Angst vor COVID-19 verzögert Diagnose und Therapie bei Krebspatienten14. Mai 2020 Die Zahl der in Tumorkonferenzen vorgestellten Patienten ist im April deutlich gesunken, in einzelnen Institutionen um 30 bis 50 Prozent. (Foto: © bnenin/Adobe Stock) Die Angst von Patienten vor einer möglichen Infektion mit SARS-CoV-2 kann zu einer Verzögerung in der Diagnostik und Therapie anderer, auch Krebserkrankungen führen. Deutsche Kliniken beobachten, dass Patienten erst in sehr fortgeschrittenen Tumorstadien kommen und die Zahl der in Tumorkonferenzen vorgestellten Patienten mit frühen Tumorstadien sinkt. Die DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie warnt, dass die Angst vor COVID-19 nicht dazu führen darf, dass die Früherkennung oder die Durchführung wirksamer Therapien verzögert wird. Der Schaden für Patienten wäre immens. COVID-19 war das beherrschende Gesundheitsthema der vergangenen Wochen. Die Angst vor einer Ansteckung hat auch viele Krebspatienten zutiefst beunruhigt. Dabei stellt für die allermeisten Patienten die Krebskrankheit eine weitaus größere Gefahr für ihr Leben dar als COVID-19. Bisher liegen noch keine vollständigen Auswertungen zur Anzahl von Krebspatienen in Kliniken und Praxen vor. Es ist aber eine Tendenz zu beobachten, dass die Zahl der in frühen Stadien diagnostizierten Tumore wie Darm- oder Brustkrebs zurückgeht. Bei diesen Krankheitsbildern wird die Erstdiagnose häufig im Rahmen der Früherkennung gestellt. Diese Screening-Untersuchungen haben nicht stattgefunden, entsprechend ist mit einer Welle von Neudiagnosen im Sommer und Herbst dieses Jahres zu rechnen. Auch die Zahl der in Tumorkonferenzen vorgestellten Patienten ist im April deutlich gesunken, in einzelnen Institutionen um 30 bis 50 Prozent. Bei Patienten mit akut lebensbedrohlichen Krebserkrankungen wie akuten Leukämien haben sich die Zahlen dagegen kaum geändert. Einige Patienten sind aber erst in sehr fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert worden. Prof. Hermann Einsele, Vorsitzender der DGHO und Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Würzburg: “Wir sehen Leukämie- oder Myelompatientinnen und -patienten mit Komplikationen, die wir in den letzten Jahren eher nicht gesehen haben. Wir sehen auch Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen soliden Tumoren, die in den letzten beiden Monaten nicht zur Frühdiagnostik oder zu Verlaufskontrollen vorstellig wurden. Dabei zeigen die bisher verfügbaren Daten bei onkologischen Patientinnen und Patienten kein erhöhtes Ansteckungsrisiko. Das liegt möglicherweise an der bereits vorhandenen Achtsamkeit dieser Patientinnen und Patienten, die sie aber auch von Arztbesuchen abhält.” In diesem Zusammenhang macht Prof. Lorenz Trümper, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO und Direktor der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen, deutlich, dass sowohl alle diagnostischen als auch therapeutischen Maßnahmen von Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen wahrgenommen werden sollten. “Natürlich können wir die Angst unserer Patientinnen und Patienten vor einer möglichen Infektion mit SARS-CoV-2 verstehen. Aus diesem Grund möchten wir ihnen versichern, dass in unseren Kliniken und Institutsambulanzen alle notwendigen Vorsichts- und Schutzmaßnahmen getroffen werden und dass wir alles daransetzen, entsprechende Maßnahmen bezüglich des neuen Infektionsgeschehens in die gängigen Abläufe der Krebstherapie zu integrieren. Deswegen haben wir die Onkopedia-Leitlinien für mehr als 60 Krebserkrankungen ergänzt und eigene Kapitel zu COVID-19 und Krebs erstellt.” Auch systemische Tumortherapien werden fortgeführt, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Praxen und Ambulanzen haben große Anstrengungen unternommen, Therapien regelhaft mit räumlicher Distanz und zeitlicher Entzerrung durchzuführen. Prof. Wolfgang Knauf, Vorsitzender des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland – BNHO, betont, dass sich auch die niedergelassenen Kollegen in ihren Praxen auf das neue Infektionsgeschehen eingestellt haben. “In den Zeiten von COVID-19 halten wir weiterhin alle Diagnostik- und Therapiekonzepte vor. An manchen Stellen haben wir aber unsere Strukturen und Abläufe angepasst. So kann – wenn medizinisch vertretbar – in bestimmten Fällen eine telefonische oder telemedizinische Besprechung anstatt der physischen Einbestellung einer Patientin oder eines Patienten sinnvoll sein. Klar ist: Trotz dieser Anpassung gewährleisten wir selbstverständlich alle notwendigen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen und können unsere Patientinnen und Patienten zu jeder Zeit entsprechend betreuen und behandeln.” Die DGHO hat in Onkopedia inzwischen die 11. Aktualisierung ihrer Empfehlungen zum Umgang mit COVID-19 bei Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen publiziert. Sie enthalten Empfehlungen zum Schutz vor Infektionen, zur Identifikation von Risikopersonen für schwere Verläufe von COVID-19, zum Einsatz antiviral wirksamer Arzneimittel und zur Prophylaxe von Komplikationen wie Thrombosen und weiteren Infektionen. Diese Empfehlungen sind für alle offen, nicht nur für Ärzte. Patienen mit Blut- und Krebserkrankungen müssen für die nächsten Monate lernen, auch die Angst vor COVID-19 in den Umgang mit ihrer Krebskrankheit zu integrieren. Corona Taskforce appelliert an Bevölkerung Dass Abklärungs- und Früherkennungsuntersuchungen immer noch nicht wie gewohnt stattfinden und die Angst der Patienten vor einer COVID-19-Ansteckung beim Arztbesuch das Problem zusätzlich verschärft, sieht auch die Corona Taskforce von Deutscher Krebshilfe, Deutscher Krebsgesellschaft und dem Deutschen Krebsforschungszentrum und hält dies in ihrem wöchentlichen Report fest. Die Experten appellieren an die Bevölkerung, auch während der COVID-19-Pandemie Ärzte und Krankenhäuser aufzusuchen und Untersuchungstermine wahrzunehmen. „Die aktuellen Zahlen der Taskforce geben weiterhin Grund zur Sorge. Wir sind noch nicht in einem klinischen Normalbetrieb“, betont Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe. „Die Verantwortlichen müssen sicherstellen, dass die Versorgung von Krebspatienten nicht vernachlässigt wird. Auch die ausgesetzten Arztbesuche zur Abklärung von Beschwerden und Früherkennung sind beunruhigend.“ „Krebs nimmt keine Rücksicht auf die Corona-Krise. Patienten sollten daher keinesfalls zögern, verdächtige Symptome abklären zu lassen“, appelliert auch Prof. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums und ergänzt: „Wenn wir die Bugwelle an ausstehenden dringlichen Untersuchungen und aufgeschobenen Behandlungen weiterhin vor uns herschieben, dann müssen wir auch in Deutschland mit einer steigenden Zahl von krebsbedingten Todesfällen rechnen.“ „Umso wichtiger ist die Rückkehr zu einer normalen Krebsversorgung“, bestätigt ebenfalls Prof. Olaf Ortmann, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. „Die Taskforce hat sich daher auch an die Vorstände der Trägereinrichtungen großer Krebszentren in Deutschland gewandt, mit der dringenden Bitte, den klinischen Regelbetrieb wiederherzustellen und unseren Appell an die Bevölkerung zu unterstützen, auch mit der Hilfe der vorhandenen regionalen klinischen Versorgungsnetzwerke. Wir sehen zwar mittlerweile Verbesserungen in verschiedenen Versorgungsbereichen, die zuvor Einschränkungen aufwiesen. Doch jetzt ist es vor allem wichtig, dass bei der Wiederherstellung des Regelbetriebs Patienten mit nicht abgeklärten Symptomen sowie verschobene Krebstherapien besonders berücksichtigt werden.“ Seit Beginn der Krise hat die vom Deutschen Krebsforschungszentrum, der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft gegründete Taskforce die Situation von Krebspatienten sehr genau beobachtet. Das Ziel: Versorgungsengpässe und -einschränkungen im Sinne der Patienten frühzeitig zu erkennen und den Dialog mit politischen Entscheidungsträgern zu suchen. Auslöser war eine zunehmende Anzahl von Anfragen besorgter Krebspatienten bei den onkologischen Informations- und Beratungsdiensten. Diese deuteten darauf hin, dass aufgrund der Corona-Krise bei einzelnen Betroffenen diagnostische Maßnahmen oder Therapien verkürzt oder verschoben wurden. In Einzelfällen wurden sogar dringlichere Behandlungen ausgesetzt. Die wöchentliche Auswertung der Taskforce beruht auf der systematischen Befragung von 34 Krebszentren in Deutschland. Darüber hinaus gehen Patientenrückmeldungen über die Krebsinformationsdienste der Deutschen Krebshilfe und des Deutschen Krebsforschungszentrums in die Auswertung ein.
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