6,8 Millionen Euro: ParkinsonNetzwerk Ostsachsen startet

Prof. Milani (Inhaber der Professur Bewegungswissenschaft, TU Chemnitz, r.) erläutert Ministerpräsident Kretschmer (2. v. r.) ein System, mit dem sich veränderte Motorik präzise erfassen und auswerten lässt. (Foto: Uniklinikum Dresden/Holger Ostermeyer)

Mit der Übergabe eines Förderbescheides in Höhe von 6,8 Millionen Euro hat der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer in Hoyerswerda den offiziellen Startschuss für das ParkinsonNetzwerk Ostsachsen (PANOS) gegeben. Das seit mehreren Jahren vorbereitete Projekt hat das Ziel, die Versorgung von Menschen mit Parkinson im ländlichen Raum zu verbessern.

Ziel des Netzwerkes ist es, durch ein digital unterstütztes Versorgungskonzept die medizinische Betreuung von Parkinson-Patienten über bestehende Sektorengrenzen hinweg neu zu strukturieren. Am Beispiel der Behandlung von Parkinson-Patienten soll das Netzwerk einen wesentlichen Beitrag dafür leisten, zukunftsfähige Konzepte zu etablieren, mit denen auch im ländlichen Raum Menschen mit chronischen, komplexen Erkrankungen adäquat versorgt werden können – gemeinschaftlich und effizient.

An PANOS beteiligt sind unter anderem eine Selbsthilfeorganisation, niedergelassene Ärzte, die Kassenärztliche Vereinigung, Krankenkassen, wissenschaftliche Institutionen und Kliniken – darunter als einer der Initiatoren dieses Projekts das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden.

Die Versorgung von Menschen mit chronischen, altersbezogenen Erkrankungen stellt in Sachsen eine zentrale versorgungsmedizinische Herausforderung dar. Hauptgründe hierfür sind der in Sachsen und anderen ostdeutschen Bundesländern überproportional steigende Anteil alter Menschen in der Bevölkerung, der mit der Zunahme bestimmter Erkrankungen wie Parkinson einhergeht. Etwa die Hälfte der Betroffenen lebt im ländlichen Raum fernab einer ausdifferenzierten medizinischen Infrastruktur. Bezogen auf die Parkinson-Erkrankung wird sich in den kommenden zehn Jahren die Patientenzahl in Sachsen verdoppeln: Von derzeit 32.000 – das entspricht der Einwohnerzahl von Meißen – auf etwa 64.000 Einwohner – so viele Menschen leben derzeit in Pirna.

Versorgungsmedizinische Kennzahlen aus dem Raum Ostsachsen weisen bereits heute auf einen dringenden Handlungsbedarf hin: 56 Prozent aller am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden behandelten Parkinson-Patienten, werden als Notfall eingewiesen – ein Hinweis darauf, dass es massive Probleme bei der Versorgung der Betroffenen gibt. Viele dieser Einweisungen ließen sich durch eine rechtzeitig beginnende Therapie vermeiden.

Verschärft wird das Problem dadurch, dass in Ostsachsen derzeit ein gleichberechtigter Therapiezugang nicht gewährleistet ist: Die Wahrscheinlichkeit, in der Stadt Dresden eine Tiefen Hirnstimulation (THS) zu erhalten, ist um den Faktor 6,2 höher als in umliegenden ländlichen Regionen; im Landkreis Görlitz werden 40 Prozent der Parkinsonpatienten ausschließlich durch Hausärzte statt durch Fachärzte für Neurologie oder zusätzlich auf Parkinson spezialisierte Kollegen behandelt. Das steht im Widerspruch zur international anerkannten Position, dass integrierte, sektorenübergreifende und standardisierte Behandlungskonzepte die einzig adäquate Form der Versorgung von Parkinson-Patienten sind.

Im Rahmen von PANOS wird in der Projektphase ostsachsenweit für alle Beteiligten ein standardisierter Behandlungspfad eingeführt. Dies ist mit dem Anspruch verbunden, versorgungsmedizinische Innovationen konsequent zu integrieren. Das Netzwerk steht dabei für eine gemeinschaftliche Versorgung durch niedergelassene, ambulant tätige, ärztliche Kollegen und Spezialisten.

Deshalb haben sich die Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Dresden, die Klinik für Neurologie am Elblandklinikum Meißen und die Klinik am Tharandter Wald Hetzdorf bereit erklärt, gemeinschaftlich die Rolle von spezialisierten ambulanten Parkinsonzentren im Raum Ostsachsen wahrzunehmen. Im Sinne eines intersektoralen, integrierten Versorgungsnetzwerks kooperieren diese drei Krankenhäuser in der ersten PANOS-Projektphase mit niedergelassenen, ambulant tätigen Ärzten. Zu einem späteren Zeitpunkt ist geplant, weitere Leistungserbringer wie Ergo- und Physiotherapeuten oder Logopäden einzubinden. Die Leistungsfähigkeit eines solchen Netzwerks lebt von der aktiven Mitwirkung aller Beteiligten. Deswegen wird ein aktives Netzwerkmanagement ein wesentliches Aufgabenfeld von PANOS sein.

Behandlungspfad bildet Grundlage einer definierten Aufgabenverteilung

Von dem zu schaffenden Behandlungspfad, der eine Vielzahl von Maßnahmen und Abläufen festschreibt, profitieren die Patienten ab dem ersten Tag. Er senkt die Zugangshürden für eine rechtzeitige und gleichberechtigte Versorgung deutlich: Neben ihren behandelnden Neurologen oder Hausärzten können sich Patienten selbst beim Netzwerk anmelden. Zudem werden sie stärker in die laufende Versorgung eingebunden, in dem sie bestimmte Aufgaben vor Arztterminen zuhause übernehmen werden. Dazu gehört das kontinuierliche Erfassen von Symptomen – etwa in Form von Fragebögen, die sie auf einem Tablet-PC ausfüllen, oder das Tragen von Kleidungsstücken, in die Sensoren integriert sind. Der Einsatz dieser digitalen Technologien erhöht hierbei die Effizienz der Maßnahmen.

Zudem sorgt das präambulante Monitoring dafür, dass anstehende Termine bei Ärzten und später auch bei Therapeuten bedarfsgerechter plan- und strukturierbar sind. Auf Seiten der Ärzte wird ein individuell auf den Patienten abgestimmtes, klar für den jeweiligen Leistungserbringer zugeschnittenes Weiterbehandlungskonzept entwickelt, das die Aufgaben zwischen dem niedergelassenen ambulanten Bereich und der spezialisierten Betreuung an den klinischen Zentren definiert.

Elektronische Patientenakte sichert gemeinsame Patientenbetreuung

Um den von und für PANOS entwickelten Behandlungspfad verlässlich wie kontinuierlich umsetzen zu können, bedarf es einer von allen Akteuren nutzbaren elektronischen Plattform, die im Rahmen des Projekts entwickelt wird. Alle Leistungserbringer werden darauf zugreifen können, um ihre Leistungen und Erkenntnisse zu dokumentieren und die von ihren Fachkollegen ebenfalls in einfacher, verständlicher Form eingepflegten Verlaufsparameter einsehen zu können. Die von PANOS entwickelte elektronische Patientenakte bildet die Grundlage für eine bessere wie effizientere gemeinschaftliche Patientenbetreuung.

Gerade die Parkinson-Erkrankung mit ihren gut durch digitale Sensoren zu erfassenden Einschränkungen der Beweglichkeit eignet sich für die Umsetzung von Monitoringkonzepten – sei es während ambulanter Termine oder auch direkt zuhause bei den Patienten. Während sich ein weiteres regionales Projekt (TelePark) mit dem telemedizinischen häuslichen Monitoring von Parkinson-Patienten auseinandersetzt, soll im Rahmen von PANOS der Fokus auf der Erprobung von digitalem Monitoring im Rahmen ambulanter Termine an den drei Zentren liegen: Das hat großes Potential, sowohl Qualität und Effizienz der Symptomerfassung und damit der Versorgung zu verbessern – beides Kernziele von PANOS.

Parkinsonlotse als personelles Rückgrat des Netzwerks

Alle Patienten sollen im Rahmen von PANOS von einem spezialisierten und sektorübergreifend tätigen Case Manager begleitet werden – dem Parkinsonlotsen. Er sorgt dafür, dass alle Patienten einen persönlichen Ansprechpartner bekommen. Jederzeit gut erreichbar kann der Lotse sicherstellen, dass Probleme rechtzeitig erkannt werden. Zudem wird er Bindeglied zwischen niedergelassenem ambulantem Sektor und spezialisierten Parkinsonzentren sein. Der Parkinsonlotse erfüllt eine entscheidende Funktion, da die gemeinsame elektronische Patientenakte nur funktioniert, wenn individuelle Ansprechpartner den Patienten wie auch den professionellen Leistungserbringern zur Verfügung stehen.