AAD-Kongress-Interview: Von Klassikern und Premieren

DOG-Generalsekretär Claus Cursiefen (l.) und BVA-Vorsitzender Daniel Pleger. Fotos: DOG/BVA

Bewährtes und Neues – dies ist die bekannte Mischung des Programms der Augenärztlichen Akademie Deutschland (AAD) seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Grundlegendes und Basiswissen für die augenärztliche Praxis, aber auch neue Verfahren und Trends in der Augenheilkunde werden vorgestellt und diskutiert. Neu in diesem Jahr sind ein eigener „Track“ zum Thema Niederlassung und circa 20 Kursangebote.

Neben dem Fachlichen bietet die AAD auch immer berufspolitische Updates. Hier gibt es ebenfalls „Klassiker“ wie die Reform der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) oder „Premieren“ wie die für Ärzte verpflichtende Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA). Im Gespräch mit Daniel Pleger, erster Vorsitzender des Berufsverbandes der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands (BVA), und Prof. Claus Cursiefen, Generalsekretär der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), besprechen wir diese und andere Themen mehr.

Herr Prof. Cursiefen, nach dem Silberjubiläum im vergangenen Jahr ist die AAD wieder im „Normalmodus“ angekommen. Sicherlich gibt es aber beim 26. Fortbildungskongress von BVA und DOG auch ohne Feier viel Interessantes für die Teilnehmer …

Cursiefen: Nach dem Wacken-betonten 25-jährigen Jubiläum gehen wir jetzt wieder in den „Normalmodus“ und bieten wiederum die gesamte Breite von Fortbildungsveranstaltungen in allen Bereichen der Augenheilkunde im gewohnten Ablauf.

Das Angebot für Augenärzte umfasst interaktive Workshops, Wetlabs, praxisnahe Kurse, Movietime-Sessions, Keynote Lectures sowie ein vielfältiges Spektrum an Vorträgen, die aktuelle Entwicklungen aus allen Bereichen der Augenheilkunde anschaulich vermitteln. Fachspezifische Vorlesungen laden darüber hinaus zu vertiefenden Diskussionen ein. Die AAD 2026 bietet einen Rahmen, sich zu vernetzen, neue Perspektiven zu gewinnen und die Zukunft der Augenheilkunde aktiv mitzugestalten. Und das mit attraktivem Blick auf den Rhein und Besuchsmöglichkeiten in der Düsseldorfer Altstadt!
Die Keynotes ausgewiesener Experten adressieren so unterschiedliche Themen wie Meibomdrüsen-Dysfunktion, Abnehmmedikamente und Auge, Glaukom und Autofahren, refraktive Katarakt- und Linsenchirurgie oder Leseleistung standardisiert messen, optimieren und rehabilitieren.

Pleger: Das Kursprogramm wird jährlich überarbeitet und beinhaltet neben Klassikern, wie den beleibten Dry- und Wetlabs auch Kurse zur Abrechnung und intravitrealen operativen Medikamentengabe (IVOM). Auch das berufspolitische Seminar des BVA zur Gesundheitspolitik findet in diesem Jahr wieder statt, dieses Mal bereits am Freitagmittag. Erstmalig fasst der AAD-Niederlassungstrack bestehend aus fünf Kursen alles Wichtige für die eigene Niederlassung zusammen. Zudem ergänzen 19 komplett neue Kurse das Programm, zum Beispiel „Phake Intraokularlinsen (pIOLs) – Update für die refraktive Chirurgie“ und „Augenklinik aus wirtschaftlicher Sicht: Begriffe, Kennzahlen & mehr“.

Die Stiftung Auge der DOG, der BVA und die Wacken Foundation hatten 2025 mit der Aktion „Auge goes Wacken“ breite Sichtbarkeit für das Thema Vorsorge erzeugt. Wird es auch in diesem Jahr eine Awareness-Kampagne geben, die einen neuen Weg in der Gesundheitskommunikation geht?

Cursiefen: Die „Auge goes Wacken“-Kampagne zum Thema Vorsorge soll in diesem Jahr auf dem Wacken Open-Air-Festival fortgesetzt werden. Die parallele Kampagne zum Thema „#SpendeAmEnde“, die Awareness zum Thema Hornhaut- und Organspende erhöhen soll, geht ebenfalls 2026 wieder auf das Wacken Open Air und wird auch parallel bei diversen anderen Veranstaltungen thematisiert. So gab es ja schon im Jahre 2025 eine große Plakataktion im norddeutschen Raum. Ähnliches ist für dieses Jahr geplant.

Nina Warken ist seit einem Jahr Bundesgesundheitsministerin. Wie, Herr Pleger, ist Ihre bisherige Einschätzung der Unions-Politikerin? Wenn Sie ihr einen Wunsch beziehungsweise Auftrag ins Aufgabenheft schreiben könnten, welcher wäre das?

Pleger: Das vergangene Jahr stand natürlich im Zeichen eines Regierungswechsels und einer neuen Koalition, die sich zunächst finden und dann die Ministerien besetzen musste. Ich konnte die Ministerin im Sommer persönlich in Berlin treffen und sie kennenlernen. Die Erwartungen und die Aufgaben sind groß – und der Druck bezüglich Reformen noch größer.
Im Koalitionsvertrag finden sich erste Hinweise, in welche Richtung die angekündigten Reformen gehen sollen. Allerdings ist bisher nicht viel passiert. Das ist leider angesichts der immer angespannteren Lage des Gesundheitssystems nicht gut und daher hoffe ich auf sinnvolle und notwendige Schritte in diesem Jahr. Dass die Ministerin im Gegensatz zu ihrem Vorgänger aber mit den Akteuren das Gespräch sucht und besonnen und weniger egozentrisch agiert, finde ich positiv.

Die DOG hat zur Sicherstellung der augenheilkundlichen Patientenversorgung grundlegende Weichenstellungen der Gesundheitspolitik in den Bereichen Ambulantisierung/stationäre Versorgung, Forschung und Digitalisierung angemahnt. Gibt es hier erste Bewegung?

Cursiefen: Wir haben unsere Position zur augenheilkundlichen Versorgung unter anderem auf dem Parlamentarischen Abend in Berlin, aber auch in diversen anderen Einzelgesprächen der Politik dargelegt. Die Augenheilkunde ist bereits ein sehr ambulantisiertes Fach. Wir führen die allermeisten unserer Operationen bereits ambulant durch. Die verbliebenen Reststrukturen stationärer Versorgung sollen – nicht zuletzt, um Kompetenzzentren in diesem Bereich zu erhalten – nicht weiter beschnitten werden. Ebenfalls muss es in Zukunft auch weiterhin möglich sein, stationäre Operationen durchzuführen, gerade an Patienten mit allgemeinen oder auch ophthalmologischen Risikofaktoren. Medizinisch und soziale Gründe für eine stationäre Versorgung müssen erhalten bleiben. So haben wir auch mehrfach auf die Notwendigkeit des Erhalts der augenspezifischen Kontextfaktoren im Katalog Ambulanter Operationen und stationsersetzender Eingriffe (AOP-Katalog) hingewiesen. Bisher ergab sich der Eindruck, dass die Politik das ähnlich sieht.

Die elektronische Patientenakte (ePA) ist seit nun rund sechs Monaten verpflichtend in allen Arztpraxen und Kliniken anzuwenden. Funktioniert das System und wie wird die Akte von den Patienten angenommen?

Pleger: Bei der ePA handelt es sich ja um ein Projekt, das in der Ampelkoalition mit großem Sanktionsdruck eingeführt werden sollte und nun durch die neue Regierung fortgesetzt wird, allerdings mit einem anderen Zeitplan. Leider funktionieren die Systeme weiterhin nicht störungsfrei und die derzeitige Version der ePA ist noch weit von dem versprochenen System entfernt, Sie stellt so keine wirkliche Bereicherung der Versorgung dar.
Sollte die ePA irgendwann mal in dem versprochenen Status ankommen und stabil funktionieren, würde ich mit meiner Kritik auch zurückhaltender sein. Aktuell lautet mein Fazit: Sie hilft aktuell nicht viel, ist eine zusätzliche bürokratische Bürde in den Praxen und hat noch das Potenzial zum Rohrkrepierer zu werden. Wir werden weitere Entwicklungen abwarten müssen.

Das Fach setzt sich bereits seit Längerem für eine Stärkung der Kinderophthalmologie ein. Wo gibt es Ihrer Einschätzung nach den dringendsten Verbesserungsbedarf in der ambulanten beziehungsweise stationären Versorgung? Wie gestaltet sich die Kooperation mit Kinderärzten?

Cursiefen: In vielen Bereichen in Deutschland gibt es bei der Findung von Terminen für Kinder und auch im Bereich Strabologie/Neuroophthalmologie erhebliche Terminschwierigkeiten. Es gibt verschiedene Ansätze, das zu verbessern, so hat zum Beispiel der BVA lokal (z. B. in Sachsen) gute Modellprojekte zur Stärkung der kinderophthalmologischen Versorgung mit der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) umsetzen können. Wichtig bleibt hier auch die auskömmliche Finanzierung von strabologischen Operationen und der aufwendigen prä- und postoperativen Betreuung. Themen, die wir schon seit längerer Zeit mit der Politik thematisieren.

Kritisch betrachtet wird vom BVA die in Sachsen bestehende Möglichkeit, dass sich Orthoptistinnen selbstständig niederlassen können. Wie wird diese Möglichkeit bisher genutzt und zeichnet sich eine Ausweitung auf andere Bundesländer respektive KVen ab? Kann dieses Modell auch eine Entlastung für Augenarztpraxen darstellen?

Pleger: Die Position des BVA ist hierzu unverändert: Die kinderophthalmologische Versorgung gehört in augenfachärztliche Hand. Wir sind strikt gegen eine Auslagerung der Leistungen und distanzieren uns nachdrücklich von einer Tätigkeit im Rahmen einer sektoralen Heilpraktikererlaubnis. Dieses Modell wird weder für die Patientinnen und Patienten noch die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen eine Entlastung darstellen und führt im Gegenteil zu einer Diffusion der Strukturen innerhalb Systems und wirft darüber hinaus rechtliche Fragen auf.

Die Notfallreform soll nun von Gesundheitsministerin Warken auf den Weg gebracht werden. BVA und DOG haben zuvor dafür plädiert, funktionierende, effiziente Strukturen in der Augenheilkunde zu erhalten. Drohen mit der Reform spezielle augenärztliche Notfälle im allgemeinen Notdienst „unterzugehen“?

Cursiefen: Hier ist es unser Bestreben, die durchaus ja sehr gut funktionierenden Strukturen der augenheilkundlichen Notfallversorgung im Rahmen des Systems der Kassenärztlichen Vereinigungen zu erhalten. Gerade auch die Kombination von augenheilkundlichen Notfallzentren in Klinikumsnähe zur effizienteren Weiterbehandlung von komplexen Notfällen hat sich bewährt. Ähnliches sollte auch im Rahmen der Notfallreform erhalten bleiben.

Die GOÄ-Reform ist mit dem letztjährigen Ärztetag-Beschluss in das Umsetzungsverfahren durch die Bundesregierung gegangen. Wo sind voraussichtlich Verbesserungen für die Augenheilkunde zu erwarten? Könnten auch jetzt noch Nachjustierungen vorgenommen werden?

Pleger: Der Prozess einer Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte ist angestoßen, aber längst nicht abgeschlossen. Da sich das System der GOÄ grundlegend ändern wird, wäre es unlauter, hier Prognosen zu Zahlen abzugeben. Insbesondere, solange keine finale Version als erlassene Rechtsverordnung vorliegt. Sofern sich dieser Prozess konkreter abzeichnet, wird der BVA im Rahmen seiner Fortbildungen umfassend informieren und auch beraten.
Eine bloße Gegenüberstellung der Ziffern ist wenig hilfreich, da sich grundlegend die komplette Systematik ändern wird, die wir alle neu lernen müssen. Nachjustierungen sollen laut Bundesärztekammer in Zukunft möglich sein, allerdings halte ich den Prozess prognostisch für schwer einschätzbar und Aussagen zum Umfang spekulativ und unseriös.

Augenärzte rufen immer wieder zur Hornhautspende auf – zuletzt mit der fortgeführten DOG-Kampagne „Hornhaut-SpendeAmEnde – na klar!“ – Sie erwähnten dies soeben. Eine Option zum Ausgleich des Transplantatmangels ist die allogene Zelltherapie. In Japan ist diese Therapie bereits verfügbar. Ist auch in Deutschland mit der Einführung dieses Verfahrens in naher Zukunft zur rechnen?

Cursiefen: In der Tat gibt es verschiedene Möglichkeiten, dem Hornhautspendermangel zu begegnen. Hier gibt es zum einen chirurgische Konzepte, wie zum Beispiel das Konzept der geteilten Hornhaut, wo der Operateur den vorderen Teil für eine DALK-Operation, den hinteren Teil für eine DMEK-Operation verwendet (DALK = Deep Anterior Lamellar Keratoplasty, DMEK = Descemet membrane endothelial keratoplasty; Anm. d. Red.). Hiermit kann durchaus Spendergewebe eingespart werden.
Andere Möglichkeiten wären der verstärkte Einsatz von künstlicher Hornhaut (z.B. EndoArt), wobei wir da noch die genaue Indikationsstellung abwarten müssen. Aktuell wird die EndoArt nur für Patienten mit moderater Visusprognose in Hochrisikoaugen empfohlen.
Die Zelltherapie ist ebenfalls eine mögliche Antwort auf den Spendermangel. Hier gibt es derzeit noch keine Anwendungsmöglichkeiten in Europa, jedoch in Japan und den USA. Bei der Zelltherapie ist die Frage, inwieweit die Kosten eine Zulassung im europäischen Bereich verhindern. Gerade auch in den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (Lower- and Middel-Income-Countries [LMIC]), wo es eine erhebliche Spendermangelsituation gibt, ist sicherlich die kostenintensive Zelltherapie nicht die Lösung.

Das Stichwort Patientensteuerung fällt immer wieder im Zusammenhang mit dem Versuch, unnötige Praxisbesuche und damit auch die Kosten im Gesundheitswesen zu reduzieren. Neue Instrumente der Steuerung sollen eingeführt werden. Augenärzte werden aber wohl auch weiterhin ohne Überweisung aufgesucht werden können. Ist dies aus Ihrer Sicht sinnvoll oder wäre auch hier die Vorschaltung des Hausarztes wünschenswert?

Pleger: Keinesfalls! Im Koalitionsvertrag wird der Augenheilkunde zum Beispiel mit der Gynäkologie völlig richtig eine Sonderrolle zugesprochen. Eine Steuerung durch Hausärzte ist nicht vorgesehen und überhaupt nicht sinnvoll. Das haben wir auch immer politisch eindeutig vertreten. Viele Krankheitsbilder und Beschwerden erfordern unmittelbar die augenfachärztliche Diagnostik und Behandlung.

Allein die Augenheilkunde hat mehr als 34 Millionen Behandlungsfälle im Jahr. Das wäre eine enorme Mehrbelastung für eine etwaige vorgeschaltete Steuerung. Also ist die Rolle innerhalb des im Koalitionsvertrag genannten Primärarztsystems absolut richtig und findet unsere volle Anerkennung und Unterstützung.

Die DOG unterstützt ein Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina), das für eine Neujustierung der Entwicklungszusammenarbeit plädiert. So sollen Prävention und Kuration künftig enger vernetzt und dabei die Kuration stärker gewichtet werden. Vorgeschlagen wird eine direkte staatliche Unterstützung institutionalisierter Partnerschaften, die ja zumeist von privatem Engagement, Spenden und Förderungen getragen werden. Was ist die Botschaft der DOG an das deutsche Entwicklungshilfeministerium?

Cursiefen: Das Positionspapier der Leopoldina zur Neujustierung der Entwicklungszusammenarbeit hat zwei Aspekte: Erstens wird ganz grundsätzlich der Aspekt der Therapie im Vergleich zur Prävention gestärkt. Es ist so, dass man nicht nur im Bereich der Entwicklungshilfe, sondern auch bei uns mit Prävention nur einen Teil der augenheilkundlichen Erblindungsursachen vermeiden kann. In vielen Bereichen ist die Prävention nicht hilfreich, sondern man muss kurativ arbeiten.
Der zweite wichtige Punkt ist, dass durch verstärkte Forschungsaktivitäten Erkrankungen im Augenbereich besser verstanden und dann entsprechend auch therapiert werden können. Eine reine Prävention löst viele unserer Probleme leider nicht. Und diese Botschaft gilt nicht nur in Richtung Entwicklungsministerium, sondern auch in Richtung Gesundheitsministerium.

Zum Schluss ein Ausblick auf das noch recht junge Jahr 2026: Wo erwarten Sie Fortschritte in der Gesundheitspolitik oder medizinische Neuerungen im Bereich der Augenheilkunde? Wo könnten Innovationen in Kürze beim Patienten ankommen?

Pleger: In der Gesundheitspolitik wird ja oft auf Sicht gefahren, insofern sind Prognosen für das ganze Jahr 2026 schwierig.

Cursiefen: Bezüglich medizinische Neuerungen: Es gibt viele Bereiche, in denen Innovationen zu erwarten sind – Zelltherapie, Gentherapie, KI-basierte Diagnose et cetera. Ob da welche schon in diesem Jahr beim Patienten ankommen, muss man abwarten.

Pleger: Dem schließe ich mich an.

Herr Prof. Cursiefen, Herr Pleger wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Dieses Gespräch führte Dieter Kaulard.