Verbreitung multiresistenter Keime: Rolle der Vernetzung in Gesundheitssystemen

Ein inter­na­tio­na­les BMBF-Ver­bund­pro­jekt erforscht die Rol­le der Ver­net­zung in Gesund­heits­sys­te­men für die Ver­brei­tung von mul­ti­re­sis­ten­ten Kei­men. Dafür stellt das BMBF 1,25 Mil­lio­nen Euro zur Ver­fü­gung.

Ein vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung (BMBF) geför­der­tes Ver­bund­pro­jekt will erfor­schen, wie sich auf­grund von Pati­en­ten­strö­men Kei­me zwi­schen den Insti­tu­tio­nen ver­brei­ten kön­nen. Die Lei­tung des Vor­ha­bens mit dem Titel „EMer­GE-NeT“ liegt bei Prof. Rafa­el Miko­la­jc­zyk, Direk­tor des Insti­tuts für Medi­zi­ni­sche Epi­de­mio­lo­gie, Bio­me­trie und Infor­ma­tik (IMEBI) der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg. Betei­ligt sind meh­re­re Uni­ver­si­tä­ten, For­schungs­in­sti­tu­te und Kran­ken­häu­ser in Polen, den Nie­der­lan­den, Isra­el, Spa­ni­en und Deutsch­land. Das Pro­jekt wird ins­ge­samt mit 1,25 Mil­lio­nen Euro geför­dert. Hal­le erhält davon 360.000 Euro.

Es ist auf drei Jah­re ange­legt (bis Mai 2020) und ist in drei inhalt­li­che Arbeits­pa­ke­te – mathe­ma­ti­sche Model­lie­rung, mole­ku­la­re Über­tra­gung, Wirk­sam­keit von Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men – und ein Koor­di­na­ti­ons­pa­ket unter­teilt. Mit ers­ten Erkennt­nis­sen wird Mit­te 2018 gerech­net.

Es geht dar­um, in Simu­la­ti­ons­sze­na­ri­en zu unter­su­chen, wie sich bei­spiels­wei­se mul­ti­re­sis­ten­te Ent­er­o­bak­te­ri­en, also Darm­kei­me, auf­grund von Pati­en­ten­strö­men von einem Kran­ken­haus zum nächs­ten ver­brei­ten kön­nen und wie effek­tiv ein­zel­ne Prä­ven­ti­ons- und Inter­ven­ti­ons­maß­nah­men sein kön­nen“, sagt die Epi­de­mio­lo­gin Dr. Ele­na Lacruz vom IMEBI, die das Pro­jekt koor­di­niert. Bis­her habe es Stu­di­en zu Pati­en­ten­strö­men im Gesund­heits­we­sen in Groß­bri­tan­ni­en, USA und den Nie­der­lan­den gege­ben, jedoch nicht in dem nun geplan­ten Umfang. Kon­kret heißt das, dass im Rah­men von „EMer­GE-NeT“ Maß­nah­men gegen die Aus­brei­tung von mul­ti­re­sis­ten­ten Erre­gern sowohl inner­halb als auch zwi­schen Kran­ken­häu­sern im Hin­blick auf ihre Effek­ti­vi­tät mit­tels Simu­la­tio­nen unter­sucht wer­den sol­len.

Wir tra­gen dafür zunächst Daten zu Pati­en­ten­strö­men inner­halb und zwi­schen den Kran­ken­häu­sern aus den ver­schie­de­nen am Pro­jekt betei­lig­ten und unter­stüt­zen­den Insti­tu­tio­nen zusam­men. Dazu zäh­len in Deutsch­land bei­spiels­wei­se die Kran­ken­ver­si­che­run­gen AOK Nie­der­sach­sen, Bay­ern und Plus sowie die Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se und meh­re­re Kran­ken­häu­ser wie die Cha­rité – Uni­ver­si­täts­me­di­zin Ber­lin, das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Hal­le und das Kli­ni­kum Braun­schweig“, sagt Lacruz. Die­se Daten wer­den dann ana­ly­siert und zur Kon­struk­ti­on von mathe­ma­ti­schen Netz­werk­mo­del­len ver­wen­det, in denen anschlie­ßend die Aus­brei­tung von Kei­men und der Ein­satz von ent­spre­chen­den Inter­ven­tio­nen simu­liert wer­den kann. Die­ser For­schungs­an­satz lässt sich der mathe­ma­ti­schen Model­lie­rung (com­pu­ta­tio­nal epi­de­mio­lo­gy) zuord­nen und ist einer der wis­sen­schaft­li­chen Schwer­punk­te von IME­BI-Direk­tor Miko­la­jc­zyk.

In einem wei­te­ren Arbeits­pa­ket wer­den die Über­tra­gungs­we­ge von mul­ti­re­sis­ten­ten Darm­bak­te­ri­en, die bei Kran­ken­haus­pa­ti­en­ten nach­ge­wie­sen wur­den, über­prüft. Dazu wer­den die Bak­te­ri­en mole­ku­lar­bio­lo­gisch typi­siert. An die­sem Teil sind neben der Cha­rité auch Kran­ken­häu­ser aus Spa­ni­en, Isra­el und Polen betei­ligt, um die Gül­tig­keit der Ergeb­nis­se inter­na­tio­nal nach­wei­sen zu kön­nen. Dies ist ein aus­drück­li­ches Ziel der euro­päi­schen Initia­ti­ve JPIAMR (Joint Pro­gramming Initia­ti­ve on Anti­mi­cro­bi­al Resis­tan­ce), an der auch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung betei­ligt ist und über die das Pro­jekt geför­dert wird.

Wenn wir die Über­tra­gungs­we­ge mul­ti­re­sis­ten­ter Darm­kei­me in Kran­ken­häu­sern und über die Lan­des­gren­zen hin­aus bes­ser ver­ste­hen, kön­nen wir auch bes­se­re Maß­nah­men ergrei­fen, um die Aus­brei­tung zu ver­hin­dern“, sagt Prof. Dr. Petra Gast­mei­er vom Insti­tut für Hygie­ne und Umwelt­me­di­zin der Cha­rité.

Für die mole­ku­la­ren Ana­ly­sen ist die Arbeits­grup­pe von Prof. Dr. Susan­ne Häuß­ler vom Helm­holtz Zen­trum für Infek­ti­ons­for­schung in Braun­schweig ver­ant­wort­lich. Mit einem dort ent­wi­ckel­ten Ver­fah­ren zur mole­ku­la­ren Typi­sie­rung von mul­ti­re­sis­ten­ten Erre­gern kön­nen die Ana­ly­sen in dem erfor­der­li­chen Umfang durch­ge­führt wer­den. Die bis­her ver­wen­de­ten Ver­fah­ren sind um mehr­fa­ches teu­rer.

Wir kom­bi­nie­ren Mul­ti­plex-PCR mit mas­sen­spek­tro­me­tri­schen Nach­weis­ver­fah­ren und kön­nen so sehr kos­ten­güns­tig eine Viel­zahl von mole­ku­la­ren Mar­kern in mul­ti­re­sis­ten­ten Kleb­si­el­len- und Esche­ri­chia-coli-Stäm­men nach­wei­sen. Die­se Mar­ker die­nen nicht nur der Iden­ti­fi­zie­rung von mole­ku­la­ren Resis­tenz­mar­kern, son­dern las­sen auch Rück­schlüs­se über die Phy­lo­ge­nie der Stäm­me zu“, sagt Häuß­ler.

In einem wei­te­ren Arbeits­pa­ket wer­den vor­lie­gen­de Evi­denz gesam­melt und da, wo noch kei­ne vor­liegt, Exper­ten­pa­nels durch­ge­führt, um die erfolgs­ver­spre­chen­den Stra­te­gi­en zur Infek­ti­ons­kon­trol­le zu iden­ti­fi­zie­ren. Die­ser Pro­jekt­teil wird von Wis­sen­schaft­lern aus Isra­el (Prof. Dr. Leo­nard Lei­bo­vici) und Spa­ni­en (Dr. Luis Edu­ar­do Lopez Cor­tes) koor­di­niert. Die iden­ti­fi­zier­ten Stra­te­gi­en wer­den dann im Rah­men von Simu­la­tio­nen im Netz­werk­mo­dell unter­sucht. Ziel ist es, die Kennt­nis­se der Rol­le der Pati­en­ten­strö­me zu benut­zen, um Aus­brei­tung mul­ti­re­sis­ten­ter Erre­ger in euro­päi­schen Gesund­heits­sys­te­men zu ver­hin­dern.

Mit dem Zugang zu den Daten, der inno­va­ti­ven Ana­ly­se der Bio­pro­ben und der Kom­bi­na­ti­on aus theo­re­ti­schem Exper­ten­wis­sen und prak­ti­schen Erfah­run­gen aus der Infek­ti­ons­kon­trol­le in den Kran­ken­häu­sern ver­fügt das EMerGE-NeT“-Konsortium ver­spricht das Pro­jekt nach­hal­ti­ge Ergeb­nis­se.

Mehr anzeigen
Anzeige

Verwandte Artikel

Close