Akute Herzinfarktversorgung in Thüringen: Einblicke des Thüringer Infarkt Netzwerkes

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Aktuelle Leitlinien empfehlen regionale Herzinfarkt-Netzwerke und die Teilnahme an Qualitätsmanagement-Programmen, um die Behandlungsqualität des akuten Herzinfarkts zu sichern und zu verbessern. Eine aktuelle Auswertung des Thüringer Infarkt Netzwerkes (ThIN) präsentierten PD Dr. Sylvia Otto und Prof. P. Christian Schulze vom Universitätsklinikum Jena auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK).

Die positive Bilanz der beiden wissenschaftlichen Studienleiter: Die akute Behandlung von Herzinfarktpatienten ist von hoher Qualität in den teilnehmenden Krankenhäusern in Thüringen. Die Krankenhaussterblichkeit sei vergleichbar mit Werten aus europäischen Herzinfarkt-Registern. Im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt hat die Thüringer Bevölkerung dennoch eine höhere Herzinfarktmorbidität und -mortalität, wie aus den jährlichen Deutschen Herzberichten bekannt ist. Otto und Schulze erklären diese Diskrepanz zwischen hoher akuter Versorgungsqualität gegenüber generell höheren Mortalitäts- und Morbiditätsraten mit der Verteilung von Risikofaktoren. Besonders ungesunde Angewohnheiten wie Rauchen, und Komorbiditäten wie Diabetes und hohe Blutfettwerte, seien in der Bevölkerung hoch vertreten und medizinisch schlecht kontrolliert. Basierend darauf sehen sie die Notwendigkeit für zielgerichtete Primär- und Sekundärpräventionsprogramme in Thüringen.

Akute Versorgung ein Problem im ländlichen Raum?

Im eher ländlich geprägten Bundesland Thüringen könnte eine zeitnahe Behandlung von akuten Herzinfarkten eine Herausforderung darstellen. Lokale Voranalysen zeigen, dass in ländlichen, strukturschwachen Regionen Patienten signifikant schlechter und später im Vergleich zu städtischen Regionen behandelt werden. Als Kernursachen hierfür nennen Otto und Schulze unter anderem eine schlechte außerklinische Diagnosestellung mit nachfolgender Fehllogistik und verspäteter Zuweisung des Patienten in ein Krankenhaus mit Bereitschaft für perkutane Koronarinterventionen.

Auswertung des Thüringer Infarkt Netzwerkes

Aktuelle und belastbare Daten über die Qualität der Herzinfarktversorgung in ganz Thüringen fehlen bislang. Das soll die Auswertung des ThIN ändern. Das Netzwerk gibt durch eine valide Datenbasis Einblicke über Outcome, Mortalität und Verteilung von Komorbiditäten und kardiovaskulären Risikofaktoren in Thüringen. Daneben soll durch Einführung einer unabhängigen, prospektiven und bundeslandweiten Infarkt-Datenbank die Behandlungsqualität kontinuierlich überwacht und hierüber Strategien zur Qualitätsverbesserung abgeleitet werden.

Das ThIN nimmt alle Herzinfarktpatienten in teilnehmenden Krankenhäusern anonymisiert und prospektiv in einer Datenbank auf. Dabei werden wichtige administrative, prozedurale, therapeutische und klinische Parameter für jeden Patientenfall detailliert erfasst. Auch werden prä- und innerklinische Behandlungszeiten (z.B. Symptombeginn, erster Kontakt mit medizinischem Fachpersonal, wann wurde das erste EKG geschrieben und Zeiten zwischen der Aufnahme im Krankenhaus und dem Behandlungsbeginn) vorrangig in „Echtzeit“ während der Herzkatheteruntersuchung dokumentiert.

Patienten mit vielen Risikofaktoren

Nach Angaben der Jenaer Mediziner wurden zwischen Januar 2018 und Juni 2021 insgesamt 1125 Herzinfarktpatienten (Durchschnittliches Alter 65 Jahre, 71% männlich) von neun teilnehmenden Krankenhäusern in der Datenbank registriert. Mit 54 Prozent war die Rate an aktiven Rauchern hoch, weitere elf Prozent haben in der Vergangenheit geraucht. Etwa ein Drittel der registrierten Patienten war an Diabetes erkrankt. Mittels des Laborparameters HbA1c stellten die Behandler zusätzlich fest, dass der Diabetes oft unzureichend behandelt war. Auch die Sekundärprävention von Patienten mit bekannter kardiovaskulärer Vorerkrankung oder Diabetes sei nicht zufriedenstellend gewesen (LDL 2,80±1,24 mmol/l und 3,03±1,25 mmol/l), wie Otto und Schulze berichten.

Leitliniengerechte Behandlung

Fast alle Patienten haben eine akute Reperfusions-Behandlung mittels Herzkatheter mit einer medianen Zeit von medizinischem Erstkontakt bis zur Behandlung von 87 Minuten und einer medianen Zeit von der Aufnahme im Krankenhaus bis zur Behandlung von 46 Minuten erhalten. Dies liegt innerhalb den von der Leitlinie vorgegebenen Zeiten (90 bzw. 60 Minuten).

Rund die Hälfte (49%) der Patienten wies bei Entlassung aus dem Krankenhaus keine signifikante Einschränkung der Pumpleistung des Herzens auf und nur bei zehn Prozent war diese erheblich beeinträchtigt. Etwa zwölf Prozent der Patienten sind laut Otto und Schulze mit einem kardiogenen Schock ins Krankenhaus gekommen. Von dieser Patientengruppe ist etwa die Hälfte (48%) verstorben, was internationalen Vergleichen entspricht.

Insgesamt lag die Krankenhaussterblichkeit bei 12,6 Prozent. Wenn sich die Patienten bei Ankunft im Krankenhaus jedoch nicht in einem kritischen Zustand (kardiogener Schock) befanden, war die Sterblichkeit mit 7,4 Prozent deutlich niedriger. Die Anschlussbehandlung nach dem Herzinfarkt als Teil der Sekundärprävention bewerten die Experten als insgesamt gut, sie entspreche den aktuellen Leitlinien. Fast alle Patienten erhalten eine Cholesterin-senkende Therapie (89%).

(ah)