Auftakt für das Primärarztsystem27. Januar 2026 Foto: hkama/stock.adobe.com Der Zugang zu Fachärzten soll neu organisiert werden, helfen soll ein Primärarztsystem. Erklärte Ziele: Kürzeres Warten auf Termine und eine effizientere Versorgung in Zeiten steigender Gesundheitskosten. Es wird eine Großoperation. Wie schnell kann man zur Orthopädin oder zum Hautarzt gehen? Häufig müssen Kassenpatienten darauf wochenlang warten. Für verlässlichere Termine bei Fachärztinnen und Fachärzten soll nach Plänen der schwarz-roten Koalition künftig eine gezieltere Patientensteuerung sorgen. Und zwar nach der Maxime: in der Regel erst einmal in die Hausarztpraxis. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) lud für den 27. Januar zum Auftakt für einen Dialog mit den Akteuren von Ärztevertretern bis zu den Krankenkassen. Die oppositionellen Grünen sehen ein großes Potenzial, warnen aber vor neuen Überlastungen. Primärarztsystem: Modell und Details Union und SPD wollen laut Koalitionsvertrag ein verbindliches Primärarztsystem einführen. Die Hausarztpraxis überweist dann bei Bedarf und mit einem Termin in einem bestimmten Zeitraum an Fachärztinnen und Fachärzte. Klappt das nicht in einer Praxis, soll man auch zu Fachärzten in eine Klinik gehen können. Das soll eine „Termingarantie“ darstellen. Bei Kindern sollen Kinderärzte die erste Anlaufstelle sein. Ziel ist eine effizientere Versorgung auch mit weniger unnötigen Mehrfachuntersuchungen. Wie genau dieses Primärarztsystem ausgestaltet wird, ist noch offen. Warken will dazu jetzt zunächst einen Fachdialog starten. Laut Koalitionsvertrag sollen Termine bei Frauen- und Augenärzten vom Erst-zum-Hausarzt-Prinzip ausgenommen sein. Für Patienten mit bestimmten schweren chronischen Erkrankungen sollen „geeignete Lösungen“ kommen – zum Beispiel Jahresüberweisungen oder dass ein Fachinternist die Rolle als steuernder Primärarzt übernehmen kann. Der geplante Umbau gehört zu den Großprojekten dieser Wahlperiode, und es ist ein Eingriff in ein komplexes System: 578 Millionen Behandlungsfälle und eine Milliarde Kontakte von Patienten zu Fach- und Hausärzten gibt es nach Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung pro Jahr in den bundesweit 98.500 Praxen. Warken peilt im Sommer einen ersten Referentenentwurf für ein Gesetz an. „Greifen wird die Primärversorgung aber erst im Laufe des Jahres 2028“, erläuterte sie in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Steuerungsinstrumente und digitale Voreinschätzung Grundsätzlich gilt in Deutschland freie Arztwahl, und die soll nicht abgeschafft werden. Viele gehen auch schon jetzt zuerst zum Hausarzt und dann mit einer Überweisung weiter zur Folgebehandlung oder tiefergehenden Untersuchung bei Spezialisten. Generell verpflichtend sind Überweisungen aber nicht, sondern nur für bestimmte Fachärzte wie Radiologen. Damit ein neues System Anklang findet, sind auch schon Instrumente im Gespräch: etwa ein Bonus, wenn man sich daran hält oder eine Gebühr, wenn man doch direkt zum Facharzt geht. Kommen soll auch eine Art Lotsen-Stelle, bevor Patienten sich überhaupt auf den Weg zur Praxis machen. Laut Koalitionsvertrag soll „die flächendeckende Möglichkeit einer strukturierten Ersteinschätzung über digitale Wege in Verbindung mit Telemedizin“ geschaffen werden. Ideen gibt es bereits. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) schlug vor, dass man etwa bei einer Kassen-App seine Beschwerden eingibt und erfährt, ob ein Arztbesuch nötig ist oder eine Apotheke helfen könnte. Dazu gehören sollte demnach auch eine neutrale Plattform mit verfügbaren Praxisterminen. „Orientierung im Dschungel des Systems“ Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der Deutschen Presse-Agentur, ein gut gemachtes Primärarztsystem sei überfällig. „Patientinnen und Patienten kommen schneller und sicherer zur richtigen Behandlung und werden besser vor gefährlicher Über- und Fehlversorgung geschützt.“ Nötig sei aber ein System, das Haus- und Kinderarztpraxen nachhaltig stärke, statt sie zu überlasten – etwa mit mehr Zeit durch Vorhaltepauschalen statt Quartalslogik und mehr Teamversorgung in den Praxen statt starrer Zuständigkeitsgrenzen. „Rund 95 Prozent der Menschen haben heute bereits eine hausärztliche Anbindung, und etwa 90 Prozent der Anliegen lassen sich dort fachgerecht und abschließend lösen“, erläuterte Dahmen. „Steuerung wird vor allem bei den übrigen Fällen gebraucht, dann aber schnell und zielgenau.“ Langjährige Auswertungen zeigten zudem: „Gute hausärztliche Koordination kann unkoordinierte Facharztkontakte nahezu halbieren, die Notfallversorgung messbar entlasten und bei chronisch Erkrankten tausende schwere Komplikationen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle vermeiden.“ „Bloße Pflicht ohne Entlastung bringt keine bessere Versorgung“ Der Grünen-Politiker forderte: „Ministerin Warken muss nun liefern.“ Klar sei, dass eine bloße Pflicht ohne Entlastung keine bessere Versorgung bringe. „Im Gegenteil: Dann werden Hausarztpraxen zu Türstehern und bürokratischen Überweisungsstellen, Warteschlangen und Frust wären die Folge.“ Die Reform sei seit Monaten angekündigt, es brauche jetzt einen konkreten Gesetzentwurf. „Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass sie im Dschungel des Systems wieder verlässliche Orientierung bekommen.“ (dpa)
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