ADHS-Medikamente erhöhen bei Psychose-Vorgeschichte nicht das Rückfallrisiko29. April 2026 Die Einnahme von ADHS-Medikamenten bei vorherigen Psychosen ist laut einer neuen Studie nicht mit einem erhöhten Rückfallrisiko verbunden. (Bild: © Andrii/stock.adobe.com) Menschen mit einer Psychose-Vorgeschichte leiden nicht selten auch an ADHS. Die Behandlung stellt Ärzte jedoch vor ein Dilemma: Psychostimulanzien gelten als wirksam bei ADHS, stehen aber im Verdacht, psychotische Episoden zu begünstigen. In einer neuen Studie konnte jedoch kein erhöhtes Risiko für erneute Psychose-Episoden nach Beginn einer medikamentösen ADHS-Behandlung festgestellt werden. ADHS tritt bei Menschen mit Psychose vergleichsweise häufig auf: Schätzungen zufolge weisen etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen zusätzlich ADHS auf. In der klinischen Praxis stellt diese Komorbidität eine besondere Herausforderung dar, da die wirksame Behandlung von ADHS mit Psychostimulanzien oder Atomoxetin mit möglichen Risiken für psychotische Episoden in Verbindung gebracht wird. Eine internationale Studie unter Beteiligung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Kooperation mit dem Karolinska Institutet in Stockholm/Schweden liefert hierzu nun neue Erkenntnisse: Ein erhöhtes Risiko für erneute Psychose-Episoden nach Beginn einer medikamentösen ADHS-Behandlung zeigte sich nicht. Großer Registerstudie: Kein Anstieg des Psychose-Risikos Die Ergebnisse basieren auf einer großen populationsbasierten Analyse schwedischer Registerdaten von rund 3700 Erwachsenen mit diagnostizierter Psychose und gleichzeitiger ADHS. Untersucht wurde, ob sich das Risiko für erneute psychotische Episoden nach Beginn einer Behandlung mit Psychostimulanzien verändert. Die Auswertung zeigt: Ein statistisch nachweisbarer Anstieg des Rückfallrisikos ließ sich nicht beobachten. „Unsere Ergebnisse stellen eine verbreitete klinische Annahme infrage, dass ADHS-Medikamente bei Menschen mit Psychose grundsätzlich vermieden werden sollten“, erklärt Prof. Patrick Bach, Erstautor der Studie und Arbeitsgruppenleiter am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. „Wir sehen kein erhöhtes Risiko für erneute Episoden nach Behandlungsbeginn. Das kann Ärztinnen und Ärzten mehr Sicherheit im Umgang mit dieser komplexen Patientengruppe geben.“ Individuelle Risikoabwägung bleibt wichtig Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass die Ergebnisse nicht als generelle Entwarnung zu verstehen sind. „Unsere Daten ersetzen keine individuelle Risikoabwägung“, macht Bach deutlich. „Die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse ADHS-Behandlung muss weiterhin im Einzelfall getroffen werden und unter Berücksichtigung der Krankengeschichte, aktueller Symptomatik und engmaschiger klinischer Begleitung.“ Die Studienergebnisse sind insbesondere vor dem Hintergrund relevant, dass ADHS bei Menschen mit Psychose häufig unterdiagnostiziert und entsprechend selten behandelt wird. Gleichzeitig besteht in der klinischen Praxis oft große Zurückhaltung gegenüber dem Einsatz von Stimulanzien. Die aktuellen Daten sprechen dafür, diese Vorsicht differenzierter zu betrachten. Mehr Evidenz für komplexe psychiatrische Erkrankungen „Menschen mit komplexen psychiatrischen Komorbiditäten fallen im Versorgungssystem häufig durch das Raster“, berichtet Bach. „Unsere Studie trägt dazu bei, die Evidenzbasis für ihre Behandlung zu verbessern und bestehende Unsicherheiten zu reduzieren.“ Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Translational Psychiatry“ veröffentlicht und durch eine ergänzende Analyse aus derselben internationalen Forschungskooperation weiter untermauert. Diese zweite Studie adressierte eine klinisch zentrale Fragestellung: ob die Verordnung von Stimulanzien bei Patientinnen und Patienten mit bestehender oder früherer Stimulanzienabhängigkeit das Risiko für Krankenhausaufenthalte, etwa infolge von Intoxikationen, erhöht. Die Auswertung zeigte kein entsprechendes Risikosignal. Vielmehr waren nach Behandlungsbeginn tendenziell geringere Raten stimulanzienbezogener Hospitalisierungen zu beobachten. Auch diese Ergebnisse sprechen dafür, dass eine medikamentöse Behandlung bei sorgfältiger Indikationsstellung und individueller Risikoabwägung möglich ist, ohne mit erhöhten Risiken einherzugehen. Das könnte Sie auch interessieren: ADHS-Symptome bei Erwachsenen lassen sich mit digitaler Anwendung verringern
Mehr erfahren zu: "opn2SCREEN: Offene Wirkstoffbibliothek für die Wissenschaft" opn2SCREEN: Offene Wirkstoffbibliothek für die Wissenschaft Mit opn2SCREEN stellt Boehringer Ingelheim der internationalen Forschungsgemeinschaft für einen begrenzten Zeitraum seine komplette opnMe „Molecule‑to‑Order“-Bibliothek für systematische Screening‑ und Profiling‑Ansätze zur Verfügung. Forschende weltweit sind eingeladen, sich mit innovativen […]
Mehr erfahren zu: "Mangelnde soziale Kontakte gehen bei Depressionen stärker mit einem Gefühl von Einsamkeit einher" Mangelnde soziale Kontakte gehen bei Depressionen stärker mit einem Gefühl von Einsamkeit einher Dass sich Menschen mit Depression einsamer fühlen und sich häufig zurückziehen, ist bekannt. Dass der Zusammenhang zwischen der Zahl sozialer Kontakte und dem Gefühl von Einsamkeit bei Menschen mit Depression […]
Mehr erfahren zu: "Bundesregierung plant „Zuckerabgabe“ – worum es dabei geht" Bundesregierung plant „Zuckerabgabe“ – worum es dabei geht Das Kabinett will am 29. April Eckwerte des Haushalts 2027 beschließen. Was steckt da drin? Dies sind zentrale Punkte.