Akupunktur zur Migräneprophylaxe: Sind die Ergebnisse der neuen Studie aus China „zu gut“?16. April 2020 Foto: © Bjoern Wylezich – Adobe Stock Das Ergebnis einer chinesischen Akupunktur-Studie mit 150 Patienten ist spektakulär, deutschen Experten zufolge aber fraglich. Wenn mehr als 80 Prozent der Patienten eine Halbierung der Migränetage erreichen, spricht das für eine extrem wirksame Intervention. Doch was, wenn zuvor mehrere größere Studien keine signifikante Überlegenheit zeigen konnten? Dann ist es schwierig, die neuen Daten richtig einzuordnen, erst recht bei dieser relativ kleinen Studienpopulation. Experten sehen daher keinen Grund, wegen der neuen Daten bestehende Therapiestandards zu ändern. Dafür bräuchte es ohnehin eine große randomisierte Studie im europäischen Setting. Eine chinesische Studie (Xu S et al.), die Ende März im „The BMJ“, einem renommierten britischen Fachjournal, publiziert wurde, zeigte eine sehr hohe Wirksamkeit der Akupunktur in der Prophylaxe von Migräneanfällen. So hoch, dass deutsche Kopfschmerz-Experten Zweifel an der Richtigkeit der Ergebnisse äußern. Die randomisierte, kontrollierte Studie wurde in sieben Krankenhäusern in China zwischen 2016 und 2018 durchgeführt. Eingeschlossen wurden 150 Patienten mit mittelschwerer, episodischer Migräne ohne Aura, die zuvor nicht mit Akupunktur behandelt worden waren und einer typischen Migräne-Population entsprachen (über 80 % waren weiblich, das mittlere Alter betrug 36,5 Jahre). Verglichen wurden Standardbehandlung vs. Akupunktur vs. „Scheinakupunktur“ (jeweils 20 Sitzungen à 30 Minuten über einen Zeitraum von acht Wochen zusätzlich zur Standardbehandlung). Bei der letzteren wurden die Patienten nur scheinbar akupunktiert, die Hautschicht wurde nicht durchstochen, allerdings fühlte es sich für die Behandelten so an. Außerdem wurden bei der Scheinakupunktur keine „echten“ Akupunkturpunkte angesteuert. „Es handelte sich hier um eine besonders ausgefeilte Methode der Scheinakupunktur, die Patienten konnten nicht zwischen den Verfahren unterscheiden“, kommentiert Prof. Hans-Christoph Diener, Essen, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Auch PD Dr. Charly Gaul von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), lobt diesen Ansatz: „Dies ist eine innovative Methode und nach Aussage der Autoren gelang die Verblindung. Positiv hervorzuheben ist darüber hinaus die zentrale Schulung aller Akupunkteure in der Studie.“ Das Ergebnis wirft allerdings Fragen auf. Von den insgesamt 150 Patienten hatten 60 die Akupunktur, 60 die Scheinakupunktur und 30 die Standardbehandlung erhalten (die aus einer Lebensstilberatung bestand und keine medikamentöse Therapie beinhaltete). Beide Akupunkturverfahren zeigten einen signifikanten Nutzen im Vergleich zur Standardtherapie. Der primäre Endpunkt erhob die Reduktion der Migräneattacken und der Migränetage pro Monat. Es kam zu einem Rückgang von 3,9 Migränetagen unter Akupunktur (im Vergleich zu Baseline 5,8 Migränetagen), 2,2 Tagen unter Scheinakupunktur (im Vergleich zu 6,3) und 1,4 Tagen (im Vergleich zu 5,8) unter Standardbehandlung in den Wochen 17–20, was einen signifikanten Nutzen der Akupunkturverfahren belegt. Sekundär wurde erhoben, wie hoch der Anteil der Patienten war, die eine 50-prozentige Reduktion der Migränetage oder -anfälle in den Wochen 17–20 erreichten. Im Akupunkturarm waren das 82,5 Prozent, im Scheinakupunkturarm 45,8 Prozent und in der Vergleichsgruppe 17,9 Prozent. „Diese hohen Zahlen machen stutzig, auch weil sich das Ergebnis mit keiner bisherigen Studie deckt. In der großen Cochrane-Analyse zur Akupunktur bei Migräne aus dem Jahr 2016 (Line K et al.) gibt es beispielsweise keine einzige Arbeit, in der mehr als die Hälfte der Patienten eine 50-Prozent-Responderrate aufweisen. Hinzu kommt, dass die bisher publizierten großen RCT, die Akupunktur und Scheinakupunktur miteinander verglichen hatten, keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Verfahren feststellen konnten”, erklärte Diener. In der aktuellen Studie lag hingegen ein signifikant unterschiedlicher Behandlungseffekt vor – und das, obwohl die Verblindung bestens funktioniert habe, ein möglicher Placeboeffekt also in beiden Gruppen gleichermaßen zum Tragen gekommen sein müsse, sagte Diener weiter. „Die Rate der 50-Prozent-Responder hinsichtlich der Reduktion der Migränetage erscheint so spektakulär hoch, dass sie die ganze Studie etwas fragwürdig erscheinen lässt“, ergänzte Gaul. Beide Experten sehen durch diese Studie noch keine ausreichend valide Datenbasis, um die Akupunktur in die Standardtherapie aufzunehmen und damit zu einer Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen zu machen. „Notwendig wäre dafür ohnehin eine große randomisierte Studie im europäischen Setting“, so Gaul. Hinzu komme, dass sich auch die Frage nach der Praktikabilität stelle – schließlich würden die Patienten innerhalb von acht Wochen 20-mal akupunktiert. „Das bedeutet, sie erhielten alle drei Tage eine Akupunkturbehandlung, was im Praxisalltag natürlich kaum umzusetzen ist.“
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