Aktionstag gegen den Schmerz: Frühzeitig und interdisziplinär die Chronifizierung von Schmerzen vermeiden

Winfried Meißner, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Foto: Anna Schroll/UKJ

Eine Chronifizierung von Schmerzen lässt sich verhindern. Dazu müssen Patienten unter Risiko jedoch frühzeitig erkannt werden. Eine neue Möglichkeit bietet das Ambulante Interdisziplinär-Multimodale Assessment der Deutschen Schmerzgesellschaft.

Bei manchen Menschen können alltägliche Kopf-, Rücken- oder Gelenkschmerzen chronisch werden. Laut der Deutschen Schmerzgesellschaft sind davon 23 Millionen Menschen in Deutschland betroffen – manche so stark, dass sie kaum noch ihren Alltag bewältigen können. Ein neues, präventives ambulantes Untersuchungsangebot soll es ermöglichen, frühzeitig und berufsgruppenübergreifend die Ursache für anhaltende Schmerzen herauszufinden und eine geeignete Therapie einzuleiten.

Frühzeitiges und interdisziplinäres Assessment

„Zu handeln, bevor Schmerzen chronisch werden, ist nötig und möglich“, erklärt apl. Prof. Winfried Meißner, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V.. Notwendig ist dafür idealerweise die Expertise unterschiedlicher Berufsgruppen: Schmerzgeplagte sollten möglichst ärztlich, psychologisch und physiotherapeutisch untersucht werden, um ein Gesamtbild des Risikos einer Chronifizierung zu erhalten. Die Deutsche Schmerzgesellschaft hat den Nutzen eines solchen Interdisziplinären Multimodalen Assessments (IMA) bereits im Rahmen des Projektes PAIN2020 wissenschaftlich untersucht. „Mit der ambulanten Form dieser Behandlung – A-IMA – überführen wir nun konsequenterweise zentrale Inhalte der Studie in die Patientenversorgung in Deutschland“, sagt Meißner, der das Projekt bereits Anfang April vorgestellt hatte (wir berichteten). Den heutigen Aktionstag gegen den Schmerz nutzte der Experte, um mehr Bewusstsein für das neuartige Konzept zu schaffen.

Im Rahmen von A-IMA erhalten die Betroffenen bereits nach sechs Wochen anhaltender Schmerzen in spezialisierten schmerztherapeutischen Zentren die Möglichkeit, in einem eintägigen Assessment umfassend untersucht zu werden. Das Team aus Schmerzmedizinern, Psychologen und Physiotherapeuten stellt dann eine gemeinsame Diagnose und gibt eine fundierte, Leitlinien-konforme Therapieempfehlung. Der Therapieplan wird im Anschluss gemeinsam mit dem Patienten erstellt. „Durch die aufeinander abgestimmten Untersuchungen werden so unnötige Behandlungen vermieden“, erklärt Meißner.

Schmerzgesellschaft hofft auf Beteiligung weiterer Krankenkassen

Bisher ist es nur Barmer-Versicherten möglich, von dem neuen Angebot zu profitieren. Die Schmerzgesellschaft hat jedoch weitere Krankenkassen angefragt und eingeladen, ebenfalls mitzumachen. „Der A-IMA-Selektivvertrag ist für alle gesetzlichen Krankenkassen geöffnet. Wir sind zuversichtlich, dass weitere Kassen beitreten und so auch ihren Versicherten diese frühzeitige ambulante Behandlung ermöglichen“, sagt Meißner. Für anderweitig Krankenversicherte bestünde die Möglichkeit, ihre Krankenkasse zu bitten, dem Selektivvertrag beizutreten oder eine individuelle Kostenübernahmeerklärung auszusprechen.

Derzeit bieten bundesweit 14 Zentren das neue Behandlungskonzept an, die Schmerzgesellschaft arbeitet laut eigenen Angaben mit Hochdruck an einem flächendeckenden Ausbau auf 25 Behandlungszentren im gesamten Bundesgebiet. Teilnehmende Einrichtungen verpflichten sich zu besonderen Maßnahmen der Qualitätssicherung. Dabei werden auch Patientenerfahrungen und -einschätzungen regelmäßig erfasst sowie eine Qualitätsberichtserstattung systematisiert. Zudem müssen die Behandelnden schmerztherapeutisch im besonderen Maße ausgebildet sein.

Weiteres Projekt zur Prävention perioperativer chronischer Schmerzen

Das PAIN2020-Projekt wird durch einen öffentlichen Geldgeber (Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses G-BA) mit sieben Millionen Euro gefördert und hat die Verbesserung der Versorgungsqualität und -effizienz von Menschen mit Risikofaktoren für eine Schmerzchronifizierung zum Ziel. Aus diesen Mitteln wurde nun noch ein weiteres Projekt bewilligt: Das POET Pain. Hier geht es um die Prävention operationsbedingter anhaltender Schmerzen. Denn auch bei Schmerzen nach einer Operation besteht die Gefahr, dass diese chronifizieren. Das hängt vor allem vom individuellen Risikoprofil der Betroffenen sowie den Maßnahmen und Strukturen der Nach-OP-Versorgung ab. Die Schmerzgesellschaft wird einen sogenannten „Transitional Pain Service“ aufbauen, der die besonders gefährdeten Patientinnen und Patienten identifiziert und geeignete interdisziplinäre Nachbetreuung sicherstellt.