116. DOG-Kongress: Digitalisierung der Augenheilkunde – Chance, nicht Schrecken29. September 2018 Festredner Gottfried Ludewig. Foto: Kaulard/Biermann Medizin Die Digitalisierung ist eine Chance, kein Schrecken. Ophthalmologie 4.0 ersetzt nicht den Augenarzt, sondern unterstützt ihn. Es gilt, die Digitalisierung zu gestalten, nicht zu ignorieren. Diese drei Botschaften zogen sich wie ein roter Faden durch den Eröffnungstag des DOG-Kongresses. „Die Augenheilkunde ist auf einem guten Weg, sie hat beste Voraussetzungen, die Nase vorne zu haben“, zeigte sich DOG-Präsidentin Nicole Eter zuversichtlich, dass der DOG-Kongress dazu beitragen werde, alle „wachzurütteln“, die noch glaubten, Ophthalmologie 4.0 sei „weit weg“. „Wir sind mitten in der Digitalisierungswelle, sie wird unsere Zukunft mehr und mehr beeinflussen“, betonte Eter in ihrer Eröffnungsrede. Schon heute könne man sagen, dass viele Innovationen in der Augenheilkunde, vor allem in der Bildgebung, ohne Digitalisierung gar nicht möglich gewesen wären, trotzdem stehe das Fach noch vor etlichen Hemmnissen, etwa vor der mangelnden Vernetzung und der Schnittstellenproblematik. Als die aktuell vier wichtigsten Trends der Digitalisierung nannte Eter die Diagnostik per Sensoren – etwa Kontaktlinsen zur IOD-Kontrolle, die Telemedizin, „Big data“ und die Robotik. „Werden Roboter bald Katarakte operieren oder IVOMs durchführen?“ fragte sie und berichtete, dass in der Schweiz schon an einem Injektions-Roboter gearbeitet werde und dass es in der Augenheilkunde bereits ein System für navigiertes Operieren gebe, das einem „Mini-DaVinci“ gleichkomme. Als Vorbilder, wie die Sammlung und Auswertung enormer Gesundheitsdatensätze gelingen könne, verwies Eter auf Estland, Skandinavien und Großbritannien. Hierzu aber bedürfe es großer Register, erklärte sie und warb für die Mitwirkung am DOG-Register-Projekt (Veranstaltungen hierzu: DS04 u. DS18, So., 30.09.). Wenn es nicht die Augenärzte tun, tun es andere „Ich freue mich über eine Fachgesellschaft, die das Thema Digitalisierung aus sich selbst heraus betreibt“, fand Festredner Dr. Gottfried Ludewig anerkennende Worte für die DOG. Der Leiter der Abteilung für Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium warnte ebenfalls davor zu glauben, man könnte alles so belassen wie es sei. Wenn nicht die Ärzte selbst Datensammlung, -verknüpfung und -auswertung betrieben und Regeln dafür erstellten, täten es andere – Google und Apple. Wie alle Märkte befinde sich auch der Gesundheitsmarkt in der digitalen Revolution, und dies sei eine gute Nachricht, betonte Ludewig die neuen Möglichkeiten für Fortschritte in Forschung, Diagnostik und Therapie sowie für eine effizientere medizinische Versorgung, indem Ärzte von der neuen Technologie unterstützt, nicht aber ersetzt würden. Doch nicht nur die Augenärzte, auch die Politik müsse sich bewegen, verwies Ludewig auf vier Baustellen: Infrastruktur (Telematik), Telemedizin (steigender Versorgungsbedarf), Marktzugang (GKV-Erstattungsfähigkeit digitaler Anwendungen) und die Zurverfügungstellung von Daten, bei der der Patient „Herr seiner Daten“ bleibe. Bertram: Hoheit über die Algorithmen gewinnen „Neue tolle Möglichkeiten“ erkennt auch der 1. BVA-Vorsitzende Prof. Bernd Bertram in der Digitalisierung. Dann folgt jedoch ein großes „Aber“. Bevor künstliche Intelligenz und Machine Learning in Kliniken und Praxen zum Einsatz kommen, so der Chef des Berufsverbandes, müssten zunächst die Grundlagen hierfür festgelegt werden. „Aber wer sagt dem Programmierer eines Algorithmus, was er als Grundlage nehmen soll?“ fragte Bertram und gab sogleich die Antwort. Nötige Grundlagen seien entsprechende Leitlinien und Behandlungspfade, die von augenärztlicher Seite festgelegt werden müssten. Geschehe dies nicht rechtzeitig, könnten andere diese Aufgabe übernehmen, etwa die Politik, die Kassen, der Gemeinsame Bundesausschuss, das IQWiG, die Industrie … Das wären dann wohl ganz andere Vorgaben als sie die Augenärzte machen würden, meinte Bertram und appellierte: „Wir müssen die Hoheit über die Algorithmen gewinnen.“ Insgesamt werde die Augenheilkunde durch die Digitalisierung viele neue Möglichkeiten bekommen, ist Bertram überzeugt. Der augenärztliche Alltag werde sich verändern, „aber wir werden nach wie vor gebraucht“, widersprach er der These, dass mehr künstliche Intelligenz weniger Augenärzte bedeuten könnte. Angesichts immer zahlreicherer Therapiemöglichkeiten und der zunehmenden Alterung mit mehr komplexen Fällen werde es wahrscheinlich sogar mehr Augenärzte geben müssen. Die Digitalisierung werde die Augenärzte in einigen Tätigkeiten entlasten, und die Arbeit werde sicher anspruchsvoller, sagte Bertram. Es werde auch mehr Möglichkeiten der individuellen Patientenberatung geben, aber verlässliche Computeranalysen ohne Augenarzt sehe er derzeit noch nicht kommen. (dk)
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