Aphasie: Greifswalder Wissenschaftler wollen tDCS als Therapie etablieren

Die Lebensqualität von Patienten mit Sprachverlust im Blick – Prof. Agnes Flöel möchte die Wirksamkeit eines neuen Behandlungsverfahrens wissenschaftlich nachweisen. (Foto: UMG/Janke)

In Greifswald ist am 1. April 2019 eine bundesweite Studie zur Verbesserung der Aphasie-Therapie nach Schlaganfall gestartet. Die Studie mit einer Laufzeit von zwei Jahren und 15 beteiligten Klinikzentren wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 1,5 Millionen Euro gefördert.


Allein in Deutschland erleiden jährlich 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Ein Drittel der Überlebenden sind von einer Aphasie betroffen, einer Sprachstörung, die als direkte Folge des Schlaganfalls auftritt. Der Verlust des Sprachvermögens kann aber auch durch Kopfverletzungen nach einem Unfall, durch einen Tumor oder entzündliche Gehirnprozesse ausgelöst werden. Während gut die Hälfte der Patienten ihre Sprache durch intensives Sprachtraining wiedererlangt, führt es in der anderen Hälfte zu einem langwierigen und chronischen Verlauf. Umso wichtiger sind ein aktives und intensives Sprachtraining.

Neurologen wollen das Gehirn zweigleisig aktivieren

„Eine intensive Sprachtherapie kann zu alltagsrelevanten kommunikativ-sprachlichen Verbesserungen bei chronischen Aphasien führen, wie in einer deutschlandweiten multizentrischen Studie gezeigt werden konnte. Allerdings sind die beobachteten Zuwächse vergleichsweise gering“, sagte Prof. Agnes Flöel, Direktorin der Neurologischen Klinik an der Universitätsmedizin Greifswald (UMG). „Dieser Umstand bekräftigt die Dringlichkeit neuer Strategien in der Behandlung chronischer Aphasien, so etwa der therapiebegleitende Einsatz der Gleichstromstimulation (engl. transcranial direct current stimulation; tDCS).“

Hierbei handelt es sich um ein gut verträgliches und in der Anwendung kostengünstiges Verfahren. Parallel zum Sprachtraining werden die entsprechenden Sprachareale im Gehirn durch leichte elektrische Impulse stimuliert, um die Lernabläufe zu erleichtern. Bis auf ein leichtes Kribbeln am Anfang ist das Verfahren, jeweils zweimal 20 Minuten, sehr schonend, nicht spürbar und ohne Nebenwirkungen.

Bisherige kleinere Studien haben gezeigt, dass Patienten in Tests nach intensiver Sprachtherapie und gleichzeitiger Gleichstromanwendung in den betroffenen Gehirnarealen mittlere bis große Effektstärken erzielten. Um diese vielversprechenden Ergebnisse erfolgreich in die klinische Praxis zu überführen, bedarf es in einem nächsten Schritt einer größeren multizentrischen, wissenschaftlichen Studie mit ausreichender Probandenanzahl, Behandlungsdauer und aussagekräftigen diagnostischen Instrumenten.

„Das Ziel unserer Studie besteht darin, einen therapeutischen Mehrwert durch das noch relativ junge Verfahren bei chronischen Aphasien eindeutig nachzuweisen“, betonte Flöel. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen in den kommenden zwei Jahren 130 Menschen mit chronischen Aphasien, mindestens sechs Monate nach Beginn der Erkrankung, in insgesamt 15 teilnehmenden Studienzentren zufällig einer von zwei Behandlungsformen mit und ohne Gleichstromstimulation zugewiesen werden.  Das Training für Patienten wird im Herbst 2019 beginnen, Interessenten können sich ab sofort melden.

„Bestätigt sich ein therapeutischer Mehrwert durch den zusätzlichen Einsatz einer Gleichstromstimulation, könnten die erwarteten Ergebnisse mittel- und langfristig die Lebensqualität von Menschen mit chronischen Aphasien und ihren Angehörigen erheblich steigern“, betonte die Neurologin.