Macht der Bun­des­län­der

Haupt­hemm­nis aus Sicht der Kas­sen: die Macht der Län­der. «Es ist pro­ble­ma­tisch, dass die ein­zel­nen Bun­des­län­der von den auf Bun­des­ebe­ne fest­ge­leg­ten Qua­li­täts­in­di­ka­to­ren abwei­chen kön­nen», kri­ti­siert Pfeif­fer. Baas mahnt: «Wenn weder die Län­der noch die Kran­ken­häu­ser ein Inter­es­se dar­an haben, Kapa­zi­tä­ten abzu­bau­en, sind wir vom Ide­al­zu­stand noch weit ent­fernt.» Die Kas­sen soll­ten an der Kli­nik­pla­nung betei­ligt wer­den. Hecken sieht die Sache nicht so kri­tisch: Zwar könn­ten die Län­der neue stren­ge Vor­ga­ben für Kli­ni­ken per Gesetz außer Kraft set­zen. «Aber sie über­neh­men damit ein hohes poli­ti­sches Haf­tungs­ri­si­ko, den­ke man an mög­li­che Todes­fäl­le oder Schä­di­gun­gen von Pati­en­ten.»

Doch wie sol­len klei­ne­re Kran­ken­häu­ser auf dem Land über­le­ben, die dort für eine oft immer älter wer­den­de Bevöl­ke­rung drin­gend gebraucht wer­den? Sie sol­len mehr Geld bekom­men – für All­ge­mein-Inter­nis­tik, -chir­ur­gie und Geburts­hil­fe, falls vor­han­den. Hecken kün­digt an: «Wir gehen davon aus, dass knapp 110 Kran­ken­häu­ser in ent­le­ge­nen Gebie­ten Anspruch auf Sicher­stel­lungs­zu­schlä­ge haben wer­den.» Maxi­mal 30 Minu­ten Fahrt­zeit zu bis zu einer sol­chen Kli­nik sol­le zumut­bar sein.

Wie vie­le der knapp 2000 Kran­ken­häu­ser könn­ten am Ende dicht machen? «Wenn wir ein Vier­tel zuma­chen wür­den, wür­de sich die Qua­li­tät nicht ver­schlech­tern», sag­te neu­lich der Vor­sit­zen­de des Sach­ver­stän­di­gen­rats fürs Gesund­heits­we­sen, Fer­di­nand Ger­lach, in einem Inter­view. Der Haupt­ge­schäfts­füh­rer der Kran­ken­haus­ge­sell­schaft, Georg Baum, reagier­te prompt: Dann «ent­stün­de ein Behand­lungs­not­stand aller­ers­ter Ord­nung in Deutsch­land». Und bei Poli­ti­kern hat­te Baums Stim­me in den ver­gan­ge­nen Jah­ren oft Gewicht.

(Basil Wege­ner, dpa / ms)

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