AAD 2024: Geographische Atrophie – Warten auf EMA-Neubewertung von Pegcetacoplan8. März 2024 Frank G. Holz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn und Mitglied der Makulakommission von BVA und DOG. Foto: Schulz/Biermann Medizin Während die neovaskuläre AMD seit mehr als 15 Jahren erfolgreich mit VEGF-Inhibitoren behandelt werden kann, gab es bis vor kurzem keinerlei Therapiemöglichkeiten für die geographische Atrophie. Zahlreiche Ansätze sind bisher gescheitert. Doch es gibt neue Hoffnung für Betroffene, berichtete Prof. Frank G. Holz, Direktor der Universitätsaugenklinik Bonn, anlässlich der AAD-Pressekonferenz. Basierend auf positiven Phase-III-Ergebnissen aus randomisierten placebokontrollierten Studien, so hieß es, seien zwischenzeitlich die beiden Komplementinhibitoren Pegcetacoplan und Avacincaptad Pegol in den USA von der Food and Drug Administration (FDA) zugelassen worden. Die Ergebnisse der zulassungsrelevanten Studien wurden in „Lancet“ publiziert [1,2].In der Zwischenzeit hat der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zunächst keine Zulassungsempfehlung für Pegcetacoplan ausgesprochen (wir berichteten). Aktuell soll nochmals eine Neubewertung stattfinden. Das Ergebnis dieser Re-Evaluation, so Holz, sei Ende April zu erwarten. Eine Nichtzulassung würde bedeuten, dass Patienten mit geographischer Atrophie im Rahmen der AMD – anders als Patienten in den USA – keinen Zugang zu einer Therapie hätten. Alternativen stünden bislang nicht zur Verfügung. Dabei könnten vor allen Dingen Patienten profitieren, bei denen die foveale Sehschärfe noch nicht betroffen sei, erläuterte Holz und unterstrich die Bedeutung einer genauen Patientenselektion. Eine Re-Evaluation seitens der EMA sei in der Hoffnung auf eine positive Bewertung zu begrüßen. Hierbei käme auch eine konditionale Zulassung infrage mit der Einforderung weiterer prospektiver Studien bezüglich der funktionellen Parameter. Funktionelle MessverfahrenMit Blick auf die Zulassungsstudien erläuterte Holz, der primäre Endpunkt sei die Verlangsamung der Wachstumsgeschwindigkeit der geographischen Atrophie mit der Zeit gewesen. Hier seien „signifikante Therapieeffekte“ nachgewiesen worden, unterstrich Holz. Bezüglich der sekundären funktionellen Punkte sei keine Überlegenheit der Behandlung gegenüber der Kontrollgruppe gefunden worden. Allerdings erscheine der Endpunkt der bestkorrigierten zentralen Sehschärfe bei dieser Manifestationsform der AMD eher ungeeignet im Gegensatz zu den Anti-VEGF-Studien bei neovaskulärer AMD. In Posthoc-Analysen hätten Therapieeffekte für Pegcetacoplan auch bezüglich der Netzhautfunktion gezeigt werden können, so beispielsweise durch Mikroperimetrie-Untersuchungen im Randbereich der geographischen Atrophie – also in jenen Netzhautarealen, die bei Progression der Erkrankung als nächstes betroffen sein würden.Zum Zeitpunkt der Konzipierung der Phase-III-Studie hätten noch keine adäquaten funktionellen Messverfahren zur Verfügung gestanden. Zwar seien Untersuchungen mit der funduskontrollierten Perimetrie (Mikroperimetrie) durchgeführt worden, doch erst mit weiteren Entwicklungen hätten durch Initiierung der Studien Messverfahren entwickelt werden können, die eine deutlich höhere Aussicht besitzen würden, auch Funktionsvorteile der Therapie zu erfassen. Aktuelle VersorgungslageDie aktuelle Versorgungslage für Patienten mit geographischer Atrophie beinhalte lediglich rehabilitative Maßnahmen mit vergrößernden Sehhilfen, erklärte Holz. Diese sollten immer optimal angepasst und verordnet werden, auch weil hierdurch unter anderem die Lesefähigkeit oftmals verbessert werden könne.Der Krankheitsprozess der geographischen Atrophie ist im natürlichen Verlauf immer progredient: Ähnlich dem Dominoeffekt, so hieß es, vergrößerten sich die betroffenen Netzhautareale nach und nach. Die Konsequenzen für die Betroffenen seien weitreichend, beispielsweise gehe die Fähigkeit zur Gesichtserkennung verloren. Gleichzeitig seien das Sturzrisiko und das Risiko für Depressionen erhöht. Auch werde das Führen eines Pkw unmöglich. Insgesamt sei eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität mit der Erkrankung verbunden.Die Anzahl der von geographischer Atrophie Betroffenen werde parallel zu den demographischen Entwicklungen in Deutschland weiter erheblich zunehmen, machte Holz abschließend nochmals auf die Bedeutung einer zugelassenen Therapie aufmerksam. Literatur: Heier JS, Lad EM, Holz FG, Rosenfeld PJ, Guymer RH, Boyer D, Grossi F, Baumal CR, Korobelnik JF, Slakter JS, Waheed NK, Metlapally R, Pearce I, Steinle N, Francone AA, Hu A, Lally DR, Deschatelets P, Francois C, Bliss C, Staurenghi G, Monés J, Singh RP, Ribeiro R, Wykoff CC; OAKS and DERBY study investigators. Lancet 2023 Oct 21;402(10411):1434-1448. doi: 10.1016/S0140-6736(23)01520-9. PMID: 37865470 Pegcetacoplan for the treatment of geographic atrophy secondary to age-related macular degeneration (OAKS and DERBY): two multicentre, randomised, double-masked, sham-controlled, phase 3 trials. Khanani AM, Patel SS, Staurenghi G, Tadayoni R, Danzig CJ, Eichenbaum DA, Hsu J, Wykoff CC, Heier JS, Lally DR, Monés J, Nielsen JS, Sheth VS, Kaiser PK, Clark J, Zhu L, Patel H, Tang J, Desai D, Jaffe GJ; GATHER2 trial investigators. Lancet 2023 Oct 21;402(10411):1449-1458. doi: 10.1016/S0140-6736(23)01583-0. Epub 2023 Sep 8.PMID: 37696275Efficacy and safety of avacincaptad pegol in patients with geographic atrophy (GATHER2): 12-month results from a randomised, double-masked, phase 3 trial.
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