Anästhesisten nutzen Gespräche, um positive Erwartungen vor einer OP zu stärken

Im Gespräch mit dem Patienten lassen sich sowohl positive als auch negative Erwartungen wecken. (Symbolfoto: ©Lumos sp/stock.adobe.com)

Worte vor einer Operation können Schmerzen, Angst, Opioidverbrauch und Komplikationsrisiken messbar beeinflussen – positiv oder negativ. Wie gut Anästhesisten hierzulande diese Erwartungseffekte kennen und nutzen, hat nun erstmals eine große Online-Umfrage gezeigt.

Behandlungsergebnisse hängen nicht nur von pharmakologischen oder technischen Interventionen ab, sondern auch von individuellen psychologischen Mechanismen. Zahlreiche Studien zeigen, dass Erwartungen und Vorerfahrungen der Patientinnen und Patienten einen relevanten Faktor für den Behandlungserfolg darstellen – entweder positiv als Placeboeffekt oder negativ als Noceboeffekt.

„In der Anästhesiologie begleiten wir Patient:innen in sensiblen Situationen, in denen Erwartungen den Behandlungserfolg maßgeblich beeinflussen können“, bestätigt Dr. Jana Aulenkamp, klinische Wissenschaftlerin an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen. Aulenkamp ist Initiatorin der Umfrage, deren Ergebnisse kürzlich in „BioMed Central (BMC) Anesthesiology“ publiziert wurden. Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt der Universitäten Duisburg-Essen, Bochum, Hamburg und Göttingen im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereichs SFB 289 „Treatment Expectation“ in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Schmerzmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI).

Befragung von Anästhesiologinnen und Anästhesiologen unterschiedlicher Karrierestufen

„Überraschend ist, wie häufig berichtet wird, dass Kommunikation gezielt zur Beeinflussung von Erwartungen genutzt wird, während das Wissen über zugrunde liegende Mechanismen, insbesondere bei Noceboeffekten sowie Placebo-Interventionen, noch begrenzt ist“, erklärt Aulenkamp die wichtigste Erkenntnis der Online-Befragung.

Diese wurde von April bis Mai 2024 unter deutschsprachigen Anästhesiologinnen und Anästhesiologen in verschiedenen klinischen Arbeitsumfeldern sowie Karrierestufen durchgeführt. Der Fragebogen erfasste theoretisches Wissen, wahrgenommene Relevanz, klinische Anwendung, Einstellungen zu Placebo-Interventionen sowie die Umsetzbarkeit spezifischer Strategien zur Verstärkung von Placeboeffekten und zur Minimierung von Noceboeffekten in der klinischen Praxis. Insgesamt gingen 650 Antworten ein, davon 436 vollständig.

Großteil beeinflusst bewusst Erwartungen im Gespräch

Das selbst eingeschätzte Wissen über Placeboeffekte wurde als moderat bewertet und war für Noceboeffekte geringer. Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung gaben ein geringeres Wissen an als Fach- und Oberärztinnen und -ärzte. Weibliche Teilnehmende schätzten ihr Wissen zudem niedriger ein als männliche Teilnehmende.

Die Befragten schätzten Placebomechanismen am klinisch relevantesten im Schmerzmanagement (78 %), in der Palliativmedizin (82 %) und in der Aufklärung und Prämedikation (68 %) ein. Während 72 Prozent den Einsatz von Placeboeffekten als akzeptabel und 18 Prozent als essenziell betrachteten, berichteten lediglich 35 Prozent über eine bewusste Anwendung des Placebowissens und nur 23 Prozent nutzten Strategien zur Reduktion von Noceboeffekten. Demgegenüber gaben 92 Prozent an, routinemäßig Kommunikationsstrategien zur Beeinflussung von Erwartungen einzusetzen.

Erwartungsmanagement in Leitlinien integrieren

Ferner ergab die Umfrage, dass Anästhesiologinnen und Anästhesiologen in Deutschland erwartungsbasierte Interventionen häufig in die klinische Praxis integrieren. Dennoch bestehen insbesondere im Hinblick auf Noceboeffekte Lücken im theoretischen Wissen sowie in der bewussten, systematischen Anwendung.

„Unsere Ergebnisse deuten auf ein Paradoxon hin: Wir sind uns zwar der Notwendigkeit von Kommunikationsstrategien zum Wohle unserer Patient:innen bewusst, jedoch fehlt uns die detaillierte Kenntnis über die zugrunde liegenden Mechanismen“, resümiert Aulenkamp. Gleichzeitig äußerte die Mehrheit der Befragten die Bereitschaft, ihr Verständnis weiter vertiefen zu wollen. Zielgerichtete Schulungen und evidenzbasierte Leitlinien könnten eine ethische und strukturierte Integration von Placebo- und Noceboeffekten in die perioperative Versorgung fördern und die Patientenversorgung sowie -sicherheit in der Anästhesiologie verbessern.

„Die Ergebnisse sind für uns sehr ermutigend, da sie klare Ansatzpunkte für strukturierte Weiterbildung, bessere Kommunikation und ethisch fundierte Leitlinien bieten, um Patientensicherheit und Versorgungsqualität im perioperativen Kontext nachhaltig zu stärken“, argumentiert Prof. Joachim Erlenwein, Schmerzmediziner an der Universitätsmedizin Göttingen, Direktor des Deutschen Schmerzzentrums Mainz sowie Sprecher der Sektion Schmerzmedizin der DGAI. Zukünftig ist die Einwicklung von Weiterbildungsformaten geplant, um sich dem Thema aus juristischer Perspektive in Bezug auf die Transparenz, Aufklärung und den rechtlichen Rahmen wie Ethikfragen zu nähern.

Täuschende Praktiken weit verbreitet, aber Offenheit für Alternativen

Die Umfrage legt auch ein ethisches Dilemma offen: So gab nahezu die Hälfte der Befragten an, täuschende und „unreine“ Placebos (bspw. in Form von Unterdosierungen) einzusetzen – wobei nur 7,5 Prozent diese Anwendung gegenüber ihren Patientinnen und Patienten offenlegten. Dies birgt das Risiko, die Patientenautonomie zu untergraben, selbst wenn die Intention ist, therapeutische Ergebnisse zu maximieren. Die Forscher heben hervor, dass die weitverbreitete Akzeptanz täuschender Praktiken, die von vielen Befragten als ethisch vertretbar eingeschätzt wird, im Gegensatz zu zeitgemäßen Aufklärungsstandards steht, welche Transparenz und eine gemeinsame Entscheidungsfindung betonen.

Zugleich berichteten bereits 27 Prozent den Einsatz von Open-Label-Placebos, bei denen Patientinnen und Patienten über die Placebogabe informiert sind. Dies deutet auf eine zunehmende Offenheit für Alternativen hin, die den therapeutischen Nutzen bewahren und zugleich die Autonomie der Patientinnen und Patienten respektieren.

Relevanz für alle medizinischen Bereiche

Prof. Ulrike Bingel, Sprecherin des SFB Treatment Expectation und Leiterin der Universitären Schmerzmedizin der Universitätsmedizin Essen, fordert: „Mich freut es sehr, dass in der Anästhesie die Bedeutung von Kommunikation bereits in der Breite anerkannt ist und gelebt wird. Aber wir müssen versuchen, den aktiven Einsatz des Erwartungsmanagements systematisch in die Leitlinien zu integrieren und in den Behandlungsstandards zu verankern. Das gilt natürlich nicht nur für die Anästhesie, sondern eigentlich für alle Bereiche der Medizin.“