Viele Defibrillatoren für wenige Wiederbelebungen

Ein Strom­stoß mit dem Defi­bril­la­tor kann Men­schen mit Kam­mer­flim­mern vor dem plötz­li­chen Herz­tod ret­ten. Ange­sichts posi­ti­ver Stu­di­en­ergeb­nis­se wur­den ab der Jahr­tau­send­wen­de zahl­rei­che auto­ma­ti­sier­te exter­ne Defi­bril­la­to­ren an öffent­li­chen Plät­zen auf­ge­stellt. Rund 15 Jah­re spä­ter zie­hen Exper­ten im Rah­men der DGK-Herz­ta­ge in Ber­lin eine kri­ti­sche Bilanz.  

 Kam­mer­flim­mern bedeu­tet rasend schnel­le, chao­ti­sche Kon­trak­tio­nen des Herz­mus­kels, die inner­halb kür­zes­ter Zeit zum plötz­li­chen Herz­tod füh­ren – sofern nicht recht­zei­tig die elek­tri­sche Not­brem­se gezo­gen wird. Die­se besteht in einem Strom­stoß mit dem Defi­bril­la­tor.

Je kür­zer das Zeit­fens­ter zwi­schen dem Beginn des Kam­mer­flim­merns und der Schock­ab­ga­be ist, des­to bes­ser sind die Chan­cen des Betrof­fe­nen, das Ereig­nis zu über­le­ben und dies vor allem auch ohne Fol­ge­schä­den“, sagt Prof. Hans-Joa­chim Trap­pe von der Medi­zi­ni­schen Kli­nik II der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum bei den Herz­ta­gen der Deut­schen Gesell­schaft für Kar­dio­lo­gie (DGK) in Ber­lin.

Stu­di­en­da­ten zei­gen, dass bei Pati­en­ten, die inner­halb einer Kli­nik Kam­mer­flim­mern ent­wi­ckel­ten, die Über­le­bens­ra­te 24 Stun­den nach dem Ereig­nis 55 Pro­zent betrug, wenn der Schock maxi­mal zwei Minu­ten nach dem Erken­nen der Situa­ti­on abge­ge­ben wur­de. Ver­gin­gen mehr als zwei Minu­ten, waren die Chan­cen signi­fi­kant schlech­ter.

Um sol­che Erfol­ge auch dann zu ermög­li­chen, wenn Per­so­nen außer­halb des Kran­ken­hau­ses Kam­mer­flim­mern erlei­den, wur­den auto­ma­ti­sier­te exter­ne Defi­bril­la­to­ren (AED) ent­wi­ckelt, die auch von Lai­en sicher ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Die­se Gerä­te mes­sen selb­stän­dig das EKG und schla­gen die adäqua­te Inter­ven­ti­on vor: einen vom Gerät abge­ge­be­nen Schock bei Kam­mer­flim­mern bzw. eine manu­el­le Herz­druck­mas­sa­ge bei Asys­to­lie, um das Feh­len jeg­li­cher Herz­ak­ti­on zu über­brü­cken.

Liegt der Bewusst­lo­sig­keit des Betrof­fe­nen gar kein Herz­pro­blem zugrun­de, so zeigt der AED dies eben­falls an und ver­ab­reicht kei­nen Schock. Trap­pe: „Ist in einer Ers­te-Hil­fe-Situa­ti­on ein AED ver­füg­bar, so soll­te er auch ein­ge­setzt wer­den. Bis zum Anbrin­gen der Elek­tro­den soll­ten kon­ven­tio­nel­le Reani­ma­ti­ons­maß­nah­men, also Herz­druck­mas­sa­ge und Beat­mung, durch­ge­führt wer­den.“

Was öffentliche Defis bewirken 

Welt­weit – so auch in Deutsch­land – wur­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zahl­rei­che AED-Pro­jek­te gestar­tet und vie­le öffent­li­che Plät­ze wie U-Bahn­sta­tio­nen, Frei­bä­der und Sport­sta­di­en mit auto­ma­ti­sier­ten exter­nen Defi­bril­la­to­ren aus­ge­stat­tet. Trap­pe: „Ange­sichts der bis­he­ri­gen Erfah­run­gen lässt sich die Fra­ge, ob die Anschaf­fung einer mög­lichst gro­ßen Anzahl von AED ein Erfolg war, nur schwer ein­deu­tig beur­tei­len.“

Einer­seits zei­gen Daten bei­spiels­wei­se aus dem länd­li­chen Ita­li­en, dass die Reani­ma­ti­on durch Lai­en­hel­fer mit AED zu einer deut­li­chen Ver­kür­zung der Zeit bis zum Beginn von Reani­ma­ti­ons­maß­nah­men sowie zu einer Ver­bes­se­rung der Ergeb­nis­se geführt hat. Ande­rer­seits zei­gen Erfah­run­gen aus Deutsch­land, dass AED nur sehr sel­ten ein­ge­setzt wer­den. So wur­de etwa der Land­tag von Nord­rhein-West­fa­len bereits 2003 mit AED aus­ge­stat­tet und mehr als 50 Ange­stell­te im Umgang mit die­sen Gerä­ten geschult, doch kam es bis heu­te unter mehr als einer Mil­li­on Besu­chern nicht zu einem ein­zi­gen AED-Ein­satz.

Auf dem Rhein-Main-Flug­ha­fen Frank­furt sind mitt­ler­wei­le mehr als 80 Gerä­te ver­füg­bar. In den Jah­ren 2003 bis 2015 wur­den mehr als 500 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re abge­fer­tigt. Es kam bei 25 Per­so­nen zu Reani­ma­tio­nen unter AED-Ein­satz. Das aller­dings mit sehr gutem Erfolg: 16 der Reani­mier­ten über­leb­ten.

Es ist unbe­strit­ten, dass der AED ein siche­res the­ra­peu­ti­sches Kon­zept ist, ein gefähr­li­ches Kam­mer­flim­mern zu been­den. Auch die Hand­ha­bung eines AED ist sicher, die Schock­ab­ga­ben bei Kam­mer­flim­mern adäquat und Fehl­ent­la­dun­gen nicht mög­lich. Inso­fern wur­den die Erwar­tun­gen sicher erfüllt. Es gibt aber auch nicht erfüll­te Erwar­tun­gen, die zu einer spür­ba­ren Zurück­hal­tung gegen­über der AED-Eupho­rie geführt haben“, gibt Trap­pe eine dif­fe­ren­zier­te Ein­schät­zung: „Die Zahl der erwar­te­ten AED-Ein­sät­ze war sicher höher als das im All­tag erfüllt wur­de. Die Aus­stat­tung von gro­ßen Sport­sta­di­en, Ein­kaufs­märk­ten und ähn­li­chen öffent­li­chen Orten hat bei kei­nen oder weni­gen AED-Ein­sät­zen zu Fra­gen der Kos­ten-Nut­zen-Rela­ti­on unter finan­zi­el­len Aspek­ten geführt. Und schließ­lich wur­de in ein­zel­nen Fall­be­rich­ten dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Reani­ma­tio­nen nicht erfolg­reich waren, weil statt unver­züg­li­cher kon­ven­tio­nel­ler Wie­der­be­le­bungs­maß­nah­men erst ein AED gesucht wur­de.“

Bewusstsein für Herzdruckmassage schärfen 

Den­noch habe der auto­ma­ti­sier­te exter­ne Defi­bril­la­tor sei­nen Stel­len­wert, zumal mehr­fach in Stu­di­en gezeigt wur­de, dass öffent­lich zugäng­li­che Defi­bril­la­to­ren die ansons­ten schlech­ten Über­le­bens­chan­cen von Men­schen mit Kam­mer­flim­mern deut­lich ver­bes­sern kön­nen, so Trap­pe: „Die Bemü­hun­gen soll­ten des­halb dar­auf abzie­len, den Defi­bril­la­tor in das all­ge­mei­ne Bewusst­sein zurück­zu­ho­len. Zugleich muss auch das Bewusst­sein für kon­ven­tio­nel­le Maß­nah­men wie die Herz­druck­mas­sa­ge wie­der geschärft wer­den. Dann wird es gelin­gen, mehr Men­schen vor einem plötz­li­chen Herz­tod zu bewah­ren.

Quelle
DGK, 12.10.2017
Mehr anzeigen
Anzeige

Verwandte Artikel

Close