Augenbewegungstests decken Schädel-Hirn-Trauma Jahre nach Gehirnerschütterung auf

Symbolbild: © Angelov/stock.adobe.com

Eine Studie von Forschenden des CU Anschutz Marcus Institute for Brain Health legt nahe, dass Veteranen mit Gehirnerschütterungen auch mehr als zehn Jahre nach der Verletzung noch subtile, aber messbare Symptome eines Hirntraumas aufweisen können. Diese Veränderungen lassen sich mithilfe spezieller Augenbewegungstests erfassen.

Leichte Schädel-Hirn-Traumata sind bei Militärangehörigen häufig und treten auch bei Sportlerinnen und Sportlern sowie in der Allgemeinbevölkerung etwa durch Sportunfälle, Verkehrsunfälle oder Stürze auf. Zwar erholen sich die meisten Betroffenen innerhalb von Wochen oder Monaten, die neue Studie deutet jedoch darauf hin, dass bei einigen auch lange nach Abklingen der Symptome Veränderungen in Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Impulskontrolle bestehen bleiben können. Die Ergebnisse wurden kürzlich im „Journal of Neuro-Ophthalmology“ veröffentlicht.

Augenbewegungen machen subtile Hirnveränderungen sichtbar

„Die Augen sind direkt mit neuronalen Netzwerken verbunden, die Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung steuern“, erklärt Studienleiter Dr. Jeffrey Hebert, außerordentlicher Professor an der CU Anschutz School of Medicine und Forschungsdirektor am Marcus Institute. „Indem wir untersuchen, wie sich die Augen während einer kognitiv anspruchsvollen Aufgabe bewegen, können wir feine Veränderungen der Hirnfunktion erkennen, die in einer klinischen Routineuntersuchung oder in bildgebenden Verfahren möglicherweise nicht sichtbar sind.“

In die Studie wurden 78 Militärveteranen eingeschlossen, darunter 38 mit einer Vorgeschichte eines leichten Schädel-Hirn-Traumas und 40 ohne entsprechende Verletzung. Die Teilnehmenden absolvierten eine Reihe von Aufgaben zur Augenbewegung sowie kognitive Tests zur Erfassung exekutiver Funktionen wie Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Selbstkontrolle.

Veteranen mit früheren Gehirnerschütterungen zeigten häufiger verlangsamte und weniger präzise Augenbewegungen sowie geringere Leistungen in bestimmten aufmerksamkeitsbasierten Aufgaben. Einige dieser Unterschiede waren noch mehr als zehn Jahre nach der ursprünglichen Verletzung messbar.

Hebert betont, dass Augenbewegungen auf komplexen Netzwerken beruhen, die mehrere Hirnregionen umfassen. Aufgaben, bei denen Probanden rasch den Blick von einem visuellen Ziel abwenden oder ein Objekt schnell visuell erkennen und benennen müssen, prüfen nicht nur die Sehfunktion, sondern auch die kognitive Kontrolle – darunter die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu fokussieren, Impulse zu unterdrücken sowie schnell und präzise zu reagieren. Da diese Prozesse von weitreichenden neuronalen Verbindungen abhängen, können auch mehrere leichte Verletzungen langfristige, schwer nachweisbare Effekte hinterlassen.

„Selbst wenn sich Betroffene subjektiv erholt fühlen, kann ihr Gehirn – insbesondere bei visuell anspruchsvollen Aufgaben oder in reizintensiven Umgebungen – unbemerkt weiterhin anders arbeiten“, so Hebert. „Objektive Augenbewegungstests geben uns eine messbare Möglichkeit, diese oft verdeckten Probleme zu erfassen.“

Bedeutung für die Langzeitbetreuung nach Gehirnerschütterung

Die Ergebnisse könnten wichtige Implikationen für die langfristige Versorgung nach leichten Schädel-Hirn-Traumata haben. „Standardbildgebende Verfahren wie die MRT erscheinen nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma häufig unauffällig, wodurch anhaltende Symptome objektiv schwer zu belegen sind“, erklärt Hebert. „Kognitiv anspruchsvolle Augenbewegungstests könnten Ärztinnen und Ärzten ein zusätzliches Instrument an die Hand geben, um fortbestehende kognitive Einschränkungen besser zu verstehen und Rehabilitationsstrategien gezielter anzupassen.“

Obwohl sich die Studie auf Militärveteranen konzentrierte, könnten die Ergebnisse auch für Sportlerinnen und Sportler, Einsatzkräfte und Zivilpersonen mit zurückliegenden Gehirnerschütterungen relevant sein.

Die Forschenden betonen, dass sich die meisten Menschen nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma gut erholen. Die Identifikation jener Personen, bei denen subtile Beeinträchtigungen fortbestehen, könnte jedoch Nachsorge, Langzeitüberwachung und Therapieplanung verbessern und so eine gesündere neuronale Adaptation unterstützen.

Künftige Studien sollen untersuchen, ob die Integration kognitiv anspruchsvoller Augenbewegungstests in die routinemäßige Diagnostik von Gehirnerschütterungen dazu beitragen kann, Schädel-Hirn-Traumata besser zu identifizieren, den Genesungsverlauf zu verfolgen und Therapieentscheidungen gezielter zu steuern.

(lj/BIERMANN)

Außerdem interessant zum Thema Schädel-Hirn-Trauma:

Schweres Schädel-Hirn-Trauma: Frühe Neurorehabilitation reduziert Risiko für Alzheimer