Aktualisierte AAO-HNSF-Tinnitus-Leitlinie13. Oktober 2026 Foto: Microgen/stock.adobe.com Die AAO-HNSF hat eine aktualisierte Tinnitus-Leitlinie zur klinischen Praxis vorgelegt. Diese spiegele die Erkenntnisse der letzten zehn Jahre wider, wie die Fachgesellschaft betonte. Der Fokus liegt auf Patienten mit anhaltendem Tinnitus, der belastet. Allein in den USA leiden laut American Academy of Otolaryngology–Head and Neck Surgery Foundation (AAO-HNSF) mehr als 50 Millionen Menschen an Tinnitus. Dieser kann mit Angstzuständen, Depressionen, Schlafstörungen und Beeinträchtigungen im Alltag einhergehen. Nach Einschätzung der Fachgesellschaft variiert die Versorgung von Tinnitus-Patienten jedoch stark – sowohl mit Blick auf die angebotenen Therapie-Optionen als auch der Einhaltung der Leitlinien durch die Ärzte. Empfehlungen für Erwachsene mit anhaltemden und belastendem Tinnitus Die American Academy of Otolaryngology–Head and Neck Surgery Foundation (AAO-HNSF) hat kürzliche eine aktualisierte Tinnitus Leitlinie zur klinischen Praxis im Fachjournal „Otolaryngology – Head and Neck Surgery“ veröffentlicht. Die aktualisierte Leitlinie konzentriert sich auf Erwachsene mit anhaltendem und belastendem Tinnitus, der mindestens sechs Monate andauert und ihre Lebensqualität beeinträchtigt. Die multidisziplinäre Leitlinie ersetzt die AAO-HNSF-Tinnitus-Leitlinie von 2014 und enthält 16 evidenzbasierte Handlungsempfehlungen. „Diese Aktualisierung spiegelt unsere Erkenntnisse der letzten zehn Jahre wider. Jeder Tinnitus-Patient sollte eine umfassende Hörprüfung erhalten und Ärzte sollten gezielt nach emotionaler Belastung und Suizidgedanken fragen. Strategien wie kognitive Verhaltenstherapie, Hörgeräte und Klanganpassung können Betroffenen helfen, ihren Tinnitus besser zu bewältigen“, erklärte Dr. Meredith E. Adams, Vorsitzende der AAO-HNSF-Leitlinien-Update-Gruppe. Eine Universallösung gebe es jedoch nicht, weshalb Patienten offen mit ihren Ärzten darüber sprechen sollten, welche Optionen für sie geeignet sind. Potenziell behandelbare Tinnitus-Ursachen ausschließen Die meisten Menschen mit Tinnitus leiden unter einer damit einhergehenden Hörminderung, etwa einer Presbyakusis, einer lärmbedingten Schwerhörigkeit oder eines akustischen Traumas. Die Leitlinie verweist darauf, dass Tinnitus Symptom zahlreicher Erkrankungen sein kann. Dazu gehören etwa Mittelohrerkrankungen wie Otosklerose und Tubenfunktionsstörungen, aber auch Innenohr- und Hörnervenerkrankungen wie Morbus Menière oder Vestibularisschwannom. Nicht auditive Erkrankungen, die Tinnitus verursachen können, umfassen Gefäßanomalien, Myoklonien und intrakranielle Hypertension. Aus diesem Grund betonen die Autoren der Leitlinien-Update-Gruppe die Notwendigkeit einer gründlichen klinischen Untersuchung, um diese potenziell behandelbaren und mitunter schwerwiegenden Erkrankungen zu identifizieren. Allerdings beziehe sich die Leitlinie nicht auf Patienten mit anderen ursächlichen Diagnosen als einer Schallempfindungsschwerhörigkeit. Der Grund: Diese Patienten wurden in nahezu allen randomisierten kontrollierten Studien zur Tinnitusbehandlung nicht berücksichtigt. Daher lassen sich die Studienergebnisse nicht auf diese Patienten übertragen. „Dennoch sollten Ärzte individuell entscheiden, ob sie die Empfehlungen dieser Leitlinie bei Patienten mit diesen Erkrankungen anwenden“, heißt es in der aktualisierten Tinnitus-Leitlinie. Subjektiver, objektiver oder pulsativer Tinnitus? – Unterscheidung wichtig Diese unterstreicht zudem die Notwendigkeit, zwischen subjektivem, objektivem und pulsatilem Tinnitus zu unterscheiden, um Patienten gezielter einschätzen und behandeln zu können. Allerdings ist die umfassende Behandlung von objektivem und pulsatilem Tinnitus nicht Gegenstand der Leitlinie, ebenso wenig wie die Therapie vorrübergehender Ohrgeräusche. Die Leitlinie schließt außerdem Patienten mit Tinnitus im Zusammenhang mit komplexen akustischen Halluzinationen oder Halluzinationen im Zusammenhang mit psychotischen Erkrankungen oder Epilepsie aus. Die aktualisierte Tinnitus-Leitlinie soll Ärzten einen „logischen Rahmen“ bieten, um Patienten besser zu versorgen und die im Alltag belastenden Auswirkungen von Tinnitus zu lindern. Der erste Teil der Leitlinie konzentriert sich auf die klinische Evaluierung von Tinnitus-Patienten, einschließlich Anamnese, körperlicher Untersuchung sowie Auswahl und Zeitpunkt diagnostischer Tests. Dazu kommt gegebenenfalls die Überweisung an Fachärzte, um potenziell zugrunde liegende, behandelbare Pathologien zu identifizieren und das Risiko von Selbstverletzungen zu reduzieren. Der Rest der Leitlinie konzentriert sich auf die Beurteilung und Behandlung von Patienten mit persistierendem, belastendem Tinnitus: Dazu gibt die Tinnitus-Leitlinie Empfehlungen zur Evaluation und Messung seiner Auswirkungen sowie zur Bestimmung der am besten geeigneten Interventionen zur Verbesserung der Symptome und der Lebensqualität. Was die Tinnitus-Leitlinie empfiehlt – und was nicht Starke Empfehlungen („strong recommendations“) Patienten mit belastendem Tinnitus von Patienten mit nicht belastendem Tinnitus unterscheiden Patienten mit belastendem Tinnitus nach dem Risiko von Selbstverletzungen fragen bei diesen Patienten keine neuroradiologischen Bildgebungsverfahren speziell zur Beurteilung des Tinnitus durchführen, es sei denn, es liegen spezifische, besorgniserregende Befunde vor Empfehlungen („recommendations“) gezielte Anamnese und körperliche Untersuchung bei der Erstuntersuchung von Tinnitus-Patienten mit Tinnitus umfassende audiologische Untersuchung veranlassen Patienten mit Tinnitus über den natürlichen Verlauf, die Auswirkungen und die Behandlungsstrategien aufklären Bei Hörproblemen und anhaltendem, belastendem Tinnitus eine Hörgeräteanpassung empfehlen Patienten mit anhaltendem, belastendem Tinnitus zur Abklärung eines Cochlea-Implantats überweisen, wenn sie die audiologischen Kriterien dafür erfüllen bei anhaltendem, belastendem Tinnitus eine kognitive Verhaltenstherapie empfehlen Ergebnisse der Interventionen beurteilen und dokumentieren Keine Empfehlung („recommendations against“) Antidepressiva, Antikonvulsiva, Anxiolytika oder intratympanische Medikamente zur routinemäßigen zur Behandlung von persistierendem, belastendem Tinnitus Nahrungsergänzungsmittel repetitive transkranielle Magnetstimulation Empfehlung offen („offered options“) Ärzte können Patienten mit persistierendem, belastendem Tinnitus nach somatosensorischen Merkmalen fragen Klangstimulation kann bei persistierendem, belastendem Tinnitus empfohlen werden bimodale Neuromodulation kann angeboten werden. (ja/BIERMANN) Originalpublikation: Adams ME et al. Executive Summary of the Clinical Practice Guideline on Tinnitus Update. Otolaryngol Head Neck Surg 2026;175(4): 739–756. Mehr zu Tinnitus auf der Tinnitus-Themenseite.
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