Auf der VSOU-Tagung 2017 wurde über das Gesundheitssystem und seine Zukunft diskutiert7. Mai 2018 Bernd Kladny, Dietmar Pennig, Norbert Metke, Karl-Dieter Heller, Norbert Müller, Johannes Flechtenmacher (v.l.n.r.) (Foto: Biermann Medizin/Raabe) Im Rahmen des VSOU-Kongresses diskutierten Experten über Honorare, Sektorenübergreifende Versorgung und Priorisierung, also kurz und knapp: über das Gesundheitssystem – angeregt durch Impulsreferate. Wir werden gehört, aber haben nichts mehr zu sagen“, eröffnete Prof. Karl-Dieter Heller, Braunschweig, engagierter Berufspolitiker die Diskussionsrunde. Schreite die Ökonomisierung der Medizin weiter voran, bleibe die zuwendungsorientierte Medizin irgendwann auf der Strecke, konstatierte er. Die Privatisierungswelle und das unzulängliche DRG-System seien nur zwei der großen Probleme, mit denen Ärzte zu kämpfen hätten. Er beklagte eine breit geführte Neiddebatte, sobald Ärzte über Honorare und nicht finanzierte Leistungen redeten. Eine Frage der Justiz? „Die Politik erwartet in der Medizin höchstmögliche Qualität, will dafür aber nicht bezahlen“, brachte es Rechtsanwalt Norbert Müller, Bochum, auf den Punkt. So ginge es ihr bei den viel gepriesenen Kooperationsmodellen letztendlich auch nur um Einsparungen, erklärte er in seinem Impulsreferat. „Wie sieht es denn in der Praxis aus?“, fragte er und ordnete die Fälle in Modelle ein – auch um zu provozieren: „Gib mir das Geld, dann bringe ich Dir Patienten“, bezeichnete er als „Erpressungsmodell“, „Bring‘ mir Patienten, dann geb‘ ich Dir Geld“ als „Bestechungsmodell“ und „Gemeinsam sind wir stark“ als „Integrationsmodell“. Das Problem ist laut des Juristen aber, dass sich Erpressungs- und Bestechungsmodell nicht selten als Integrationsmodell tarnen und auch die Integrationsmodelle als rechtlich kritisch betrachtet werden. „Bleiben Sie sensibilisiert“, warnte er die Mediziner. Bisher hätten sich die Staatsanwaltschaften aufgrund Überlastung und Zeitamangel kaum geregt, doch Justizias Mühlen mahlten langsam, aber stetig. Mehr Arbeit, höherer Lohn? Dr. Norbert Metke, niedergelassener Orthopäde und Vorsitzender der KV Baden-Württemberg stellte klar, dass in seinem Bundesland von 60 Millionen Krankheitsfällen lediglich nur zwei Millionen im Krankenhaus behandelt werden müssten. „Der Großteil der Versorgung findet in den Praxen statt, hier spiele also die Sektorenübergreifende Versorgung gar keine Rolle. In seinem Vortrag dröselte er die komplexen Zusammenhänge der ärztlichen Honorierung am Beispiel Baden-Württembergs auf und übte Kritik an der ärztlichen Budgetierung. Die Honorarsituation der Fachärzte bewertete Metke in seinem Vortrag aber auch als „gar nicht so schlecht“. Der überwiegende Teil (65 %) komme mit unbudgetierten Leistungen wie ambulanten OPs etc. gut zurecht. Als ein Problem machte er die ICD-10-Diagnose-Schlüssel aus – ein System, das hoffnungslos veraltet sei. „Gegenüber von vor 20 Jahren bildet es nicht mehr die Therapeutika ab, die heute zu jeder Diagnose zur Verfügung stehen.“ Ein weiteres Problem sei die „ungleiche“ Terminvergabe zwischen Privat- und Kassenpatienten „auch wenn es sich dabei nur um ein Ungleichheitsgefühl handelt“, betonte Metke. „Wenn wir das nicht bald irgendwie lösen, steht die Bürgerversicherung in ihrer brutalsten Form schnell vor unserer Tür“, gab er sich überzeugt. Finde man aber eine Lösung, sah er durchaus auch Chancen, dass die derzeitige Koaltion eine entbudgetierte Vergütungsform nach dem Prinzip „mehr Arbeit = höhere Lohn“ für die Zukunft finden könne. Eingeschränkte Therapiefreiheit? Prof. Dietmar Pennig, DGU-Generalsekretär, Köln, fragte in seinem Referat, ob die Priorisierung zur Einschränkung der Therapiefreiheit der Ärzte führen wird? In den Diskussionen über „angeblich erschöpfte Budgets oder lange Wartezeiten auf Facharzttermine“ komme immer wieder die Forderung nach Rationierung und Priorisierung ärztlicher Leistungen auf, erklärte er. Seit den späten 1980er Jahren werde diese Debatte international geführt mit unterschiedlichen Ansätzen in den westlichen Ländern. Doch nirgendwo führten sie auch zu den erhofften Einsparungen, so die ernüchternde Feststellung der Experten. „Überall werden jedoch zuvor lange und öffentliche Debatten darum geführt, wodurch das Versorgungsgeschehen insgesamt an Transparenz gewinnt“, so Pennig. Für die zukünftige Kostenentwicklung im Gesundheitssystem hielt er zwei Faktoren für bestimmend: Den demografischen Wandel als treibende Kraft und quasi als Gegenspieler die Innovationen im Gesundheitssystem, die jede Altersgruppe gesünder werden lasse. Allerdings seien diese derzeit durch Reformvorhaben und Verstaatlichungen bedroht, was die Kosten letztendlich steigen lassen werde. Pennigs Fazit: „Rationierung und Priorisierung sind unangenhem, sie werden kommen und sie werden zu Verteilungskämpfen führen.“ Einheitliche Gebührenordung oder Bürgervericherung? Über all dem stand die Frage der Mediziner zu den Gedankenspielen von Gesundheitspolitkern, das Gesundheitssystem in Deutschland grundlegend zu reformieren: „Was ist bedrohlicher: Eine einheitliche Gebührenordnung oder die Bürgerversicherung?“, formulierte es Heller. „Ich meine ersteres“, gab er sich zugleich die Antwort, „denn dann geht gar nichts mehr“ – keine guten Aussichten für Ärzte und Patienten. (hr)
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