Alzheimer: Könnten bizarre visuelle Symptome ein verräterisches Anzeichen sein?1. Februar 2024 Symbolbild.© Augenpraxisklinik Esslingen/Prof. Krzizok und Kollegen In circa 10 Prozent der Alzheimer-Fälle treten frühzeitig seltsame visuelle Störungen auf. Wenn dies geschieht, ist es fast immer ein Zeichen für den bevorstehenden Ausbruch der Krankheit, so eine neue großangelegte Studie eines internationalen Forscherteams unter der Leitung der University of California – San Francisco (UCSF), USA. Die Studie umfasst Daten von mehr als 1000 Patienten an 36 Standorten in 16 Ländern. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden im Fachjournal „Lancet Neurology“ veröffentlicht. Die Forscher fanden heraus, dass PCA (Posterior cortical atrophy) eine Vorhersage für die Alzheimer-Krankheit sein kann. Etwa 94 Prozent der PCA-Patienten wiesen eine Alzheimer-Pathologie auf. Die restlichen sechs Prozent hatten Erkrankungen wie die Lewy-Körperchen-Krankheit oder die frontotemporale Lobärdegeneration. Andere Studien hingegen zeigen, dass 70 Prozent der Patienten mit Gedächtnisverlust eine Alzheimer-Pathologie aufweisen. Anders als bei Gedächtnisproblemen haben Patienten mit PCA Schwierigkeiten, Entfernungen einzuschätzen, zwischen bewegten und unbewegten Objekten zu unterscheiden und Aufgaben wie Schreiben oder das Auffinden eines heruntergefallenen Gegenstandes zu bewältigen, obwohl die Augenuntersuchung normal ausfällt, so die Mitautorin Marianne Chapleau von der UCSF-Abteilung für Neurologie, dem Memory and Aging Center und dem Weill Institute for Neurosciences. Nach Angaben der Forscher haben die meisten PCA-Patienten anfangs normale kognitive Fähigkeiten. Zum Zeitpunkt ihres ersten diagnostischen Besuchs, im Durchschnitt 3,8 Jahre nach dem Auftreten der Symptome, zeige sich jedoch eine leichte oder mittelschwere Demenz mit Defiziten in den Bereichen Gedächtnis, Exekutivfunktion, Verhalten sowie Sprache und Sprechen. Zum Zeitpunkt der Diagnose wiesen 61 Prozent eine „konstruktive Dyspraxie“ auf, heißt eine Unfähigkeit, einfache Diagramme oder Figuren zu kopieren oder zu konstruieren. Des Weiteren hätten 49 Prozent ein „Raumwahrnehmungsdefizit”, meint Schwierigkeiten, den Ort eines Objekts zu identifizieren, das sie sahen und 48 Prozent eine „Simultanagnosie”, eine Unfähigkeit, mehr als ein Objekt gleichzeitig visuell wahrzunehmen. Darüber hinaus hatten 47 Prozent neue Probleme mit grundlegenden mathematischen Berechnungen und 43 Prozent mit dem Lesen, so die Autoren. Wir brauchen bessere Instrumente und Schulungen, um Patienten zu erkennen „Wir brauchen ein größeres Bewusstsein für PCA, damit die Kliniker sie erkennen können“, betonte Chapleau. „Die meisten Patienten suchen ihren Augenarzt auf, wenn sie erste Sehsymptome verspüren, und werden dann an einen Augenarzt überwiesen, der die PCA möglicherweise ebenfalls nicht erkennt. Wir brauchen bessere Instrumente im klinischen Umfeld, um diese Patienten frühzeitig zu erkennen und sie behandeln zu können.“ Das Durchschnittsalter beim Auftreten von PCA-Symptomen liegt bei 59 Jahren, also einige Jahre jünger als bei der typischen Alzheimer-Krankheit. Dies ist ein weiterer Grund, warum Patienten mit PCA seltener diagnostiziert werden, fügte Chapleau hinzu. PCA-Patienten als Kandidaten für Anti-Amyloid-Therapien Co-Erstautor Renaud La Joie, von der UCSF-Abteilung für Neurologie und dem Memory and Aging Center, merkte an, dass die frühzeitige Erkennung von PCA wichtige Auswirkungen auf die Behandlung der Alzheimer-Krankheit haben könnte. Nach Angaben des Autors stimmten in der Studie die Amyloid- und Tau-Werte, die in der Liquorflüssigkeit und in bildgebenden Verfahren sowie in Autopsiedaten nachgewiesen wurden, mit denen überein, die bei typischen Alzheimer-Fällen gefunden wurden. Infolgedessen könnten PCA-Patienten Kandidaten für Anti-Amyloid-Therapien sein, wie Lecanemab (Leqembi), das im Januar 2023 von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen wurde, und Anti-Tau-Therapien, die sich derzeit in der klinischen Erprobung befinden und von denen man annimmt, dass sie in den frühesten Phasen der Krankheit effektiver sind, erklärte La Joie. „Patienten mit PCA haben mehr Tau-Pathologie in den hinteren Teilen des Gehirns, die an der Verarbeitung visuell-räumlicher Informationen beteiligt sind, als Patienten mit anderen Formen von Alzheimer. Das könnte sie für Anti-Tau-Therapien besser geeignet machen.“ Die Patienten wurden bisher meist von den Studien ausgeschlossen, da sie „normalerweise auf Patienten mit amnestischer Alzheimer-Krankheit mit niedrigen Werten in Gedächtnistests ausgerichtet sind“, so La Joie. „An der UCSF ziehen wir jedoch Behandlungen für Patienten mit PCA und anderen nicht amnestischen Varianten in Betracht.“ Dr. Gil Rabinovici, Direktor des UCSF Alzheimer’s Disease Research Center unterstrich: „Ein besseres Verständnis der PCA ist sowohl für die Patientenversorgung als auch für das Verständnis der Prozesse, die der Alzheimer-Krankheit zugrunde liegen, von entscheidender Bedeutung. Es ist wichtig, dass Ärzte lernen, das Syndrom zu erkennen, damit die Patienten die richtige Diagnose, Beratung und Pflege erhalten.“ „Aus wissenschaftlicher Sicht müssen wir wirklich verstehen, warum die Alzheimer-Krankheit speziell die visuellen Bereiche des Gehirns angreift und nicht das Gedächtnis. Unsere Studie ergab, dass 60 Prozent der PCA-Patienten Frauen waren – ein besseres Verständnis dafür, warum sie anfälliger zu sein scheinen, ist ein wichtiges Gebiet für die künftige Forschung,“ fügte Rabinovici abschließend hinzu.
Mehr erfahren zu: "Glaukom: Gängige Augensalben können Implantate schädigen" Weiterlesen nach Anmeldung Glaukom: Gängige Augensalben können Implantate schädigen Anhand klinischer und experimenteller Belege zeigt eine neue Studie der Nagoya-Universität (Japan), dass Augensalben auf Petrolatum-Basis ein bestimmtes Drainage-Implantat beeinträchtigen können.
Mehr erfahren zu: "Demenz vorbeugen: Warum Hörgerät und Brille wichtig fürs Gehirn sind" Demenz vorbeugen: Warum Hörgerät und Brille wichtig fürs Gehirn sind Was haben Hörgerät und Brille mit Demenzprävention zu tun? Mehr, als viele denken. Die gemeinnützige Alzheimer Forschung Initiative (AFI) zeigt, warum unbehandelte Hör- und Sehschwächen das Demenzrisiko erhöhen können – […]
Mehr erfahren zu: "Biosensoren: Mit leuchtenden GPCRs Licht ins Dunkel bringen" Biosensoren: Mit leuchtenden GPCRs Licht ins Dunkel bringen Einem Forschungsteam der Universitätsmedizin Mainz ist es gelungen, erstmals in lebenden Zellen zu beobachten, wie G-Protein-gekoppelte Rezeptoren auf Wirkstoffe reagieren.