116. DOG-Kongress: Was kann die Iris wirklich über den Körper aussagen?

Für die Irisdiagnostik (Iridologie) gibt es laut DOG keine anatomische oder physiologische Evidenz. Foto: © bradleyblackburn – Fotolia.com

Die Deutung von Farbe, Flecken oder Furchen an der Iris ist für Diagnosezwecke ungeeignet. Darauf weist die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) anlässlich ihres 116. Kongresses in Bonn hin. Die Iridologie, die zu den alternativen Diagnoseverfahren zähle, wolle so Erkrankungen erkennen und sogar vorhersagen können. Dies aber sei aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht unhaltbar.

Einige krankhafte Veränderungen der Regenbogenhaut können tatsächlich auf Systemerkrankungen des Körpers hindeuten. „Das angeborene Fehlen der Iris etwa kann auf einen Nierentumor hinweisen, Knötchen an der Iris auf eine Trisometrie 21, die Tumorerkrankung Neurofibromatose oder die entzündliche Gewebserkrankung Sarkoidose“, berichtet DOG-Präsidentin Prof. Nicole Eter, Direktorin der Universitäts-Augenklinik Münster. Zudem könnten sich bösartige Tumoren der Lunge oder der Brustdrüse an der Iris absiedeln.

Auf dem Niveau der Ratewahrscheinlichkeit
Änderungen der Struktur in Form von Furchen, Streifen, Farbe oder Flecken hingegen besäßen keine medizinische Aussagekraft. Davon gehe die Iridologie jedoch aus. „Eine Fehlannahme“, wie Prof. Martin Rohrbach von der Universitäts-Augenklinik Tübingen betont. „Bis heute gibt es für die Irisdiagnostik keine anatomische oder physiologische Evidenz“, stellt der DOG-Experte fest. Sie sei medizinisch sinnlos. Bei den „Irisflecken“ etwa handle es sich um harmlose Ansammlungen von Pigmentzellen. „Die bräunlichen Punkte hat fast jeder im Auge“, so Rohrbach.
Dementsprechend hätten die Thesen der Iridologie noch in keinem einzigen Fall wissenschaftlich bestätigt werden können. „Egal, ob es sich um Karzinome des Magen-Darm-Traktes handelte oder Gallenblasenleiden: Die Irisdiagnostik kam über die reine Ratewahrscheinlichkeit nicht hinaus“, sagt Rohrbach. Bücher aus dem Jahr 1954, die von Anhängern der Iridologie zur Begründung ihrer Verfahren herangezogen würden, entsprächen „in keinster Weise“ mehr heutigen Standards.

Der Körper – repräsentiert in „Organfeldern“ der Iris
Die neue Iridologie geht laut Mitteilung der DOG auf Ignaz von Péczely (1826 bis 1911) zurück, der als Kind bei der Abwehr einer Eule dieser ein Bein brach und danach im Auge des Vogels einen „Balken“ zu erkennen meinte. Er habe daraus geschlossen, dass körperliche Veränderungen an der Regenbogenhaut sichtbar werden können. „In der Folge entwickelten Iridologen, die weit überwiegend als Heilpraktiker tätig sind, die Anschauung, dass der gesamte Körper mit der Iris „nerval verkabelt“ ist“, berichtet die Fachgesellschaft. Alle Teile des menschlichen Körpers sollten demnach in Form von „Organfeldern“ repräsentiert sein – die rechte Körperhälfte in der rechten Iris, die linke in der linken Iris, die obere Körperhälfte in den oberen und die untere in den unteren Regenbogenhaut-Hälften. An Änderungen der Struktur könnten zurückliegende, aktuelle und künftige Erkrankungen abgelesen werden.

Die Faktoren Zeit und Zuwendung
Derzeit sind nach Angaben der DOG in Deutschland etwa 45.000 Heilpraktiker tätig, von denen schätzungsweise 5000 bis 8000 iridologisch tätig sein dürften. Dass die Iridologie nach wie vor umfangreich nachgefragt werde, führt Rohrbach vor allem auf einen Umstand zurück: „Heilpraktiker und Iridologen besitzen etwas sehr Wertvolles, das wir Ärzte in Zeiten der auch ökonomisch bedingten Verdichtung für unsere Patienten sehr oft leider nicht mehr erübrigen können: ausreichend Zeit.“

Quelle: DOG