Appendektomie oder Anbiotika bei Appendizitis? Neue Erkenntnisse zum Darmkrebsrisiko

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In einer vergleichenden Studie, in die mehr als 30.000 Appendizitis-Patienten eingeschlossen waren, war eine Appendektomie gegenüber Antibiotika bei Appendizitis mit einem um 58 Prozent geringeren relativen Risiko für eine spätere Darmkrebsdiagnose verbunden.

Die genauen Mechanismen hinter diesem Zusammenhang sind unbekannt, könnten aber mit der Früherkennung einer zugrunde liegenden Krebserkrankung, der Beseitigung einer Entzündungsquelle und der potenziellen Rolle des Appendix für das Darmmikrobiom und Immunsystem zusammenhängen. Vorgestellt wurden die neuen Forschungsergebnisse auf dem diesjährigen Kongress der American College of Surgeons (ACS; 26.-29.09., Washington/USA)

Langfristige Gesundheitsergebnisse im Mittelpunkt

„Die Behandlung der akuten Appendizitis hat sich im vergangenen Jahrzehnt deutlich verändert, und die Antibiotikatherapie ist heute eine anerkannte Option“, erklärte Dr. Valentine Nfonsam, Professor und stellvertretender Leiter der chirurgischen Abteilung an der Morehouse School of Medicine in Atlanta (USA) sowie Seniorautor der genannten Studie. „Die Diskussion hat sich jedoch bisher hauptsächlich auf kurzfristige Ergebnisse konzentriert: auf die Vermeidung einer Operation, auf Rezidive, Komplikationen und die Lebensqualität. Wir wollten eine andere Frage stellen: Gibt es potenzielle langfristige onkologische Auswirkungen, wenn der Appendix nach einer Appendizitis an Ort und Stelle belassen wird?“

Die Forschenden führten zogen für ihre retrospektive Kohortenstudie Daten des TriNetX Global Collaborative Network heran. Es enthält Informationen aus 168 Gesundheitseinrichtungen. Die Studienautoren identifizierten zunächst Patienten, bei denen eine akute Appendizitis diagnostiziert worden war. Diese wurde entweder mit einer Appendektomie behandelt oder ausschließlich mit Antibiotika.

Nach einem Matching hinsichtlich der Merkmale umfasste jede Behandlungsgruppe 15.774 Patienten. Nach Ausschluss derjenigen, bei denen schon vor der Erfassung der Outcomes eine Darmkrebsdiagnose gestellt wurde, verblieben 15.616 Patienten mit Appendektomie und 15.295 Patienten, die mit Antibiotika behandelt wurden.

Die Forschenden stellten fest, dass bei 110 Patienten (0,7%), die sich einer Appendektomie unterzogen hatten, Darmkrebs diagnostiziert wurde, verglichen mit 254 Patienten (1,7%), die wegen ihrer Appendizitis ausschließlich Antibiotika erhalten hatten. Die Appendektomie war mit einem um 58 Prozent geringeren relativen Risiko für eine nachfolgende Darmkrebsdiagnose verbunden.

„Diese Ergebnisse sollten nicht so interpretiert werden, dass jeder Patient mit Appendizitis eine Appendektomie braucht, um Krebs vorzubeugen“, unterstrich Nfonsam. „Die antibiotische Therapie bleibt eine wichtige Option. Bei der Diskussion über nicht operative Behandlungsansätze sollten wir jedoch über die akute Appendizitis-Episode hinausdenken und potenzielle langfristige onkologische Risiken sowie eine angemessene Überwachung berücksichtigen.“

Der Appendix als Player im Immunsystem?

Der Appendix galt lange als nutzloses Organ, ein Überbleibsel der Evolution. Neuere Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass er eine Rolle im intestinalen Immunsystem und im Darmmikrobiom, der Gemeinschaft von Bakterien und anderen Mikroorganismen im Verdauungstrakt, spielen könnte.

Laut Nfonsam enthält der Appendix eine beträchtliche Menge an lymphatischem Gewebe, das vermutlich zur Funktion des Immunsystems beiträgt. Veränderungen der Entzündungsprozesse und der mikrobiellen Umgebung wurden mit Prozessen in Verbindung gebracht, die bei Darmkrebs eine Rolle spielen. Daher stellen die biologischen Funktionen des Blinddarms ein mögliches Forschungsfeld dar.

Die Autoren weisen darauf hin, dass eine Appendizitis ein Symptom für ein größeres Problem im Verdauungssystem, wie beispielsweise Darmkrebs, sein kann. Die Entfernung des Blinddarms ermöglicht es Chirurgen, den Zustand des Verdauungssystems direkt zu untersuchen und eine Entzündungsquelle zu beseitigen.

„Der Appendix ist mehr als nur ein rudimentäres Organ“, unterstrich Nfonsam. „Er ist reich an lymphatischem Gewebe und am dortigen Darmmikrobiom und Immunsystem beteiligt. Ob eine anhaltende Entzündung oder Veränderungen der lokalen mikrobiellen Umgebung zur Krebsentstehung beitragen, ist biologisch plausibel, aber unsere Studie konnte diese Frage nicht beantworten.“

Bei manchen Patienten kann eine Appendizitis ein frühes Anzeichen für einen noch nicht diagnostizierten Darmkrebs darstellen – nicht etwa die Ursache für eine spätere Krebserkrankung. Beispielsweise kann ein okkulter Tumor im rechten Dickdarm den Abfluss aus dem Blinddarm behindern und sich zunächst als akute Blinddarmentzündung äußern.

Die Appendektomie ermöglicht zudem die pathologische Untersuchung des entfernten Blinddarms. Die Ergebnisse dieser Untersuchung können weitere diagnostische Tests erforderlich machen.

„Die Behandlung [einer Appendizitis] sollte nicht standardisiert erfolge“, fasste Nfonsam zusammen. „Alter, genetische Veranlagung, Familienanamnese und andere Risikofaktoren für Darmkrebs können bei der Patientenauswahl und der Planung der Nachsorge eine Rolle spielen.“ (ac/BIERMANN)