Aktive Überwachung statt Operation bei duktalem Carcinoma in situ

Forscher, die eine Studie zur aktiven Überwachung von duktalem Carcinoma in situ (DCIS) leiten, bezeichneten erste Ergebnisse auf der 15. Europäischen Brustkrebskonferenz (EBCC15) in Barcelona als „beruhigend“.

Bei Frauen mit DCIS befinden sich veränderte Zellen in den Milchgängen ihrer Brust. Da sich diese Zellen jedoch nicht in das umliegende Brustgewebe ausgebreitet haben, handelt es sich bei DCIS nicht um invasiven Brustkrebs. DCIS kann sich zwar im Laufe der Zeit zu invasivem Brustkrebs entwickeln, Studien deuten aber darauf hin, dass etwa vier von fünf Fällen niemals invasiv oder lebensbedrohlich werden.

DCIS wird üblicherweise operativ und manchmal zusätzlich mit anderen Therapien wie Strahlentherapie oder Hormontherapie behandelt. Die Forscher starteten die LORD-Studie, um herauszufinden, ob Patientinnen mit DCIS mit niedrigem Risiko sicher durch regelmäßige Kontrolluntersuchungen überwacht werden können, anstatt sich einer sofortigen Operation zu unterziehen.

Die Forschungsergebnisse wurden von Prof. Jelle Wesseling vom Niederländischen Krebsinstitut und dem Universitätsklinikum Leiden vorgestellt. Er erklärte auf der Konferenz: „Jahrzehntelang galt DCIS als ‚Brustkrebs im Frühstadium‘. Daher wurde es fast immer wie Brustkrebs behandelt. Doch wenn die meisten DCIS-Fälle nie gefährlich werden, stellt sich eine wichtige Frage: Erhalten manche Frauen mehr Behandlungen als nötig? Als Arzt lasse ich mich vom Prinzip ‚Primum non nocere‘ leiten. Meine Motivation für die LORD-Studie war einfach: die Versorgung sicherer und ausgewogener zu gestalten. Wir wollten herausfinden, ob sorgfältig ausgewählte Frauen mit DCIS mit niedrigem Risiko sicher durch regelmäßige Kontrollen überwacht werden können, anstatt sofort operiert zu werden. Ziel ist es, unnötige Behandlungen zu vermeiden, ohne die Frauen einem Risiko auszusetzen.“

LORD-Studie liefert erste vergleichbare Ergebnisse

Wesseling präsentierte Daten von 1423 Patientinnen, die durchschnittlich seit etwa zwei Jahren an der Studie teilnehmen. Die Patientinnen wurden in rund 60 Krankenhäusern in den Niederlanden wegen DCIS mit niedrigem Risiko (d. h. DCIS Grad 1 oder 2, das im Rahmen des Brustkrebs-Screenings entdeckt wurde) behandelt.

Die Studie begann 2017. Die ersten 73 Patientinnen wurden per Zufallsprinzip entweder der Standardbehandlung (operative Entfernung des DCIS) oder der aktiven Überwachung (engmaschige Überwachung mit Behandlung nur bei Bedarf) zugeteilt. Nach Rückmeldungen wurde die Studie angepasst, sodass die Patientinnen zwischen den beiden Optionen wählen konnten. Rund drei Viertel entschieden sich für die aktive Überwachung.

Von den 363 Patientinnen, die sofort operiert wurden, zeigte die Untersuchung des entfernten Brustgewebes bei 29 Patientinnen zu Studienbeginn Anzeichen für invasiven Brustkrebs.

Bei vier weiteren Patientinnen der 363 Patientinnen, die zu Studienbeginn operiert wurden, wurde im Verlauf der Studie ebenfalls invasiver Brustkrebs diagnostiziert.

Von den 1060 Patientinnen, die aktiv überwacht wurden, wurde bei 63 Patientinnen invasiver Brustkrebs diagnostiziert. Die Studie wurde nun gemäß Studienprotokoll vorzeitig beendet, da sie nach der Diagnose von 60 Patientinnen mit invasivem Brustkrebs abgebrochen werden sollte.

Betrachtet man alle Patientinnen mit bisher diagnostiziertem invasivem Brustkrebs, so befinden sich 33 von 363 (9 %) in der Standardbehandlungsgruppe, verglichen mit 63 von 1060 (6 %) in der Gruppe mit aktiver Überwachung. Die Forscher stellten fest, dass die Tumoren bei Patientinnen mit aktiver Überwachung im Durchschnitt etwas größer waren (6 mm gegenüber 9 mm), aber nicht aggressiver.

Hinweise auf mögliche Reduktion von Übertherapie

Wesseling erklärte: „Für Frauen mit DCIS mit niedrigem Risiko sind diese Zwischenergebnisse beruhigend. Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass die aktive Überwachung im Vergleich zu einer sofortigen Operation zu schlechteren frühen Behandlungsergebnissen führt. Es ist wichtig zu betonen, dass aktive Überwachung nicht bedeutet, auf eine Behandlung zu verzichten; sie bedeutet, dass die Patientinnen engmaschig überwacht werden und eine Operation jederzeit möglich bleibt. Generell liefert diese Studie wichtige Erkenntnisse für die Diskussion über die Reduzierung von Überbehandlung in der Brustkrebsversorgung. Längere Nachbeobachtungszeiten sind jedoch unerlässlich, bevor die bestehenden Leitlinien geändert werden.“

Die Forscher beobachten weiterhin alle Patientinnen, die an der Studie teilnehmen, um die Sicherheit der beiden Behandlungsansätze langfristig zu überwachen. Sie untersuchen außerdem genauer, welche Patientinnen einen invasiven Krebs entwickeln, um herauszufinden, welche Frauen sicher auf eine sofortige Operation verzichten können.

Einordnung der Ergebnisse

Die Vorsitzende der EBCC15, Prof. Isabel Rubio, Leiterin der Abteilung für Brustchirurgische Onkologie an der Clínica Universidad de Navarra in Madrid, Spanien, war an dieser Studie nicht beteiligt. Sie erklärte: „DCIS ist eine häufige Erkrankung, die oft im Rahmen des Brustkrebs-Screenings entdeckt wird. Obwohl viele Frauen mit DCIS keinen invasiven Krebs entwickeln, ist die Operation derzeit die Standardbehandlung für die meisten Patientinnen.“

Die LORD-Studie ist eine der weltweit größten prospektiven Studien, die sich speziell auf Patientinnen mit DCIS mit niedrigem Risiko konzentriert. Die auf der Europäischen Brustkrebskonferenz vorgestellten ersten Ergebnisse sind hilfreich. Sie zeigen, dass bei Patientinnen, die sich über etwa zwei Jahre einer aktiven Überwachung unterziehen, eine geringe Anzahl invasiver Karzinome entdeckt wird. Bislang sind diese Zahlen vergleichbar mit denen von Patientinnen, die operiert wurden. Die Studie hat außerdem gezeigt, dass sich viele Patientinnen für die aktive Überwachung anstelle einer Operation entscheiden. Bei längerer Nachbeobachtung könnten diese Ergebnisse dazu beitragen, einen weniger intensiven Behandlungsansatz für ausgewählte Patientinnen zu unterstützen. Dies deutet darauf hin, dass eine engmaschige aktive Überwachung ähnliche Ergebnisse wie eine Operation erzielen und gleichzeitig eine Überbehandlung vermeiden könnte.

(lj/BIERMANN)